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Kollars und die Nachtschicht von Samarkand

Während die Spieler schlafen, beginnt bei Dmitrij Kollars die Arbeit: Der Großmeister war bei der Olympiade in Samarkand Sekundant des deutschen Teams, das Bronze holte. Im Interview schildert er die Vorbereitung auf Gegner wie die USA und ein Beispiel dafür, Frederik Svane gegen Hans Niemann.

27. Oktober 20263 Minuten LesezeitMatt am Mittwoch

Oft stehen die Paarungen für den nächsten Tag erst gegen Mitternacht fest. Dann gehen die Spieler schlafen, und für Dmitrij Kollars beginnt die eigentliche Arbeit. Der Großmeister war bei der Schacholympiade in Samarkand nicht als Spieler dabei, sondern als Sekundant des deutschen Open-Teams. Sein wichtigstes Werkzeug war ein Laptop mit unzähligen offenen Fenstern, und sein Rhythmus verschob sich dabei komplett in die Nacht.

Davon erzählt Kollars in einem Interview, das Arne Kaehler für ChessBase geführt hat und das am 27. Oktober als Video erschienen ist. Das Gespräch dauert mehr als 22 Minuten und ist in 17 Kapitel gegliedert. Es reicht vom Alltag eines Sekundanten über die Vorbereitung auf Weltklassespieler bis zur Stimmung nach der Bronzemedaille und zu den Niederlagen gegen China und Indien.

Ein Laptop, ChessBase und tausend Fenster

Zu den Spielern, für die Kollars nachts arbeitete, gehörten Frederik Svane und Vincent Keymer. Wie er seine konkreten Analyseaufträge von den Spielern bekommt und wie eng die Zusammenarbeit dabei ist, hat im Gespräch eigene Kapitel. Bundestrainer Jan Gustafsson hob die Arbeit nach dem letzten Mannschaftskampf eigens hervor, denn Kollars hatte während des Turniers Nacht für Nacht an der Vorbereitung gesessen.

Riesenlob auch an Dmitrij für die Arbeit.Jan Gustafsson, Bundestrainer

Keine Schwächen, sondern der Vortag

Wie bereitet man sich auf ein Superteam wie die USA vor? Gegen eine Mannschaft mit Fabiano Caruana, Hans Niemann und anderen Weltklassespielern gebe es keine klassischen Lücken zu finden, sagt Kollars. Praktisch alle beherrschten jede Eröffnung. Statt nach Schwächen zu suchen, gehe es darum, etwas zu finden, das der Gegner am Vortag wahrscheinlich nicht angeschaut hat.

Besonders heikel war das in der fünften Runde. Deutschland war als Nummer fünf gesetzt und an allen vier Brettern niedriger gewertet als die topgesetzten Amerikaner. Keymer gegen Caruana und Donchenko gegen Aronian endeten remis, Matthias Bluebaum hielt gegen Wesley So in einer Festung das Remis. Die Entscheidung fiel in der Partie von Frederik Svane gegen Niemann.

Der Springer, den keiner nehmen darf

Als Beispiel für den Gedanken vom Vortag nennt Kollars diese Partie: Svane habe Niemann mit einer vertauschten Zugfolge in einer bekannten Stellung überrascht. Svane selbst erzählte nach der Partie, er sei nach der Eröffnung sehr zufrieden gewesen. Dieselben Züge habe er bis etwa zum 15. Zug 2022 in der Bundesliga gegen Michael Adams gespielt, nach seiner Einschätzung vermutlich seine beste Partie überhaupt. Auf dem Brett stand eine Spanische Partie, und zunächst sei es schwer gewesen, etwas zu bewegen, sagte Svane, bis Niemann einen Bauern einstellte.

Dann kam der Moment, den Svane fast ohne Bedenkzeit auf das Brett brachte: 27.Sc5. Schwarz stand schon vorher auf Verlust, und der Springersprung machte kurzen Prozess. Niemann antwortete mit 27...Dc8, worauf nach 28.Txe7 Lxe7 29.Se6+ Kg8 Weiß die Stellung klar beherrschte.

Svane – Niemann, Runde 5Weiß am Zug: 27.Sc5. Weiß steht mit +5,6 auf Gewinn

Schlagen durfte Schwarz den Springer nicht. Nach 27...dxc5 folgt 28.dxc5+ mit Abzugsschach des Läufers von c3, und Weiß bekommt zwei verbundene Freibauern. Nach 28...Kg8 greift 29.c6 Dame und Läufer zugleich an.

Svane – Niemann, Runde 5Weiß am Zug: 27.Sc5 dxc5 28.dxc5+ Kg8 29.c6. Weiß steht dann mit +7,5 auf Gewinn

Nach 40 Zügen gab Niemann auf.

Bronze nach zähem Ringen

Nach dem Sieg gegen die USA verlor Deutschland in Runde 6 gegen China, nach Kollars' Schilderung klar, und schlug anschließend die Türkei und den Gastgeber Usbekistan. Nach dem Erfolg gegen Usbekistan sei die Stimmung im Team verhalten geblieben, weil noch harte Matches bevorstanden. Gegen Indien verlor Deutschland unglücklich nach zeitweiliger Gewinnstellung. Alexander Donchenko hatte gegen Weltmeister Gukesh lange große Chancen, am Ende hieß es 1,5:2,5.

Erst nach dem Sieg gegen die Niederlande in der letzten Runde und der gesicherten Bronzemedaille habe sich die Mannschaft gelöst gefühlt. In diesem Match holte Bluebaum gegen Jorden van Foreest den einzigen Partiegewinn, Svane rettete gegen Loek van Wely den halben Punkt. Mit 18 Mannschaftspunkten beendete die an Nummer fünf gesetzte Auswahl das Turnier hinter Usbekistan mit 20 und Indien, das bei ebenfalls 18 Punkten die bessere Feinwertung hatte. Neun Siege standen am Ende zwei Niederlagen gegenüber.

Svane blieb in allen elf Partien ungeschlagen, holte 8,5 Punkte und gewann mit einer Performance von 2796 die Goldmedaille am dritten Brett.

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