US-Meisterschaften: So und Liang bleiben makellos, Paragua schlägt Yip
So drehte gegen Xiong eine schlechtere Partie, Liang gewann gegen Sevian ein Endspiel, Caruana holte gegen Oparin seinen ersten Sieg. Bei den Frauen führen die beiden am niedrigsten gesetzten Spielerinnen, Cervantes und die 13-jährige Paragua, die Yip mit einem Damenopfer bezwang.
Einen klaren Vorteil gegen Wesley So lässt man eigentlich nicht liegen, und doch passierte es Jeffery Xiong am Samstag in der zweiten Runde der US-Meisterschaften in Saint Louis. So hatte mit Weiß über weite Strecken mit Xiongs Initiative am Königsflügel zu kämpfen, überstand sie und gewann am Ende doch. Es war sein zweiter Sieg im zweiten Spiel, und wie schon am Freitag gegen Sam Shankland stand er zwischendurch schlechter.
Ich habe die ganze Partie nur versucht zu überleben, dann hatte ich keine Ahnung, was los ist, und irgendwann kam er in Zeitnot und hat gepatzt, und ich konnte es verwerten.Wesley So, Großmeister · übersetzt nach Chess.com
Der Wendepunkt liegt im 28. Zug. Xiong, 25 Jahre alt, hatte sich im Mittelspiel einen Vorteil erarbeitet, und Stockfish sieht Schwarz vor 28...Sc5 mit −1,8 klar besser. Am stärksten war 28...Sh3+ mit Schach auf den König. Xiong zog stattdessen den Springer nach c5, und die Stellung ist mit +0,1 ausgeglichen. Zwei Züge später folgte 30...Sce6, danach steht Weiß mit +1,7 klar besser. Von da an wuchs Sos Vorteil Zug um Zug, während Xiong in Zeitnot geriet und seine Stellung immer verwundbarer wurde.
Im Interview ging der Spaß weiter. Awonder Liang hatte es ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit genannt, dass Xiong mit so einem Vorteil nicht gewonnen hat. So gab zurück, ein Verbrechen sei eher, dass Liang bei der Olympiade gegen einen Spieler mit 2400 Elo verloren habe.
Liang führt mit So die Tabelle an. Er gewann mit Schwarz gegen Sam Sevian, der damit seine zweite Niederlage in zwei Runden kassierte und als einziger der zwölf Spieler noch ohne Punkt dasteht. Sevian spielte den Königsindischen Angriff, Liang hielt dessen Initiative am Königsflügel im Zaum und trieb auf dem anderen Flügel seine Bauern vor. Die Ursache sah er selbst in der Zugfolge der Eröffnung, in der sich Sevian wohl ein wenig verheddert habe. Schwarz stand lange nur leicht besser, bis Sevian im 32. Zug mit einem langsamen Königszug alles aus der Hand gab. Die Engine sieht die Stellung vor 32.Kg2 bei −0,15 ausgeglichen, besser war 32.g4. Nach dem Königszug steht Schwarz mit −3,0 auf Gewinn.
Liang verwertete das auf unterhaltsame Weise. Er opferte erst einen Springer, dann einen Turm und bahnte so zwei verbundenen Freibauern den Weg. Nach 55 Zügen war die Partie zu Ende.
Caruana holt seinen ersten Sieg
Fabiano Caruana gewann gegen Grigoriy Oparin, seinen langjährigen Sekundanten, und beendete damit nach 73 Zügen als Letzter den Spieltag. Er hatte zuvor einen Bauern gewonnen, doch das Endspiel verlangte noch Technik: Turm und Läufer gegen Turm und Springer, dazu vier Bauern gegen drei auf demselben Flügel. Vor dem 65. Zug steht Weiß nach Stockfish mit +5,7 auf Gewinn. Mit 65.Txg6 nahm Caruana einen weiteren Bauern, danach bleibt es mit +4,9 auf Gewinn. Der Läufer überspielte den Springer, und der fünfmalige US-Meister steht nun mit 1,5 Punkten allein auf Platz drei, einen halben Punkt hinter So und Liang.
Drei Partien endeten remis. Vor der Runde hatte der frühere WM-Herausforderer Boris Gelfand die zeremonielle Glocke geläutet. Shankland versuchte es gegen Ray Robson mit einer Idee aus der Partie Matthias Blübaum gegen Anish Giri beim Kandidatenturnier 2026, doch das komplizierte Spiel beruhigte sich. Andy Woodward und Abhimanyu Mishra spielten eine Abtauschvariante des Slawischen und kamen auf 99 Prozent Genauigkeit auf beiden Seiten, die solideste Partie des Tages. Zwischen Hans Niemann und Levon Aronian, der das Jänisch-Gambit im Spanier wählte, passierte auf dem Brett kein ernsthafter Fehler, doch die Partie hatte ein komisches Ende: Aronian meldete in einer ausgeglichenen Stellung ein Remis an, auf das er keinen Anspruch hatte, lachte und spielte weiter, bis wenige Züge später Niemann zu Recht Remis reklamierte.
