75 Jahre im Klub: Zickelbein und die Wette von Sylt
Am 23. Oktober 1951 stand ein 14-Jähriger zum ersten Mal im Hamburger Schachklub, nachdem er seinen Mathelehrer mit 8:7 geschlagen hatte. 75 Jahre später ist Christian Zickelbein, inzwischen 89, dem Klub noch immer treu, dessen Jugend- und Schulschach er wie kaum ein anderer geprägt hat.
Ein Ferienlager auf Sylt, jeden Abend eine Partie gegen den Mathelehrer: So fing es an. Der Lehrer hieß Max Hiepe, und als die Ferien im Schullandheim der Bismarckschule zu Ende gingen, hatte sein Schüler Christian Zickelbein den Wettkampf mit 8:7 gewonnen. Der Tipp des Verlierers war kurz und folgenreich: Er müsse in einen Schachklub. Der Junge war drei Jahre zuvor mit seinen Eltern aus Wiesenburg in der Mark Brandenburg nach Hamburg gezogen. Die Regeln kannte er aus der alten Heimat, gespielt hatte er in Hamburg bis dahin kaum.
Den Weg in den Klub ebnete dann die Zeitung. Der Hamburger Schachklub richtete gerade die Deutsche Jugendmeisterschaft aus, und Günther Zickelbein, der Vater und damals technischer Direktor der Welt, las davon in seinem eigenen Blatt. Das Spiellokal lag um die Ecke, ein Mitarbeiter nahm den Jungen mit zum Spielabend. Am 23. Oktober 1951 kam der 14-Jährige in die Klubräume an den Hohen Bleichen und blieb. Noch im selben Jahr gewann er die dritte Gruppe beim Weihnachtsturnier von Concordia in Wandsbek. Der Preis war für die damalige Zeit sensationell, eine Weihnachtsgans, die er mit der Bahn nach Winterhude brachte. Die Geschichte hat er bis heute lebhaft vor Augen.
Schachelschweine mit 19
Neben den Turnieren entdeckte er früh, dass ihm das Unterrichten liegt. Noch vor dem Abitur gab er seinen Mitschülern an der Heinrich-Hertz-Schule Schachunterricht, viermal in der Woche. 1956 wurde daraus, auf Anregung von Emil Dähne, damals Vorsitzender des Hamburger Schachklubs und Präsident des Deutschen Schachbundes, eine feste Gruppe: die Schachelschweine. Sie gelten als älteste noch bestehende Schulschachgruppe Deutschlands und sind in diesem Jahr 70 geworden. Später wurde Zickelbein selbst Lehrer und kehrte an seine alte Schule zurück. Mit dem Gymnasium Uhlenhorst-Barmbek kam eine zweite Schule dazu, und die Schachelschweine wurden die aktivste Hamburger Schulschachgruppe.
Viele von damals spielen heute noch im Klub, unter ihnen Theo Gollasch, Kersten Spruth, Werner Schirmer, Gunnar Klingenhof, Armin Meibauer, Hartmut Zieher und Thomas Woisin.
Vom Jugendwart zum Vorsitzenden
Ende der 1950er Jahre gehörte Zickelbein zu den Gründern des Hamburger Schachjugendbundes, dessen Vorsitzender er später wurde. 1964 übernahm er das Amt des Jugendwarts im Hamburger Schachklub, die Teilnehmerzahlen bei den Jugendmeisterschaften stiegen damals fast auf das Doppelte. Um 1970 war er an der Gründung der Deutschen Schachjugend beteiligt. Danach trat er zehn Jahre lang kürzer, in dieser Zeit fielen seine Heirat und die Geburt der drei Kinder. Anfang der 1980er Jahre kam er zurück, und 1986 wurde er Erster Vorsitzender. Das blieb er dreißig Jahre lang bis 2017.
In diese Zeit fallen die großen Linien des heutigen Klubs. Zickelbein managte die Bundesligamannschaft bis 2004 und trieb die Finanzierung unter anderem mit Auftritten in Einkaufszentren voran. 1996 wurde das eigene Schachzentrum in der Schellingstraße eingeweiht, dessen Bau er vorangetrieben hatte. Der Hamburger Schachklub wurde mit fast 700 Mitgliedern und rund 30 Achtermannschaften zum größten Schachverein Deutschlands, und 2007 stand die Bundesligamannschaft als Vizemeister auf Platz zwei. Auf Verbandsebene war er 2008 und 2009 Mitinitiator und Sprecher bei der Gründung der selbstständigen Schachbundesliga e.V. Der Deutsche Schachbund machte ihn zum Ehrenmitglied, und er erhielt das Bundesverdienstkreuz. Seit 2008 vergibt der Klub außerdem den Christian-Zickelbein-Preis für herausragende Jugendarbeit. Zu den Eigenheiten des Vorsitzenden zählten unzählige Pullover in seiner Lieblingsfarbe Rot.
Kürzertreten, aber nicht aufhören
Seit einem Schlaganfall 2021 und einem zweiten 2023 muss Zickelbein etwas kürzertreten. Mit 89 Jahren verfolgt er trotzdem das Geschehen im Klub und würde am liebsten noch immer die Mannschaftskämpfe aller Teams von der Stadtliga bis zur Basisklasse organisieren. Diese Aufgabe liegt inzwischen bei Schachwart Thomas Stark in guten Händen, und Zickelbein steuert Rat und Ideen bei. Wichtig waren ihm stets die Menschen. Er hat viele Talente entdeckt und gefördert, Luis Engel zum Beispiel bei einer Schachaktion am Autofreien Sonntag, gemeinsam mit dessen Zwillingsbruder. 2025 kehrte er zum Schachturnier der fünften Klassen an die Heinrich-Hertz-Schule zurück. Gedacht wird am Jubiläumstag auch der beiden, mit denen das Feiern schöner gewesen wäre: Jens Hüttmann, der 2020 starb, und Zickelbeins Sohn Benjamin, der 2022 starb.
Auf das genaue Datum wurde der Klub ausgerechnet durch den Hamburger SV aufmerksam. In den frühen 1980er Jahren war der Schachklub eine Abteilung des HSV und sollte in der Bundesliga oben mitspielen. Die Eintrittsdaten wurden dabei übernommen, und so kam jetzt ein Glückwunschbrief des Fußballvereins samt Einladung zu einer Ehrung bei einem Heimspiel Anfang 2027.
Viele weitere Jahre im Zeichen der RauteHamburger SV, Glückwunsch an Christian Zickelbein
