Der Streit um die Stunde: Bundesliga-Abstieg 1987
In der Saison 1986/87 holt Solingen mit Hübner, Short, Spassky und Lobron den Titel, doch der Streit des Jahres entsteht ganz unten. Ein Großmeister kommt zu spät, drei Instanzen urteilen, und aus einem Abstieg wird ein anderer. André Schulz erinnert 40 Jahre später an den Fall.
Etwas mehr als eine Stunde nach dem angesetzten Rundenbeginn, aber etwas weniger als eine Stunde nach dem tatsächlichen Spielbeginn: So spät erschien der jugoslawische Großmeister Nikolac zu seiner Partie im Wettkampf zwischen dem SK Heidelberg und dem Münchener SC 1836. Angesetzt war der Wettkampf wie heute noch für Samstag, 14 Uhr, doch der Schiedsrichter setzte die Uhren etwas später in Gang. Normalerweise spielt das keine Rolle, in diesem Fall entschied es über einen Abstieg. André Schulz hat die Geschichte vierzig Jahre nach der Saison 1986/87 aufgeschrieben.
Solingen vorn, unten wird es eng
Seit der Saison 1980/81 gibt es die einteilige Bundesliga mit 16 Mannschaften, die jeder gegen jeden spielen. Davor gab es vier regionale Staffeln, deren Sieger den Deutschen Mannschaftsmeister in einem Turnier ausspielten. Die Jahre zwischen 1980 und 1990 waren eine Übergangszeit vom Amateursport zum Profisport. Pro Mannschaft durften höchstens zwei Ausländer spielen, meist Profis, und Vereine ohne dauerhaften Geldgeber hatten es zunehmend schwer. Die Titel machten die SG Solingen, die SG Porz und Bayern München bis zur Saison 1999/2000 unter sich aus.
1986/87 setzte sich noch einmal Solingen durch. Die Mannschaft trat an den ersten Brettern mit Robert Hübner, Nigel Short, Boris Spassky und Eric Lobron an und gewann 14 der 15 Wettkämpfe. Nur gegen Lasker Steglitz gab sie überraschend einen Mannschaftspunkt ab, bei einem 4:4. Am Ende standen 29:1 Mannschaftspunkte. Bayern München mit Zoltan Ribli an Brett eins verlor den Spitzenkampf gegen Solingen mit 3:5 und wurde Zweiter. Der Hamburger SK, der damals im Hamburger SV integriert war, wurde mit den Profis John Nunn und Murray Chandler Dritter und verdrängte Porz mit Hort und Miles auf Platz vier.
Der Abstiegskampf blieb den Mannschaften ohne Profis überlassen. Vier Aufsteiger waren in die Saison gegangen: die Hamburger SG BUE, Fortuna Regensburg, die Karlsruher SF und Enger-Spenge. Regensburg, Karlsruhe und Enger-Spenge standen am Ende auf den Plätzen 14 bis 16. Um den Platz davor, die Grenze zwischen Klassenerhalt und Abstieg, stritten zwei Mannschaften, und dafür sorgten das Regelwerk und die Entscheidungsinstanzen des Deutschen Schachbundes. Die Bundesliga war damals noch kein eigener Verein, sondern wurde vom Schachbund geleitet, im Besonderen von Sportdirektor Helmut Nöttger.
Schiedsrichter, Sportdirektor, Turniergericht
Der Schiedsrichter wertete die Verspätung von Nikolac als zu groß und sprach dem SK Heidelberg einen kampflosen Punkt zu. Heidelberg gewann den Wettkampf dadurch 4,5:3,5 und lag am Saisonende punktgleich mit der Hamburger SG BUE auf dem geteilten 12. und 13. Platz, beide mit 9:21 Mannschaftspunkten. Bei Punktgleichheit wurde damals ein Stichkampf ausgetragen. Für München ging es um nichts mehr, die Mannschaft beendete die Saison im Mittelfeld. Sie legte trotzdem Einspruch gegen die Wertung der Partie von Nikolac ein. Ihr Argument: Der Spieler sei vor Ablauf der Karenzstunde erschienen, wenn man vom tatsächlichen Partiebeginn rechnet.
Nöttger gab München recht und setzte einen Wiederholungskampf an. Er endete 4:4. Nach der Zählung der Liga, in der ein Sieg zwei und ein Unentschieden einen Mannschaftspunkt bringt, hatte Heidelberg damit einen Punkt weniger als zuvor und lag hinter Hamburg. Heidelberg wäre abgestiegen, die Hamburger SG BUE hätte die Klasse gehalten.
Heidelberg gab sich damit nicht zufrieden und rief das Bundesturniergericht an. Das Gericht kassierte die Entscheidung des Sportdirektors und gab Heidelberg recht. Das ursprüngliche Ergebnis galt wieder, Heidelberg und die Hamburger SG BUE waren erneut punktgleich, und der Stichkampf musste doch ausgetragen werden. Heidelberg gewann ihn 4,5:3,5. Damit blieb Heidelberg in der Bundesliga, und die Hamburger SG BUE stieg ab.
Der Rückblick beginnt mit dem Satz, die Bundesliga sei bekanntermaßen ein Garant für Konstanz und Kontinuität, und fügt an, auch ihre Streitfälle hätten Wiedererkennungswert. Er endet mit der Frage, wie die Regeln heute lauten, und nennt den Fall einen Fall für den Schiedsrichterlehrgang.
