Kürzere Bedenkzeit im klassischen Schach: Was die FIDE-Resolution bedeutet
Mit 33 Stimmen hat die FIDE-Generalversammlung in Samarkand einen Vorschlag des isländischen Verbands zu kürzeren klassischen Bedenkzeiten unterstützt, gegen die Empfehlung der Qualifikationskommission. Am 12. Oktober hat die FIDE erklärt, was daraus folgt: zunächst nichts an den Regeln, aber ein Fahrplan bis Ende 2026.
Eine Resolution ist noch keine Regel. Darauf läuft die Erklärung hinaus, die die FIDE am 12. Oktober veröffentlicht hat, und deshalb bleibt an den Brettern vorerst alles beim Alten. Die Generalversammlung hat am 26. und 27. September in Samarkand einen Vorschlag des Isländischen Schachverbands zu kürzeren Bedenkzeiten im klassischen Schach unterstützt, mit 33 Stimmen dafür. Die Regelwerke ändert sie damit nicht, denn nach der FIDE-Charta gibt die Generalversammlung allgemeine Leitlinien vor, während Änderungen an konkreten Regeln beim FIDE-Rat liegen.
Was Island vorgeschlagen hatte
Bisher gilt für hochklassige klassische Turniere als Mindestbedenkzeit 90 Minuten für die Partie plus 30 Sekunden pro Zug (90+30). 2026 startete die FIDE ein einjähriges Pilotprojekt: Mit Genehmigung der Qualifikationskommission durften Turniere 60+30 und in Ausnahmefällen 45+30 spielen und die Partien trotzdem als klassisch werten lassen. Als Gründe nennt die FIDE niedrigere Organisationskosten und einfachere Turnierplanung. Dazu kam eine Einschränkung: Ein Spieler darf höchstens eine Titelnorm aus einem Turnier mit verkürzter Bedenkzeit anrechnen, die übrigen müssen unter 90+30 erzielt werden.
Island wollte zwei Dinge. 45+30 sollte eine normale klassische Bedenkzeit werden, für die niemand eine Sondergenehmigung braucht, und am Tag sollten drei Partien erlaubt sein. Die Qualifikationskommission war dagegen und empfahl, den Vorschlag nicht zu unterstützen. Der FIDE-Rat schlug einen Kompromiss vor: 60+30 wird garantierte Bedenkzeit, 45+30 bleibt die Ausnahme. Die Generalversammlung stimmte trotzdem für den isländischen Vorschlag. Im Beschluss GA-2026/22 heißt es knapp, der Vorschlag des Isländischen Schachverbands zu „Fast Standard time limits“ sei angenommen.
Der Fahrplan des Rats
Der Rat will die Resolution umsetzen, in Etappen und mit Anhörung. Als Erstes soll er in naher Zukunft eine Änderung beschließen, die 60+30 zu einer garantierten klassischen Bedenkzeit macht, ohne Zustimmung der Qualifikationskommission oder eines anderen Gremiums. Für alles Weitere liegt ein Vorschlag auf dem Tisch: 45+30 soll automatisch erlaubt sein bei Turnieren des FIDE Circuit, die dessen Anforderungen erfüllen, und bei Turnieren, in denen kein Teilnehmer 2400 oder mehr hat. Dort gilt 60+30 ohnehin schon, es wäre also eine moderate Anpassung.
Die Qualifikationskommission soll die Argumente dafür und dagegen vorlegen. Diese Unterlagen werden veröffentlicht, Interessierte können Stellung nehmen, die Vorschläge werden vorab öffentlich diskutiert. Das Ergebnis könnte dann zum Beispiel einer außerordentlichen Online-Generalversammlung gegen Ende 2026 vorgelegt werden. Über den breiteren Einsatz von 45+30 und die mögliche Einführung von drei Partien am Tag soll erst nach dieser Beratung entschieden werden.
Außerdem hat der Rat die Qualifikationskommission gebeten, die Anforderungen für Turniere mit Direkttiteln zu prüfen. Die Sorge: Normen könnten bei kürzeren Bedenkzeiten leichter zu erreichen sein, und eine Norm unter 45+30 sei sportlich nicht automatisch gleichwertig mit einer unter 90+30. Geprüft werden sollen unter anderem Mindestwertung, Teilnehmerzahl und der Umgang mit Normen aus schnelleren Turnieren.
