Warum Schachspieler zum Glücksbringer greifen
Schach gilt als Wettstreit des Rechnens, in dem der Zufall nichts verloren hat. Trotzdem hängen Jan-Krzysztof Duda an seinen Steaks, Alexander Alekhine an seiner Katze und Tigran Petrosian an der Losnummer sieben. Ein Essay fragt, warum Menschen nach Talismanen greifen, wenn das Ergebnis zählt.
Zwei Steaks am Tag, und das nicht nur wegen des Appetits: Jan-Krzysztof Duda aß sie, weil bei seinem ersten Siegestag ein Steak auf dem Teller gelegen hatte. Nach einem Sieg bei der Polnischen Meisterschaft 2018 behielt der Großmeister außerdem dieselbe Kleidung bei. Das erzählte er 2020 in einem Interview mit Chess.com. An Aberglauben glaube er eigentlich nicht, sagte er, aber Glücksdinge habe er trotzdem gern, nur um sicherzugehen.
ChessBase India nimmt solche Geschichten in einem Essay über die seltsamen Tröstungen des Aberglaubens im Schach auf. Der Ausgangspunkt der Autoren: Schach verkauft sich als Wettstreit des Rechnens, aus dem der Zufall verbannt ist. Dennoch halten einige Spitzenspieler an Glücksstiften fest, wiederholen Kleidung und Mahlzeiten oder geben einer Katze einen festen Platz in der Vorbereitung. Die interessante Frage sei nicht, ob ein Talisman die Stellung auf dem Brett verändern kann, sondern warum Menschen danach greifen, wenn das Ergebnis zählt und die Kontrolle begrenzt ist.
Ein Sieg wird zum Muster
Dudas Fall beschreibt der Essay als Beispiel dafür, wie eine Routine wächst. Ein Sieg wird zum Muster, und plötzlich fühlt es sich an, als fordere man das Schicksal heraus, wenn man das Hemd wechselt oder etwas anderes bestellt. Dass Hemd oder Steaks ihm tatsächlich geholfen haben, folge daraus nicht. Gezeigt werde nur, wie schnell ein Spieler eine Siegesserie als etwas behandelt, das es zu schützen gilt. Der Essay merkt trocken an, dass Duda auf diese Weise wenigstens Eiweiß bekommt.
Nur um sicherzugehen.Jan-Krzysztof Duda, Großmeister · übersetzt nach ChessBase
Die Katze am Brett
Der einprägsamste Aberglaube im Schach gehört womöglich dem früheren Weltmeister Alexander Alekhine. Sein Gegner Max Euwe erinnerte sich später, dass Alekhine seine Siamkatze manchmal vor der Partie am Brett schnuppern ließ. Konnte die Katze nicht dabei sein, trug er einen Pullover mit ihrem Bild. Ein Foto aus Amsterdam von 1935 zeigt Alekhine mit seiner Katze, die dort Chess heißt.
Belegt ist das Ganze durch ein Interview mit Euwe von 1978, das der Schachhistoriker Edward Winter und das Open Chess Museum der FIDE dokumentiert haben. Der Essay bremst trotzdem: Es sei Euwes Erinnerung, Jahrzehnte nach den Ereignissen. Am sichersten sei es, die Geschichte als Euwes Schilderung zu erzählen, statt anzunehmen, dass die Katze bei jeder Partie dabei war oder das Ritual das Ergebnis beeinflusst hat.
Losnummer sieben und die Dreizehn
Auch Tigran Petrosian hatte ein Verhältnis zum Glück. In einem nachgedruckten Interview mit ihm und Boris Spassky erinnert er sich an sein erstes internationales Turnier. Er hoffte, die Nummer sieben zu ziehen und mit Weiß gegen den schwächsten Gegner zu spielen. Beides trat ein, und danach, sagte er, sei es unmöglich gewesen, schlecht zu spielen.
Petrosian scherzte außerdem darüber, einer schwarzen Katze auszuweichen. Zugleich merkte er an, den Weltmeistertitel mit der Nummer 13 gewonnen zu haben, die gewöhnlich als schlechtes Omen gilt. Das Interview wird Vasilievs Buch „Tigran Petrosian: His Life and Games“ zugeschrieben und ist online nachzulesen.
Was die Psychologie sagt
Für andere Bereiche gibt es Hinweise, dass Glücksbringer und Rituale die Leistung beeinflussen können. In einer Studie von 2010 stellten Psychologen fest, dass das Aufrufen von Glaubenssätzen über Glück die Ergebnisse bei Golfputts, Geschicklichkeitsaufgaben, Gedächtnistests und Buchstabenrätseln verbesserte. Die Forscher führten den Effekt auf mehr Selbstvertrauen und Ausdauer zurück. Veröffentlicht wurde die Arbeit in Psychological Science. Schach gehörte nicht zu den untersuchten Aufgaben, die Ergebnisse zeigen also nicht, dass ein Glückshemd oder eine Katze die Resultate am Brett verbessert.
Der Reiz eines Rituals liegt nach Ansicht der Autoren woanders: Es gibt einem Spieler etwas Vertrautes in die Hand, wenn der Ausgang ungewiss ist. Den besten Zug findet es nicht. Wenn es aber hilft, sich zu sammeln und zu konzentrieren, sei das vielleicht schon genug.
