Deflationsstrudel: Wenn alle Punkte verlieren
Ian Nepomniachtchi hat in einem Livestream nebenbei gesagt, dass alle Punkte verlieren, nicht nur er. Der rumänische Analyst Vlad Ghita hat dafür eine Erklärung: Wo fast nur junge Spieler mit schnellen Wertungen aufeinandertreffen, entsteht ein Strudel, der Punkte aus dem Pool zieht. Sein Vorschlag fällt bescheiden aus: ein Bonuspunkt pro Partie.
Es war eine Randbemerkung in einem Livestream am Dienstag, und sie traf mitten in eine der ältesten Streitfragen des Schachs. Ian Nepomniachtchi erzählte, er habe im Lauf des Jahres rund 40 Rapidpunkte verloren und etwa 20 davon zurückgeholt. Das war grob überschlagen: Genannt werden für ihn ein Ausgangswert von 2762 und ein aktueller Stand von 2748, unter dem Strich also 14 Punkte weniger. Über 2800 lag er im Rapidschach zuletzt im Juli 2022. Ein persönliches Formtief sieht er darin nicht, sondern ein Problem des Systems.
Offenbar haben alle Punkte verloren.Ian Nepomniachtchi · übersetzt
Dazu zählt er ausdrücklich Magnus Carlsen. Dessen Rapidzahl liegt derzeit bei 2801, der Abstand zu Nepomniachtchi beträgt also 53 Punkte. Viel sagt dieser Abstand nach Nepomniachtchis Worten nicht, wenn auch Carlsen im selben Tempo Punkte verliert. Beide gehören zu den älteren Jahrgängen im Spitzenfeld: Nepomniachtchi ist 36, Carlsen 35.
Ein Streit, der drei Jahre alt ist
Neu ist die Diagnose nicht. Der Statistiker Jeff Sonas hatte der FIDE 2023 in einem Vorschlag dargelegt, dass die Wertungen weiter auseinanderliegen, als sie sollten, und dass es jedes Jahr schlimmer werde. Eine Arbeitsgruppe der FIDE, in der auch Alexander Moiseenko saß, schätzte die Deflation in Teilen des Pools auf rund 200 Punkte.
Die Antwort kam am 1. März 2024. Der FIDE-Rat hatte sie am 14. Dezember 2023 beschlossen, zunächst war der 1. Januar vorgesehen. Rund 350.000 Spieler unter 2000 bekamen einmalig Punkte gutgeschrieben, nach der Formel 0,4 mal (2000 minus Wertung), höchstens 400. Zusätzlich wurde die Untergrenze der Liste auf 1400 angehoben, die Anfangswertung neu berechnet und die 400-Punkte-Regel wieder eingeführt. Der norwegische Schiedsrichter Otto Milvang hielt schon damals dagegen: Talentierte junge Spieler stiegen weiter auf Kosten der Etablierten, und Wertungen seien vielerorts geschlossene Ökosysteme. Als Beispiel nannte er die Durchschnittswertung in Deutschland mit 1803 und in Indien mit 1298.
Eine unabhängige Nachuntersuchung im Oktober 2024 fand, der Druck nach unten habe sich fortgesetzt, wenn auch deutlich milder als zuvor. Spieler aus Indien, Sri Lanka und Armenien seien weiterhin um 100 bis 200 Punkte unterbewertet. Vlad Ghita rechnete vor, dass der Median-Spieler vor der Reform pro Jahr 26 Elo-Punkte verlor, danach noch 16.
Fast eine Million Partien
Ghita ist Schiedsrichter und Trainer aus Rumänien und hat einen Master in Physik. Er stieg während der Pandemie aus einer Karriere in der Technikbranche aus und sammelte rund drei Jahre lang Daten. Das Ergebnis ist das E-Book „The Rating Revolution“ von 2026, im Podcast Perpetual Chess am 31. März stellte er es vor. Grundlage sind nach seinen Angaben anonymisierte Daten von fast einer Million klassischer Partien am Brett, genau 954.805 aus 73 Verbänden. Auf dieser Basis baute er ein Modell, welches Land wie stark unterbewertet ist. Den Zeitraum der Partien nennen die Quellen nicht.
