Niemann rät Talenten, die Schule aufzugeben
Bei der US-Meisterschaft sprach Hans Niemann nach drei Runden im Studio des Saint Louis Chess Club über den Nachwuchs. Wer Weltspitze werden wolle, müsse alles auf das Schach setzen, sagte er und meinte ausdrücklich auch Andy Woodward. Seinen eigenen Aufstieg nennt er rückblickend fast ein Wunder.
Mitten im Gespräch ging im Spielsaal eine Partie zu Ende, und die Moderatoren schalteten kurz zur Schlussstellung. Andy Woodward hatte in der dritten Runde der US-Meisterschaft in St. Louis gewonnen, gegen Ray Robson. Die Frage an Hans Niemann lag da nahe: Wie schätzt er das Potenzial des jüngeren Landsmanns ein? Woodward, Jahrgang 2010, hatte sich 2025 mit dem Sieg bei der US-Juniorenmeisterschaft erstmals für das Hauptturnier qualifiziert.
Niemann nannte ihn zuerst „definitiv sehr talentiert“. Dann zählte er auf, was alles zusammenkommen müsse, um ganz nach oben zu gelangen: Sponsoren, Einladungen und, ja, auch der Verzicht auf die Schule. Er sei damit kein großes Vorbild, fügte er an, aber es sei von jeher ein Nachteil amerikanischer Spieler, dass sie tatsächlich zur Schule gingen. Spieler aus Usbekistan oder Indien täten das kaum. Sie hätten staatliche Unterstützung und weniger Ablenkung.
Alles oder nichts
Seine Empfehlung an Woodward fiel entsprechend aus. Niemann hoffe, dass dieser die Schule aufgibt und alles in das Schach investiert, wenn er wirklich Weltspitze werden wolle. Bei der heutigen Konkurrenz sehe er dafür keinen Spielraum. Dasselbe riet er Abhimanyu Mishra und sagte, man könne heute auch ohne Ausbildung Großes erreichen.
Man muss wirklich alles auf eine Karte setzen oder gar nichts.Hans Niemann, Großmeister · übersetzt nach Saint Louis Chess Club
Der Moderator pflichtete bei: Wer Weltmeister werden wolle, müsse Opfer bringen, und gingen Mishra und Woodward aufs College, sinke die Chance auf einen Platz unter den ersten zehn auf null. Gleich danach blendete der Sender einen Hinweis ein, dass dies die Meinungen des Gastes seien und der Saint Louis Chess Club sie nicht teile.
Niemann verwies auch auf den eigenen Weg. Seine Laufbahn sei alles andere als glatt verlaufen, und sein Aufstieg mit 18 Jahren sei in gewisser Hinsicht ein Wunder gewesen. Die Moderatoren lachten über das „späte Alter von 18“.
Angeschlagen in die vierte Runde
Zu Beginn hatte der Moderator nach seiner Verfassung gefragt. Niemann sagte, er habe sich noch nicht erholt. Bei der Rückreise von der Olympiade in Samarkand seien in seinem Team mehrere krank geworden, er selbst sei seither angeschlagen. Seine Auftaktpartie gegen Awonder Liang habe er deshalb verloren: Er sei müde gewesen, habe viel gehustet und sei nicht richtig da gewesen. Nach drei Runden hatte er einen Punkt, und der Moderator rechnete es ihm vor: minus eins. Niemann antwortete, er habe an diesem Tag solide und sehr gut gespielt, das Turnier sei lang und es kämen noch viele Gelegenheiten.
Die erste kam in Runde vier. Niemann besiegte Mishra und kam damit auf 2 aus 4, also einen ausgeglichenen Stand. Mit dem Läuferpaar und mehr Aktivität am Brett beendete er die Partie mit einer kleinen taktischen Kombination. An der Spitze liegen Fabiano Caruana und Wesley So mit je 3 Punkten. Woodward hat 2,5 und trifft in Runde fünf mit Weiß auf Caruana.
Über die eigene Generation sprach Niemann in demselben Gespräch ebenfalls. Er rechnet die Jahrgänge 2003 bis 2007 dazu, mit Gukesh und Javokhir Sindarov, und hält sie für eine der stärksten, die es gab. Dominiert wie die Vorgänger habe sie noch nicht, die Zeit werde es zeigen.
