Studierenden-WM in China: Sechs Deutsche jagen Medaillen
In Liaocheng beginnt am 11. Oktober die Studierenden-Weltmeisterschaft im Schach. Deutschland schickt drei Frauen und drei Männer, die alle zu den Top Ten der Setzliste gehören. Eine von ihnen wusste bis vor Kurzem nicht einmal, dass es das Turnier gibt.
Die Reise nach Liaocheng begann am Donnerstag, und schon die letzte Etappe war ein Stück Büroarbeit. Christoph Barth, der Beauftragte des Deutschen Schachbunds für Hochschulschach, musste für die Zugbuchung von Peking in die Stadt nach eigenen Angaben immer wieder Reisepässe und andere Dokumente hochladen. Nach der Ankunft war der Jetlag bei einigen im Team noch deutlich zu spüren.
Gespielt wird bei der World University Championship Mind Sports des Hochschulsportverbands FISU vom 11. bis 16. Oktober, insgesamt stehen neun Runden an. Weil das auf sechs Tage verteilt ist, gibt es mehrere Doppelrunden, und viel Zeit zum Ausruhen bleibt nicht. Die Partien zählen einzeln im klassischen Schach, in einem Blitzturnier gibt es zusätzlich eine Teamwertung. Das Turnier wird seit 1990 alle zwei Jahre ausgetragen. 2022 gewann in Antwerpen Fiona Sieber, Großmeisterin der Frauen, den Titel. Die deutschen Teilnehmer starten unter der Flagge des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbands adh.
Drei Frauen, drei Männer, ein Coach
Bei den Frauen spielen Svenja Butenandt (Technische Universität München), Lara Schulze (SRH Mobile University) und Jana Schneider (Universität Würzburg). Die Männer sind Luis Engel (Bucerius Law School), Tobias Kölle (DHBW Stuttgart) und Nikolas Wachinger (PH Berlin). Nach Elo-Zahl sind alle sechs unter den ersten zehn der Setzlisten gesetzt, Schneider, Schulze, Engel und Kölle sogar unter den ersten drei. Vorbereitet werden sie von Großmeister Dmitrij Kollars, der zuletzt bei der Olympiade in Usbekistan als Sekundant gearbeitet hat und im Nationalteam Coach Kollars heißt. Barth freut sich, mit so starker Trainer-Expertise in das Turnier gehen zu können.
Für Svenja Butenandt kam die Einladung überraschend. Die 20-Jährige spielt in dieser Saison für den FC Bayern München in der Frauen-Bundesliga an Brett eins und studiert Physik. Im vergangenen Jahr wurde sie deutsche Hochschulmeisterin im Rapid, und damit, so Barth, war sie für das Nationalteam qualifiziert. Wie die übrigen fünf nominiert wurden, teilt der Schachbund nicht mit.
Ich wusste gar nicht, dass dieses Turnier existiert.Svenja Butenandt, Spielerin des Teams
Als sie hörte, dass das Turnier in China stattfindet, war sie nach eigener Aussage sofort dabei.
Das Kanzleramt zahlt, die Spieler verzichten auf Honorar
Das Bundeskanzleramt übernimmt die Kosten für Flüge und Unterkunft und fördert damit eine Uni-Mission, die es in diesem Umfang im deutschen Schach noch nicht gab. Alle Spielerinnen und Spieler treten ohne Honorar an, bezahlt wird nur der Trainer, und zwar vom Schachbund. Der will damit auch das Hochschulschach fördern, das dank Barth wieder sehr lebendig ist. Eingekleidet wurde das Team mit Unterstützung der Emanuel-Lasker-Gesellschaft mit Pullis im adidas-DSB-Stil, vom adh gab es Trikots. Untergebracht ist die Gruppe in einem Vier-Sterne-Hotel in Liaocheng, einer Stadt mit rund 600.000 Einwohnern im inneren Zirkel und etwa sechs Millionen mit den umliegenden Bezirken. Die chinesischen Veranstalter hielten die Teilnehmerliste lange geheim, Lara Schulze fand das sehr ungewohnt. Inzwischen steht sie online.
Zwischen Hörsaal und Brett
Wie eng Studium und Schach beieinanderliegen, zeigt Tobias Kölle. Der 22-Jährige aus Remseck spielt für den Münchner SC in der zweiten Bundesliga, den Saisonstart lässt er für die Reise aus. Er studiert dual Logistik und BWL, arbeitet 38 Stunden pro Woche bei einem Logistik-Dienstleister in Marbach und kam vor dem Telefonat mit dem Schachbund direkt aus acht Stunden Vorlesung. Im Januar gewann er das große Open in Böblingen, im November 2025 wurde er in Berlin deutscher Hochschulmeister im Blitzschach und Dritter im Schnellschach. Mit 2504 Elo-Punkten und einer GM-Norm ist er auf Großmeister-Kurs, doch vom Geldverdienen mit Schach hat er sich nach zwei Jahren nach dem Abitur verabschiedet. Bei der U20-Junioren-WM 2024 in Indien wurde er Fünfter.
Wenn Du die Chance hast, solche Länder dank Schach zu sehen, dann zögerst Du nicht.Tobias Kölle, Internationaler Meister
Sportlich ist sein Ziel klar: unter die ersten drei und eine Medaille mitbringen. Butenandt gibt sich gelassener. Sie will wie schon bei der Deutschen Hochschulmeisterschaft das Beste geben und das Drumherum genießen. Dazu gehört auch, dass sich alle nach dem Turnier zwei oder drei Tage für Sightseeing in Peking freigehalten haben.
