Mit 100 noch am Brett: Günter Heimberg
Günter Heimberg vom SK Wennigsen feiert am 26. Oktober seinen 100. Geburtstag und gehört damit zu den ältesten noch aktiven Turnierspielern Deutschlands. Er ist das letzte lebende Gründungsmitglied seines Vereins und spielt weiter Mannschaftsschach in der Kreisliga.
Am 11. Oktober saß Günter Heimberg beim Punktspiel seines Vereins mehr als drei Stunden am Brett. Nach 70 Zügen hatte er die Partie gewonnen. Das wäre für sich genommen noch keine Nachricht, würde er nicht am 26. Oktober 100 Jahre alt. Burghard Meyer, Vorsitzender des Schachklubs Wennigsen in Niedersachsen, kennt das aus eigener Erfahrung, denn das jüngste Duell mit ihm bei der Vereinsmeisterschaft macht ihm noch zu schaffen.
Der Günter ist am Brett ein richtig zäher Brocken.Burghard Meyer, Vorsitzender SK Wennigsen
Heimberg ist damit einer der ältesten Turnier- und Mannschaftsspieler des Landes. Ganz allein ist er nicht: Gustav Schäfer, geboren am 25. September 1926, spielte in diesem Jahr den Mannschaftspokal von Rheinland-Pfalz mit, und Wolfgang Pieper, geboren am 8. Juni 1926, saß im Juli beim Vereinsturnier des TSV Travemünde am Brett. Heimberg spielt in der Kreisliga West und kam in der vergangenen Saison auf 4,5 Punkte aus sechs Partien. Das sind 75 Prozent, wie er selbst vorrechnet. Seine Wertungszahl beträgt Elo 1842. Beim Seniorenturnier in Bad Soden-Salmünster im November 2025 sollte er eigentlich in der Klasse 90+ antreten, doch dort wurde das Feld nicht voll. Also spielte er bei den Jüngeren mit und wurde Dritter.
Schnitzen in Gefangenschaft, gründen in Wennigsen
Der Weg zum Schach führte bei ihm über eine harte Zeit. Auch in russischer Kriegsgefangenschaft spielte er, mit anderen Gefangenen und mit den russischen Aufpassern, und die Figuren schnitzte man sich selbst. 1948 kehrte er heim, und schon ein Jahr später gehörte er zu den zwölf Schachspielern, die den SK Wennigsen in einer Gaststätte gründeten. Er ist das letzte noch lebende Gründungsmitglied. Im Vorstand arbeitet er seit mehr als 75 Jahren mit, derzeit als Zweiter Vorsitzender, und 63 Jahre lang hatte er im Verein den Hut auf. Dann sah er ein, dass ohne Computer und Smartphone vieles nicht mehr zu erledigen ist. Heute versteht er sich eher als Berater. Auch als Jugendtrainer war er tätig, und für sein Engagement erhielt er das Bundesverdienstkreuz.
Dazu kommt ein Amt, das kein Computer ersetzt: Seit 1949 trägt er alle Mannschaftspartien des Vereins in Jahrbücher ein und errechnet die Erfolgsquote der Spieler. Einmal im Leben saß er auch einem Weltmeister gegenüber: Bei einer Simultanveranstaltung am 9. Oktober 1959 im Alten Rathaus von Hannover spielte er gegen Michail Botvinnik. 1971 gewann er mit dem SK Wennigsen den Pokal des Niedersächsischen Schachverbandes gegen den SK Schneverdingen.
Freitags am Brett, sonst im Garten
Jeden Freitag kommt Heimberg zum Spielabend, wo er auf Gerhard Harborth trifft, der 90 Jahre alt ist. Zusammen sind die beiden 190. Meyer sagt über sie, sie schenkten sich nichts. Auch Fünf-Stunden-Partien steckt Heimberg weg, ohne dass man ihm die Belastung anmerkt. Zur Vorbereitung dient ihm ein Schachcomputer, den er sich vor vielen Jahren zugelegt hat. Außerdem hegt er den 700 Quadratmeter großen Garten noch selbst, geht einmal pro Woche zum Turnen beim TSV Wennigsen und fährt kurze Strecken mit dem Auto, zum Beispiel zum Friseur. Tennis in einer Mannschaft spielte er bis vor fünf Jahren, 25 Jahre lang war er Mannschaftsführer in der Landesliga. Beruflich war er Gerichtsvollzieher, und er ist zweifacher Vater, vierfacher Opa und achtfacher Urgroßvater.
Die nächsten Pläne stehen schon: In diesem Jahr will er noch die Bezirksmeisterschaft spielen, und im Februar steht die Deutsche Seniorenmeisterschaft der Amateure in Hannover auf der Liste. Deren Leiterin Sandra Schmidt hat bereits zugesagt, ihn dafür in Wennigsen abzuholen, falls es mit der Fahrgemeinschaft nicht klappt. Gefeiert wird zwei Tage lang, und auch die letzten drei noch lebenden Kegelfreunde kommen vorbei. Nach seinem größten Erfolg gefragt, antwortet Heimberg knapp, es sei, immer noch dabei zu sein.
Schach ist wie ein guter Kriminalroman. Immer spannend und voller Überraschungen.Günter Heimberg
