Mit elf in der Zweiten Bundesliga
Die Engländerin Bodhana Sivanandan hat in Lübeck für den Hamburger SK II in der Zweiten Bundesliga Nord debütiert. Gegen Levi Malinowsky hielt sie ein Remis in schwieriger Stellung, gegen Magnus Arndt drehte sie eine schlechte Partie und gewann ein Turmendspiel.
Im alten Beichtsaal des Europäischen Hansemuseums auf dem Lübecker Burghügel saß am Sonntag eine Elfjährige am dritten Brett und hatte ein Problem. Bodhana Sivanandan hatte mit Schwarz gegen Magnus Arndt von der SK Doppelbauer Turm Kiel (Elo 2352) die Vorstoßvariante der Caro-Kann-Verteidigung auf dem Brett, ihr Gegner hatte sich eine sehr gute Eröffnung ausgesucht, und sie stand schlecht. Nach 59 Zügen war die Partie trotzdem ihre. Es war ihr zweiter Einsatz in der Zweiten Bundesliga überhaupt, und mit 1,5 Punkten aus zwei Partien ging ihr Debüt für den Hamburger SK II besser aus, als es nach der Eröffnung aussah.
Sivanandan ist 11 Jahre alt, spielt für England und gilt seit der Olympiade in Samarkand als jüngste Großmeisterin (WGM) der Geschichte. In der Zweiten Bundesliga ist sie vermutlich eine der jüngsten Spielerinnen, die es dort je gegeben hat. Für den HSK hatte sie schon in der Frauenbundesliga gespielt. Frederic Friedel von ChessBase hat den Kontakt zum Verein vermittelt und darauf bestanden, dass sie bei den Männern spielt.
Ein Remis im Beichtsaal
Die Zweite Bundesliga ist nach der Reform in zwei Staffeln geteilt. Wie in der ersten Liga spielen Reisepartner zwei Wettkämpfe an einem Wochenende, und so fuhr der HSK II ins nahe Lübeck, um dort am Samstag gegen den Gastgeber und am Sonntag gegen Kiel anzutreten. Der Lübecker SV, der sich nach dem Aufstieg verstärkt hat, hatte mit Bundestrainer Jan Gustafsson, Jonny Hector und Raj Tischbierek drei Großmeister am Brett und einen Elo-Schnitt von 2402. Die Hamburger hatten mit Nikolas Lubbe einen Großmeister und kamen auf 2355.
Der Start misslang: Tischbierek gewann gegen Jakob Weihrauch, Raphael Lagunow gegen Nico Zwirs, und es stand 0:2. Sivanandan spielte ihre erste Partie für den HSK gegen den FM Levi Malinowsky (Elo 2318). Ihre Initiative verschwand, die Stellung wurde problematisch, doch sie suchte Gegenspiel und rettete das Remis. Auch Bahne Fuhrmann gegen Hector und Henning Holinka gegen Bruno Engel teilten den Punkt, Merijn van Delft gewann gegen Justus Sommer. Dann stellte Malek Koniahli in Zeitnot eine gute Stellung gegen Julijan Plenca ein und verlor. Lubbe schlug am Spitzenbrett noch Gustafsson, aber das Ergebnis lautete 3,5:4,5 für Lübeck.
Am Sonntag ging der HSK II gegen Kiel (Elo-Schnitt 2308) als Favorit an die Bretter. In der ersten Stunde sah es trotzdem nicht gut aus, weil die Hamburger fast überall in der Eröffnung überrascht worden waren. Holinka und Koniahli remisierten, Weihrauch gewann gegen Niklas Callsen, Fuhrmann verlor gegen Alexander Bräutigam: 2:2. Van Delft entschied seine Partie gegen Simon Knudsen mit einem Figurenopfer, Zwirs verteidigte sich in einer verwickelten Stellung gegen Nicolai Maxime Ostensen, und plötzlich stand es 4:2. Sivanandans Sieg machte den Wettkampf sicher, Lubbe verlor am ersten Brett gegen Havard Haug, am Ende stand es 5:3.
