Als Brigitta Cimarolli neben Pfleger saß
In der ersten Folge von „Schach der Großmeister“ spielte 1983 Robert Hübner gegen Weltmeister Karpow, und neben Helmut Pfleger saß Brigitta Cimarolli: Fotomodell und Salzburger Landesmeisterin. Ein YouTube-Fund holt die Folge zurück.
Anatol Vitouch erinnert in seiner Kolumne an eine Zeit, in der das Fernsehen noch schachverrückt war. Besonders hebt er die allererste Folge von „Schach der Großmeister“ aus dem Jahr 1983 hervor. Am Brett spielten Weltmeister Anatoli Karpow und Robert Hübner, damals der stärkste deutsche Spieler. Neben dem Kommentator Helmut Pfleger aber saß überraschend eine Frau, die in einer Schachsendung kaum jemand erwartet hätte: das österreichische Fotomodell Brigitta Cimarolli, zugleich Salzburger Landesmeisterin. Ein YouTube-Fund hat die Folge jetzt wieder ans Licht geholt.
Zwei Großmeister im Glaskasten
Erdacht hatte die Sendung der WDR-Redakteur Claus Spahn, der sie auch moderierte. 1983 ging sie zum ersten Mal im dritten Programm des Westdeutschen Rundfunks auf Sendung, danach lief sie einmal im Jahr bis 2005. Das Prinzip war einfach und aufwendig zugleich: Zwei Großmeister spielten live eine Partie, und Experten erklärten, was auf dem Brett geschah. Der Sieger erhielt den Fernsehschachpreis des WDR. Pfleger, Großmeister und Mediziner aus Bamberg, war von Anfang an dabei. Später kam Vlastimil Hort dazu, dessen hintergründiger Humor der Kommentierung eine Note nach dem braven Soldaten Schwejk gab. In den Pausen zwischen den Zügen sprach Spahn mit Gästen im Studio, und später halfen auch Computer bei der Analyse. Am Brett saßen im Lauf der Jahre unter anderem Kasparow, Karpow, Anand, Kramnik, Lékó und Judit Polgár.
Die Frau neben Pfleger
Cimarolli entsprach nicht dem Bild, das man sich von einer Schachspielerin machte. Sie war Miss November 1977 im Playboy und im September 1983 Covergirl des Penthouse, also im Jahr der Sendung. Zugleich war sie Salzburger Landesmeisterin, und das, so erzählt es Vitouch, nicht nur auf dem Papier: Sie habe kompetente Einschätzungen zur Partie geliefert. Der Rückblick von ChessBase aus dem Jahr 2020 sieht es nüchterner und hält fest, sie sei in der Sendung kaum zu Wort und selten ins Bild gekommen. Die Pointe bleibt in beiden Fassungen dieselbe. Neben einem Großmeister wie Pfleger saß jemand, den man auf den ersten Blick falsch einsortierte.
Hübner gegen den Weltmeister
Hübner hatte Weiß, eröffnete mit 1.c4 und lenkte mit 3.d4 in ein abgelehntes Damengambit. Nach 4.Sf3 Le7 5.Lf4 O-O 6.e3 brach Karpow mit 6...c5 im Zentrum aus.
Im 17. Zug sprengte Schwarz mit 17...d4 das weiße Zentrum. Nach 18.Sxd4 Sxd4 19.exd4 Lxe2 20.Txe2 Dxd4 21.Dxd4 Lxd4 waren die Damen und alle Springer getauscht, und es blieben bei gleichem Material je zwei Türme und ein Läufer.
Auch das Endspiel brachte keinen Vorteil. Nach 34.Txf6+ Kxf6 waren die Türme getauscht, und im 42. Zug standen nur noch Läufer gleicher Farbe und je zwei Bauern auf dem Brett. Bis zum 58. Zug wurden noch Läufer geschoben, dann stand das Remis gegen den Weltmeister.
Das Ende der Sendereihe
Hübner blieb der Sendung verbunden. 1984 saß er gegen Viktor Kortschnoi am Brett und gewann mit Schwarz, 1985 verlor er gegen Jan Timman, und 2002 traf er noch einmal auf Karpow. 2005 war Schluss. In der letzten Sendung spielten Pfleger und Hort selbst gegeneinander und trennten sich remis.
Vitouch führt das Aus auf eine Umkehrung zurück. Schach sei heute das Spiel der Jugend und das Fernsehen ein Auslaufmodell für Pensionisten, vor vierzig Jahren sei es genau umgekehrt gewesen. Dass Schach auf Twitch ein Millionenpublikum begeistert und Streamer wie Levy Rozman Konzerthallen füllen, sieht er als Chance, die ein Sender wie der ORF verschenkt.
