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64 Legenden, ein Wälzer

„Die Legenden des Schachs“ von Carsten Hensel und Artur Yusupov versammelt auf 816 Seiten 64 Porträts, von Philidor bis Gukesh. Am Ende steht eine Rangliste, die Streit auslöst: Kasparov führt ganz knapp, Carlsen landet nur auf Platz drei, und Fischer gilt den Autoren als zu kurz dominant.

30. Oktober 20262 Minuten LesezeitMatt am Samstag

Zwei bis drei Wochen brauchten die Autoren für jedes einzelne Porträt. Erst Recherche, dann ein stundenlanges Redaktionsgespräch, danach schrieb jeder an seinem Teil, und der Entwurf wurde noch einmal gemeinsam zerpflückt. Bei 64 Spielern kommt da einiges zusammen: Von der ersten Idee bis zum fertigen Buch vergingen vier Jahre.

Hinter dem Buch stehen zwei Männer, die sich seit den frühen 1990er-Jahren kennen. Artur Yusupov, im Buchtitel und in deutschen Quellen als Jussupow geschrieben, war mehrfach WM-Kandidat, Weltranglistendritter und Juniorenweltmeister, stand dreimal im Halbfinale der klassischen Schach-WM und wurde mehrfach Olympiasieger. Er steuerte vor allem die Analysen bei: 149 kommentierte Partien und Partiefragmente, dazu die Einschätzung der Spielstärke und der Spielstile. Carsten Hensel, 68, war Manager von Weltmeister Vladimir Kramnik und Vizeweltmeister Peter Leko und hat Superturniere, Kandidatenturniere und Weltmeisterschaften in Deutschland organisiert. Er kümmerte sich um Lebensgeschichten und das Umfeld der Wettkämpfe. Hinzu kommen 32 Fotoseiten.

Der Legend Score und seine Folgen

Herzstück ist der „Legend Score“. Er bewertet neben der Spielstärke unter anderem Talent, Wettkampfhärte, psychologische Faktoren, Charakter, Teambuilding, den Beitrag zur Entwicklung des Spiels und die Popularisierung. Die Autoren nennen ihn selbst eine fundierte Spielerei und räumen ein, dass absolute Objektivität unerreichbar bleibt.

Gesamtsieger ist Garry Kasparov, nur knapp vor Emanuel Lasker. Magnus Carlsen folgt mit etwas Abstand auf Platz drei, obwohl er nie einen WM-Kampf verloren hat. Bobby Fischer gilt den Autoren als zu kurz dominant, seine mentale Instabilität habe ihm im Weg gestanden. Kramnik kommt unter die ersten zehn, bei der reinen Spielstärke sogar auf Rang drei hinter Carlsen und Kasparov. Peter Leko, den Hensel selbst managte, landet im unteren Mittelfeld. In den Teilwertungen taucht manches Überraschende auf: Beim Talent liegt Vasyl Ivanchuk mit 93 Punkten direkt hinter Capablanca mit 94, gleichauf mit Fischer. Den Beitrag zur Entwicklung des Spiels führt Wilhelm Steinitz mit 95 Punkten an, vor Nimzowitsch mit 90 und Kasparov mit 89.

Die Schachgeschichte ist wie ein Haus, da steht ein Stein auf dem anderen.Carsten Hensel, Autor

Acht Frauen, ein Schlusslicht

Acht Frauen haben es in die Auswahl geschafft. Judit Polgar liegt auf Rang 46 und ist die einzige in den Top 50, Hou Yifan folgt auf Platz 55. Die übrigen sechs belegen die Plätze 59 bis 64, den letzten die georgische Langzeitweltmeisterin Nona Gaprindashvili. Hensel verteidigt das: Irgendjemand müsse in jeder Rangliste hinten stehen, und alle Frauen seien nach den gleichen Maßstäben bewertet worden wie die Männer. Gaprindashvili komme in der Lebensleistung nicht ganz an Susan Polgar heran, weil nicht nur die Bilanz am Brett zähle.

Auf den Autor selbst fällt kein Porträt. Hensel sagt, er habe Yusupov mehrfach gebeten, sich in die Reihe von Hübner oder Timman einzufügen, doch der blieb hart. Später habe er das als weise Entscheidung verstanden, weil die angestrebte Objektivität sonst noch stärker angezweifelt worden wäre. Yusupov kommt in vielen Porträts als Stimme zu Wort.

Das Buch erscheint am 15. November 2026. Bis dahin kostet es als Vorbestellung 77 Euro, danach regulär 95 Euro. Eine englische Übersetzung ist bereits in Arbeit, und noch in diesem Jahr soll ein YouTube-Kanal „Legends-Of-Chess“ starten.

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