Wo die Partie gegen Kiel kippte
Die Eröffnung brachte Sivanandan in Bedrängnis. Weiß opferte früh einen Bauern und schloss den Damentausch an, Schwarz musste den König nach f7 holen. André Schulz, der die Partie für ChessBase kommentiert hat, sah bei Schwarz Schwächen auf g5, g6 und e6 und bei Weiß trotz der hässlichen Doppelbauern auf der d-Linie etwas besseres Spiel. Das Bild änderte sich im 25. Zug. Nach Stockfish stand Weiß dort mit +0,9 leicht besser, genau war zum Beispiel 25.Ke3. Arndt spielte stattdessen 25.g4, um die h-Linie zu öffnen. Nach 25...hxg4 war die Partie mit −0,3 ausgeglichen, und nach 27.Sxg4 stand Schwarz mit −0,5 leicht besser; 27.f4 hätte die Lage bei −0,3 gehalten.
Die Entscheidung fiel später, im Doppelturmendspiel. Nach 38...Te7 hielt Weiß mit 39.Ta6+ noch, die Engine bewertet das mit −0,1 als ausgeglichen. Arndt nahm stattdessen mit 39.Txe7 den Turm, nach 39...Kxe7 40.Txa7 Kd7 war der weiße Freibauer auf c7 nicht mehr zu halten. Stockfish sieht Schwarz dort mit −5,0 auf Gewinn. Schulz lobt, dass Sivanandan das Turmendspiel danach sehr präzise führte. Nach dem 59. Zug endete die Partie mit dem Sieg von Schwarz.
Bodhana hat ein starkes Debüt gegeben und passt mit ihrer witzigen und kommunikativen Art gut zum HSK.Merijn van Delft, HSK-Mannschaftskapitän
Van Delft, der beide Wettkampfberichte auf der Vereinsseite geschrieben hat, verrät dazu noch: Ihr schachlicher Held ist Capablanca. Mit zwei Punkten aus zwei Partien war er selbst der erfolgreichste Hamburger des Wochenendes, vor Sivanandan mit 1,5.
Vom Lockdown zur jüngsten WGM
Sivanandan, geboren am 7. März 2015 in London, lernte Schach zu Beginn der Pandemie. Ein Besucher ihrer Eltern ließ ein Brett zurück, ihr Vater brachte ihr die Regeln bei, den Rest holte sie sich aus YouTube-Videos. 2021 spielte sie ihr erstes Turnier im Harrow Chess Club, 2022 gewann sie als Siebenjährige bei der Europäischen Schulschachmeisterschaft alle 24 Partien.
Im Sommer 2025 wurde sie mit zehn Jahren die jüngste Spielerin mit einer WGM-Norm, im August desselben Jahres schlug sie bei der britischen Meisterschaft den Großmeister Peter Wells und war damit das jüngste Mädchen, das je einen Großmeister besiegt hat. Im August 2026 wurde sie die jüngste britische Frauenmeisterin aller Zeiten: Nach 5,5 aus 9 gleichauf mit Trisha Kanyamarala, gewann sie den Stichkampf im Schnellschach mit 1,5:0,5.
Bei der Olympiade in Samarkand spielte Sivanandan im September am Spitzenbrett der englischen Frauen alle elf Runden und holte acht Punkte. Das war ihre dritte WGM-Norm und damit der Titel. Kateryna Lagno war 2002 mit zwölf Jahren die bisher jüngste Titelträgerin, Hou Yifan folgte 2007 ebenfalls mit zwölf.
Im April war Sivanandan schon einmal in Hamburg: Sie kam mit ihrem Vater für eine Woche, um bei ChessBase zu trainieren. Auf der Fahrt nach Lübeck machten beide wieder Station in Hamburg und nahmen im ChessBase-Büro mit Großmeister Karsten Müller Aufnahmen für ChessBase Magazine und Endgame Magic auf. Wie immer besuchte sie auch die Familie Friedel und trug sich in deren Gästebuch ein. In der Nordstaffel steht der HSK II nach zwei Runden mit 2 Mannschaftspunkten auf Rang sechs; Spitzenreiter ist Wolfhagen, das am Sonntag mit vier Großmeistern am Brett Lübeck mit 6:2 schlug.
