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St. Petersburg 1914: Laskers Aufholjagd

Zum zehnten Geburtstag ihres Schachvereins holten die Petersburger im Frühjahr 1914 die Weltspitze in die Stadt. Capablanca ging als Favorit mit anderthalb Punkten Vorsprung ins Finale, doch Weltmeister Lasker drehte es mit einer unscheinbaren Eröffnung und einem langen Endspiel und siegte mit einem halben Punkt Vorsprung.

24. Oktober 20265 Minuten LesezeitMatt am Sonntag

Emanuel Lasker brauchte im Mai 1914 in St. Petersburg einen Sieg. José Raúl Capablanca war mit anderthalb Punkten Vorsprung ins Finale gegangen, und in der siebten Finalrunde saß der Weltmeister ausgerechnet ihm gegenüber. Alle erwarteten Schärfe, auch Capablanca. Lasker enttäuschte sie und wählte die Abtauschvariante des Spaniers, bei der die Damen schon im sechsten Zug vom Brett sind.

Eine Gästeliste mit Lücken

Anlass des Turniers war der zehnte Geburtstag des Petersburger Schachvereins. Eingeladen werden sollten die zwanzig stärksten Spieler der Zeit, darunter Weltmeister Lasker, die Herausforderer Capablanca und Akiba Rubinstein sowie Alexander Alekhine und Aron Nimzowitsch, die das Allrussische Meisterturnier 1913/14 gemeinsam gewonnen hatten. Amos Burn, Richard Teichmann und Szymon Winawer sagten ab, unter anderem aus Altersgründen. Oldřich Duras, Géza Maróczy, Carl Schlechter, Rudolf Spielmann, Savielly Tartakower, Milan Vidmar und Max Weiss blieben wegen der Spannungen zwischen Russland und Österreich-Ungarn fern. Übrig blieben elf Spieler aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA, Kuba und dem Russischen Reich.

Stark besetzt war das Feld trotz der Absagen. Nach den rückgerechneten Zahlen von Chessmetrics saßen sechs der zehn besten Spieler der Welt am Brett: Rubinstein als Nummer eins, dahinter Capablanca, Marshall, Alekhine, Nimzowitsch und Tarrasch.

Capablanca enteilt

Gespielt wurde in zwei Stufen. In der Vorrunde traf jeder einmal auf jeden, die besten fünf kamen ins Finale. Capablanca holte 8 Punkte, Lasker und Tarrasch je 6½, Alekhine und Marshall je 6. Mitfavorit Rubinstein blieb mit 5 Punkten hängen, ebenso Ossip Bernstein, Nimzowitsch kam auf 4. Der noch wenig bekannte Alekhine dagegen schaffte den Sprung ins Finale.

Dort spielten die fünf doppelrundig gegeneinander, und die Vorrundenpunkte wurden mitgenommen. Capablanca startete damit mit anderthalb Punkten Vorsprung als klarer Favorit. In der ersten Hälfte des Finales entging Lasker gegen ihn nur knapp einer Niederlage, die das Turnier so gut wie entschieden hätte. Danach holte er auf, und vor der siebten Finalrunde hatten beide elf Punkte. Capablanca hatte allerdings noch vier Partien vor sich, Lasker nur drei, weil Capablanca seinen spielfreien Tag schon hinter sich hatte.

Die Partie, die das Turnier drehte

Nach 4.Lxc6 dxc6 5.d4 exd4 6.Dxd4 Dxd4 7.Sxd4 hatte Schwarz das Läuferpaar, Weiß dafür die bessere Bauernstruktur: vier Bauern gegen drei am Königsflügel, während Schwarz die Doppelbauern auf der c-Linie mitschleppte. Luděk Pachman nannte Laskers Wahl ein Meisterstück. Capablanca wollte vereinfachen und ein Remis sichern, doch die Variante verlangt von Schwarz aktives Spiel.

Lasker – Capablanca, St. Petersburg 1914, Finale Runde 7Weiß am Zug: 4.Lxc6

Capablanca spielte ruhig weiter: 7...Ld6 8.Sc3 Se7 9.O-O O-O 10.f4 Te8 11.Sb3 f6 12.f5 b6. Mit den Bauern auf e4 und f5 hatte sich Weiß im Zentrum und am Königsflügel Raum genommen.

Lasker – Capablanca, St. Petersburg 1914, Finale Runde 7Schwarz am Zug: 7...Ld6

Nach 13.Lf4 Lb7 14.Lxd6 cxd6 15.Sd4 Tad8 16.Se6 Td7 17.Tad1 Sc8 hatte sich der weiße Springer auf e6 festgesetzt und dabei den Turm auf d8 angegriffen. Der schwarze Springer dagegen stand auf c8 und fand kein sinnvolles Feld.