Hinter So, Liang und Caruana haben Xiong, Aronian, Mishra, Robson und Woodward einen Punkt, Oparin, Shankland und Niemann einen halben, Sevian null. Im Rennen um den Bobby-Fischer-Bonus von 64.000 US-Dollar, den bekommt, wer alle elf Partien gewinnt wie Fischer 1963/64, sind bei den Männern nur noch So und Liang. Kleinere Prämien gibt es für Siegesserien von fünf bis zehn Partien, wenn die Serie in der ersten Runde beginnt. Die dritte Runde am Sonntag, dem 11. Oktober, um 19 Uhr MESZ bringt sofort die Entscheidung: Liang hat Weiß gegen So, einer von beiden verliert damit seine weiße Weste. Caruana spielt mit Schwarz gegen Mishra.
Die Jüngste schlägt die Titelverteidigerin
Bei den Frauen führen die beiden am niedrigsten gesetzten Spielerinnen, die einzigen im Feld unter 2300 Elo: Thalia Cervantes (23 Jahre alt) und Megan Paragua (13), die jüngste Teilnehmerin beider Turniere. Beide haben 2 aus 2. Paragua schlug am Samstag mit Schwarz die Titelverteidigerin Carissa Yip, die als Erste der Setzliste antrat und 234 Elo-Punkte mehr hat (2468 gegen 2234). Paragua glich in einer Alapin-Variante der Sizilianischen Verteidigung bequem aus und bekam einen kleinen Stellungsvorteil, den sie nicht ausbauen konnte. Yip fing die Partie wieder ein. Vor ihrem 38. Zug sieht die Kiste die Stellung bei 0,00 ausgeglichen, und mit 38.g3 wäre das so geblieben. Yip spielte aber 38.Kh1 und übersah das Damenopfer 38...Dh4+, nach dem Schwarz Matt in vier hat: Auf 39.Kg1 folgt 39...Tc1+ 40.Td1 Txd1+ 41.Se1 Txe1#.
Paragua fragte sich beim Damenopfer kurz, ob sie etwas übersehe, dachte aber nicht lange nach.
Ich stehe immer noch unter Schock!Megan Paragua, Spielerin · übersetzt nach Chess.com
Cervantes hat den besten Start, den sie bei einer US-Frauenmeisterschaft je hatte. Dafür musste sie schon zum zweiten Mal eine schlechtere Stellung wenden, am Freitag gegen Tatev Abrahamyan, am Samstag mit Weiß gegen Rachael Li. Li opferte die Qualität auf e3 und hatte danach die dunklen Felder unter Kontrolle, Stockfish sieht Schwarz dort mit −1,1 klar besser. Aber Li koordinierte ihre Figuren nicht gut genug. Vor 35...h3 steht Weiß nur noch mit +0,5 leicht besser, und nach dem Bauernzug steht Weiß mit +3,8 auf Gewinn, weil Li das Gegenspiel unterschätzte. Wer eine Qualität annimmt, kann sie zurückgeben, und Cervantes tat es mit 36.Txg4, danach greift ihre Dame auf f6 an.
Wenn Vorteile zurückgegeben werden
Alice Lee wendete ebenfalls eine verloren geglaubte Partie. Gegen Jennifer Yu, die zweifache US-Meisterin, hielt sie sich nach der Eröffnung für erledigt, weil Yu früh einen Bauern gewonnen hatte. Lee schob verzweifelt den d-Bauern vor, gab die Qualität und nutzte Yus Zeitnot. Schon am Freitag hatte sie gegen Yip aus verlorener Stellung Remis gerettet. Anna Sargsyan verlor gegen Abrahamyan in der Eröffnung einen Bauern und gewann trotzdem. Abrahamyan wollte weder die Zugwiederholung noch ein ausgeglichenes Turmendspiel und spielte 32...Df7. Vorher sieht das Monster die Stellung bei 0,00 ausgeglichen, nach dem Damenzug steht Weiß mit +6,5 auf Gewinn. Sargsyan tauschte die Damen und verwertete das Endspiel, war aber trotz des Siegs unzufrieden: Im Interview sagte sie, sie sei noch nicht bereit für dieses Turnier und spiele sehr schlecht.
Irina Krush meldete sich nach der Dame, die sie in der ersten Runde eingestellt hatte, mit einem Angriffssieg gegen Rose Atwell zurück. Den Vortag nannte sie den Tiefpunkt, den man im Schach erreichen kann, die Eröffnung am Samstag einen Traum. Die Stellung vor 18...exd5 ist mit +0,3 ausgeglichen. Atwell verpasste den einzigen Zug 18...Dxc4, nach 18...exd5 sieht die Engine Weiß mit +4,8 auf Gewinn. Krush kam so schnell zu einer Gewinnstellung und verwertete sie mit einem Angriff.
Das einzige Remis bei den Frauen spielten Nazi Paikidze und Anna Zatonskih nach 51 Zügen. Hinter Paragua und Cervantes folgen mit 1,5 Punkten Zatonskih und Lee, mit einem Punkt Paikidze, Krush, Sargsyan und Li, mit einem halben Yip und Yu, ohne Punkt Abrahamyan und Atwell. Auch hier sind nur noch die beiden Führenden im Rennen um den Fischer-Bonus. Beide treffen in der dritten Runde auf eine Spielerin, die gerade verloren hat: Paragua spielt mit Weiß gegen Yu, Cervantes mit Schwarz gegen Atwell.