Sein zentraler Befund ist der Deflationsstrudel. Junge Spieler haben einen K-Faktor von 40, ihre Wertung bewegt sich also schnell, die meisten Erwachsenen haben 20. Trifft ein unterbewerteter Jugendlicher auf einen etablierten Spieler, gewinnt der Jugendliche etwa doppelt so viele Punkte, wie der Erwachsene verliert. In Verbänden mit gesunder Altersmischung wie Deutschland oder Spanien wirkt das sogar leicht inflationär. Besteht ein Verband dagegen überwiegend aus jungen Spielern, die nur gegeneinander spielen, tauschen zwei K-40-Spieler lediglich Punkte, und nichts gleicht aus. Reisen die Spieler zudem selten ins Ausland, bleibt der Verband gefangen, in Ghitas Bild in einem Strudel der Deflation.
Wo die Strudel sitzen
Am stärksten unterbewertet ist in Ghitas Modell Vietnam, um mehr als 100 Punkte. China, Indien, Usbekistan und Kasachstan folgen mit deutlichen Abstrichen. Überrascht hat ihn, dass auch Peru und Ecuador weit vorn liegen. Indien fällt weniger extrem aus als sein Ruf; er führt das auf den großen Pool von über 50.000 gewerteten Spielern zurück und darauf, dass zumindest ein Teil von ihnen reist und Punkte mitbringt. Auf der Buchseite steht, vietnamesische Spieler schnitten gegen ausländische Gegner 101 Elo besser ab als ihre Zahl vermuten lasse, Schweizer 64 schlechter. Eine 1900 aus Vietnam und eine 1900 aus der Schweiz könnten sich um mehr als 160 Punkte unterscheiden.
Als Beispiele nennt Ghita den englischen Großmeister Keith Arkell, der trotz ungebrochener Spielstärke bei 2380 steht, und einen amerikanischen National Master mit 2200 nach US-Wertung, aber nur 1700 bei der FIDE. Auch das Alter spielt in seinen Daten mit: Unter 18 steigen die Wertungen mit der Zahl der Partien, bei 19 bis 34 gewinnt man durch Aktivität noch. Von 35 bis 49 kehrt sich das um, ab 50 ist der Effekt deutlich. Nepomniachtchi und Carlsen sitzen damit in der Gruppe, die nach den Daten schon von Haus aus im Nachteil ist.
Ein Bonuspunkt pro Partie
Einen pauschalen Eingriff will Ghita nicht. Sein Vorschlag lautet: ein fester Bonus von einem Elo-Punkt pro Partie, nur für Spieler mit K-Faktor 40 in Verbänden, die sein Modell als unterbewertet ausweist. Das beschleunige die Annäherung an die wahre Stärke, ohne darüber hinauszuschießen, weil der relative Effekt kleiner werde, je näher ein Spieler seiner Zahl komme. Das Wertungssystem des US-Verbands, das auf Glicko beruht und von Mark Glickman mitentwickelt wurde, kommt in seinen Augen besser zurecht, weil es Deflationsparameter aktiv anpasst und Untergrenzen kennt. Bei der FIDE gibt es als Auffangnetz nur die harte Grenze von 1400, unter der die Wertung eines inaktiven Spielers gelöscht wird.
Eine förmliche Zusammenarbeit mit der FIDE gibt es nach Ghitas Worten nicht. Er habe aber an offenen Zoom-Sitzungen der Qualifikationskommission teilgenommen, Daten und Ideen ausgetauscht und glaube, dass eine frühere Fassung seiner Arbeit auf dem Tisch der FIDE gelandet sei. Dass die Föderation externen, datengestützten Arbeiten neu offen gegenübersteht, quittierte er mit einem Daumen nach oben. Die Reformen von 2024 hält er für einen echten, aber teilweisen Fortschritt.