Lasker – Capablanca, St. Petersburg 1914, Finale Runde 7Weiß am Zug: 13.Lf4

Danach zog Weiß die Schlinge zu: 18.Tf2 b5 19.Tfd2 Tde7 20.b4 Kf7 21.a3 La8 22.Kf2 Ta7 23.g4 h6. Der Läufer auf a8 war hinter dem eigenen Bauern c6 eingesperrt, und Weiß hatte am Königsflügel freie Hand. Schon vor 20.b4 stand Weiß klar besser.

Lasker – Capablanca, St. Petersburg 1914, Finale Runde 7Weiß am Zug: 18.Tf2. Stockfish nach 19...Tde7: Weiß +1,38

Im weiteren Verlauf rückte Lasker mit König und Bauern am Königsflügel vor und brachte beide Türme auf die h-Linie. Capablanca fand kein Gegenspiel. Mit 35.e5 dxe5 36.Se4 Sd5 37.S6c5 Lc8 38.Sxd7 Lxd7 39.Th7 Tf8 öffnete Weiß die Stellung endgültig und gewann die Qualität. Da stand Weiß längst auf Gewinn.

Lasker – Capablanca, St. Petersburg 1914, Finale Runde 7Weiß am Zug: 35.e5. Stockfish: Weiß +7,36

Nach 40.Ta1 Kd8 41.Ta8+ Lc8 42.Sc5 gab Capablanca auf.

Lasker – Capablanca, St. Petersburg 1914, Finale Runde 7Weiß am Zug: 40.Ta1
Von den mehreren hundert Zuschauern kam ein Beifall, wie ich ihn in meinem ganzen Leben als Schachspieler nie erlebt habe.Emanuel Lasker über den Moment der Aufgabe · übersetzt nach ChessBase

Ein halber Punkt

Capablanca nahm die Niederlage so mit, dass er in der nächsten Runde als Weißer aus besserer Stellung gegen Tarrasch verlor. Lasker war in dieser Runde spielfrei und führte damit mit 12 zu 11 Punkten. In der vorletzten Runde remisierte er gegen Tarrasch, Capablanca schlug Marshall und verkürzte auf einen halben Punkt. In der Schlussrunde gewann Capablanca gegen Alekhine, aber Lasker gewann ebenfalls, gegen Marshall. Am Ende standen 13½ Punkte für Lasker und 13 für Capablanca. Alekhine wurde mit 10 Punkten Dritter vor Tarrasch mit 8½ und Marshall mit 8.

Rubel, Preise und eine Legende

Lasker kassierte 1200 Rubel für den ersten Platz, dazu kamen 4500 Rubel Startgeld. Capablanca bekam 800 Rubel, Alekhine 500, Tarrasch 300 und Marshall 250. Brillanzpreise gingen an Capablanca (125 Rubel für den Sieg gegen Bernstein), Tarrasch (75 Rubel für den Sieg gegen Nimzowitsch) und Joseph Blackburne (50 Rubel als Sonderpreis für seinen Sieg gegen Nimzowitsch). Die Einnahmen an der Tür, mit 6000 Rubel ein Rekord, deckten den gesamten Preisfonds. Tarrasch schrieb das Turnierbuch, das erst 1993 auf Englisch erschien.

Das Turnier gilt auch als Geburtsstunde des Großmeistertitels, den Zar Nikolaus II. angeblich an die fünf Finalisten verlieh. Der Schachhistoriker Edward Winter fand die Geschichte zuerst in einem Artikel des New Yorker vom 15. Juni 1940, danach in Marshalls Autobiografie von 1942. Einen Beleg dafür gibt es nicht. Die Zarenfamilie verbrachte nach einer von Winter zitierten Biografie April und Mai 1914 auf der Krim. Das Wort Großmeisterturnier benutzten die Wiener und die Deutsche Schachzeitung dagegen schon vor Turnierbeginn für die Veranstaltung.

Für Lasker war es das erste Turnier seit fünf Jahren. Capablanca rückte als Zweiter zum nächsten Herausforderer auf, während Rubinstein mit dem Aus in der Vorrunde diese Rolle verlor. Alekhine, von dem vorher nicht viel erwartet worden war, stand plötzlich hinter dem Weltmeister und seinem Herausforderer, und er verfolgte danach den Weltmeistertitel mit aller Kraft. Zwei Monate nach dem Turnier brach der Erste Weltkrieg aus. Das Turnier in Mannheim wurde abgebrochen, St. Petersburg blieb für vier Jahre das letzte große Turnier, das zu Ende gespielt wurde. Bis zum Wettkampf zwischen Lasker und Capablanca vergingen sieben Jahre, und erst 1927 schlug Alekhine Capablanca im Kampf um die Weltmeisterschaft.

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