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Türkei: Schach vor Fußball an der Basis

Enes Efendioğlu, seit wenigen Wochen Präsident des türkischen Schachverbands, hat bei der Olympiade in Samarkand Zahlen genannt, die für ein Fußballland erstaunlich klingen: 1,8 Millionen registrierte Schachspieler, 550.000 registrierte Fußballer. Der Verband will aus dieser breiten Basis gezielt Spitzenspieler formen und mehr Sendezeit erreichen.

6. Oktober 20263 Minuten LesezeitMatt am Freitag

Gesprochen wurde ausgerechnet am letzten Tag der Olympiade in Samarkand, während die türkische Mannschaft in der Schlussrunde gegen die USA am Brett saß. Enes Efendioğlu, der neue Präsident des türkischen Schachverbands, stand dabei ChessBase India für ein Video-Interview zur Verfügung. Es ging um die Frage, wie populär Schach in einem Land ist, in dem Fußball die Stadien füllt.

Efendioğlus Antwort stützt sich auf Mitgliederzahlen. In der Türkei gebe es rund 1,8 Millionen registrierte Schachspieler, sagte er. Im Fußball seien es etwa 550.000 registrierte Spieler. Das sei ein riesiger Unterschied. Die Zahlen sind seine Angabe als Verbandschef. Gezählt werden registrierte Spieler, nicht Zuschauer oder Fans.

An der Basis ist Schach, würde ich sagen, eindeutig weiter verbreitet.Enes Efendioğlu, Präsident des türkischen Schachverbands · übersetzt

Sobald es um Aufmerksamkeit geht, drehe sich das Bild, räumte Efendioğlu ein. Im Wettkampfsport stehe der Fußball bei den Menschen klar weiter oben auf der Tagesordnung, auch bei Rundfunk und öffentlichen Medien sei es eine andere Geschichte. Der Verband sei deshalb mit mehreren Fernsehsendern im Gespräch. Außerdem sollen einzelne Social-Media-Kanäle und Rundfunkanbieter unterstützt werden, damit Schach häufiger in der besten Sendezeit vorkommt.

Ein Arzt an der Spitze des Verbands

Efendioğlu ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Auf der Generalversammlung des Türkischen Schachverbands in Ankara am 10. September trat er als einziger Kandidat an. Von den 192 stimmberechtigten Delegierten waren 145 anwesend, 131 stimmten für ihn, 14 Stimmen waren ungültig. Er führt den Verband für zwei Jahre und folgt auf Fethi Apaydın.

Er ist von Beruf Arzt mit Schwerpunkt öffentliche Gesundheit und sagt über sich, er sei kein Profispieler, aber Schachliebhaber und langjähriger Beobachter des Spitzenschachs. In den vergangenen Jahren habe er ausgewählte Spitzenspieler wie Yagiz Kaan Erdogmus und Ediz Gürel einzeln unterstützt. Für Jugendliche sieht er im Schach nach eigenen Worten eine Chance, ohne Handy und Tablet über Stunden an einer Aufgabe zu denken; das sei gerade mit Blick auf Suchtgefahren wichtig. Gleich nach der Wahl hatte er außerdem gesagt, der Verband verfüge über den größten Pool lizenzierter Sportler in der Türkei, und einen Aktionsplan für die kommenden zwei Jahre an die Delegierten verteilt.

Die Pyramide soll eine Spitze bekommen

Die breite Basis erklärt Efendioğlu mit einem Schulschachprogramm: Viele Kinder haben über die Schulen Schach gelernt, und auch Eltern und Kinder zeigten großes Interesse. Dazu kämen kostenlose Schachangebote der staatlichen Jugendzentren und des Verbands. Er spricht von einer Pyramide mit sehr breitem Boden. Sie soll nach oben spitzer werden, damit es künftig mehr Spieler im oberen und mittleren Leistungsbereich gibt.

Sein erstes Ziel in der Amtszeit: die besten Talente finden und gezielt in sie investieren, damit bei den nächsten Olympiaden, etwa in Abu Dhabi oder 2030, mehr Meister aus der Türkei kommen. Eine Woche vor dem Gespräch hatte der Verband ein Programm für junge Talente angekündigt.

Das Vorbild steht schon an Brett 1. Yagiz Kaan Erdogmus, 15 Jahre alt, blieb in Samarkand in zehn Partien ungeschlagen, kam auf acht Punkte und gewann Einzelsilber am ersten Brett. In der Schlussrunde hielt er den Weltranglistendritten Fabiano Caruana remis. Mit 2731 Elo übertraf er nach Angaben des Verbands die höchste Zahl, die je ein 15-Jähriger erreicht hat; die alte Bestmarke hatte der Chinese Wei Yi 2015 mit 2721 aufgestellt. Zur Mannschaft der Türkei gehörten außerdem Ediz Gürel, Isik Can, Vahap Sanal und Emre Can. Das Team wurde in der offenen Sektion Dreizehnter, die Frauen belegten Rang elf.

Solche Spieler sollen nach Efendioğlus Vorstellung künftig die Spitzenbretter besetzen. Weitere Talente wachsen laut ihm zu Hause nach.

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