Was sich vorerst nicht ändert
Für Turnierspieler gilt zunächst der Stand von heute: das Pilotprojekt mit Genehmigung der Qualifikationskommission, höchstens eine Norm aus einem Turnier mit verkürzter Bedenkzeit. Die FIDE stellt auch klar, dass für Titel und Normen weiterhin nicht mehr als zwei Partien am Tag erlaubt sind. Für die reine Wertung gilt eine andere Grenze, nämlich höchstens zwölf Stunden Spielzeit am Tag, innerhalb derer auch mehr als zwei Partien möglich sind. Die Zwei-Partien-Regel betrifft also Titel und Normen, nicht die Wertung als solche. Als Vorteil kürzerer Kontrollen nennt die FIDE, dass ein klassisches Turnier mit zwei Runden am Tag in fünf oder sechs statt neun Tagen zu spielen wäre.
Dass eine solche Dauerregel breiten Rückhalt braucht, betont die FIDE selbst: Sie vertrete mehr als 200 Mitgliedsverbände, und eine langfristige Reform des klassischen Schachs solle durch breite Konsultation laufen.
Was die Beschlusslisten sonst enthalten
Am selben Tag hat die FIDE die Beschlusslisten der Generalversammlung und der dritten Ratssitzung 2026 vom 21. September veröffentlicht. Die Generalversammlung wählte Timur Turlov zum Präsidenten und Viswanathan Anand zum Stellvertretenden Präsidenten. Zu Vizepräsidenten wurden Yuhua Xu (China), Michael Khodarkovsky (USA), Pavel Kolobkov (Russland) und Yassin Souleiman Hassan (Dschibuti) gewählt. Dazu kamen Vorschläge des Präsidenten: Luigi Maggi (Italien) als Schatzmeister, Bouchra Kadiri (Marokko) als Vizepräsidentin und Sekretärin des Rats sowie Mahir Mammedov (Aserbaidschan), Carol S. Williams Pesqueira (Aruba) und Mykhailo Podolyak (Ukraine) als Vizepräsidenten. Zu Ehren-Vizepräsidenten ernannte Turlov Rustam Kasimdzhanov, Javier Ochoa De Echaguen, Fouad Fahmi Darwish und Michael Stoettinger.
Bei den Turnieren steht die Olympiade 2030 im Mittelpunkt. Der Qatar Chess Association und dem georgischen Verband wurde die Bereitschaft zur Ausrichtung bescheinigt, verbunden mit der Olympiade für Menschen mit Behinderung und dem FIDE-Kongress 2030. Verhandelt wird zuerst mit Katar. Fehlen die offiziellen organisatorischen und finanziellen Garantien oder wird der Vertrag nicht in angemessener Zeit unterschrieben, geht das Recht zur Unterzeichnung auf Georgien über. Den endgültigen Kandidaten soll die außerordentliche Generalversammlung bestätigen. Der Rat bestätigte, dass die Sieger der Jugend-Weltmeisterschaft U7 bis U17 2026 in Spanien Titel nach der geltenden Direkttitel-Tabelle erhalten, und bat die Qualifikationskommission um Empfehlungen, wie diese Tabelle für Weltmeisterschaften mit schneller klassischer Bedenkzeit gelten soll.
Weitere Beschlüsse betreffen Satzung und Mitglieder. Die Generalversammlung bestätigte die Suspendierungen des Russischen und des Ruandischen Schachverbands, billigte Änderungen der Artikel 18 bis 23 der Charta und lehnte eine Änderung von Artikel 11 ab. Ein neuer Artikel 5.7 sieht vor, dass der volle Name der FIDE zusammen mit Kürzel, Siegel, Flagge oder Emblem künftig auf Englisch und Französisch erscheint; Englisch bleibt Amts- und Arbeitssprache. Für Chess960 soll bis spätestens 1. Juni 2027 eine FIDE-Wertung eingeführt werden, der Antrag kam gemeinsam vom Deutschen Schachbund und vier weiteren Verbänden. Ernst & Young bleibt Abschlussprüfer, der Schatzmeister wurde für 2025 entlastet. Ein Haushalt für 2027 und ein vorläufiger für 2028 gehen an die außerordentliche Generalversammlung. Der Rat empfahl außerdem, Ehrenmitgliedschaften an C. Abundo, G. Makropoulos und E. Torre sowie den Titel „Friend of FIDE“ an Bessel Kok zu vergeben, nahm das Schreiben des Ukrainischen Schachverbands zur Kenntnis und beauftragte das FIDE-Büro mit einer förmlichen Antwort. Neue Mitgliedsverbände nennt keine der beiden Listen.
