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Toby: Eine Engine, die zieht wie ein Mensch

Die FIDE-Meisterin Yosha Iglesias hat mit Toby eine kostenlose Engine vorgestellt, die vorhersagt, was ein Mensch von bestimmter Spielstärke zieht, und wie gut dieser Zug für ihn wirklich ist. Gemessen hat bisher nur sie selbst, an 1.500 klassischen Partien.

11. Oktober 20264 Minuten LesezeitMatt am Dienstag

Zwei Züge aus einer Partie genügen Yosha Iglesias, um zu zeigen, was ihre neue Engine anders macht. Es ist die Partie zwischen Nodirbek Yakubboev (2685) und Nihal Sarin (2718), die nach ihren Worten die Schacholympiade 2026 entschied. Sarin spielte mit Schwarz einen Fehlzug, der so natürlich aussah, dass Maia, bislang die Referenz unter den menschenähnlichen Engines, ihm 91,6 Prozent Wahrscheinlichkeit gab und ihn für gewinnend hielt: 65 Prozent Gewinnchancen für Schwarz. Toby hält denselben Zug für einen Spieler von Sarins Stärke ebenfalls für gut möglich, 42 Prozent. Er erkennt aber, dass der Zug verliert: 60 Prozent Gewinnchancen für Weiß, 11 Prozent für Schwarz.

Im folgenden Zug wiederholt sich das Bild mit vertauschten Rollen. Maia hält einen fehlerhaften Zug für den wahrscheinlichsten (87 Prozent) und traut dem Gewinnzug für Weiß gerade einmal 0,1 Prozent zu, weil sie ihn für verlierend hält. Toby gibt dem Gewinnzug 96 Prozent, wenn ein Spieler von Yakubboevs Stärke am Zug ist, und sieht darin 86 Prozent Gewinnchancen für Weiß.

Intuition plus Rechnung

Toby ist nach Angaben von Iglesias eine einzelne Engine, die sich in ChessBase, in Nibbler und in anderen Oberflächen als UCI-Engine einbinden lässt. Sie sagt für jeden Zug voraus, mit welcher Wahrscheinlichkeit ihn jemand mit einer bestimmten Wertung und Bedenkzeit spielt, und gibt das Ergebnis als Gewinn, Remis oder Verlust an. Der Name steht für „The Oracle By Yosha“. Der Vorläufer hieß Oracle und entstand 2024, damals noch mit einem Sprachmodell als Ersatz für die Intuition. Er hing an einem kostenpflichtigen Dienst, der inzwischen abgeschaltet ist.

Toby setzt auf zwei Bausteine. Maia liefert die Intuition: Für jeden legalen Zug sagt sie voraus, wie wahrscheinlich ein Spieler dieser Wertung ihn wählt. Leela, die frei verfügbare Rechen-Engine, liefert die Berechnung: Sie misst, wie viel Ergebnis ein Zug gegenüber dem besten verschenkt. Eine Regel senkt dann die Wahrscheinlichkeit von Zügen, die Ergebnis kosten, und zwar umso stärker, je höher die Wertung ist. Leelas bester Zug bekommt einen kleinen Bonus. Es gibt drei Modi für klassische Partien, Schnellschach und Blitz. Im Blitz unter 2200 und im Schnellschach unter 2100 spielt Toby genau wie Maia. Eingestellt werden die Wertungen beider Spieler, die Quelle der Wertung (FIDE, Lichess oder Chess.com) und die Bedenkzeit; die Engine unterscheidet auch, ob am Brett oder online gespielt wird. Leela rechnet je Stellung 1.024 Knoten, das dauert zwei bis drei Sekunden.

Erst die Intuition, dann die Berechnung.Garry Kasparov, zitiert von Yosha Iglesias · übersetzt nach Yosha Chess

Wer hat hier gemessen

Die Zahlen stammen aus Iglesias' eigenem Test. Auf 1.500 klassischen Partien fand Toby den tatsächlich gespielten Zug in 58,7 Prozent der Stellungen. Maia-3 kommt mit der echten Wertung des Spielers auf 52,4 Prozent; mit dem Wertungsaufschlag, den Toby ihr gibt, auf 55,3 Prozent. Die Partien stammen von TWIC (am Brett) und Lichess, es waren Partien, die für die Abstimmung nie benutzt wurden. Iglesias sagt, die Regeln und Erfolgskriterien des Tests habe sie vorher festgelegt. Eine unabhängige Prüfung nennt keine der Quellen.

Zum Test gehören weitere Zahlen: Toby spielt in 3,5 Prozent der Züge einen Fehlzug, so oft wie die echten Spieler. Maia mit angehobener Spielstärke kommt auf 8,9 Prozent. Der Vorsprung ist in langsamen Partien groß, im Schnellschach kleiner, im Blitz klein, und im Blitz ließ er sich im vorab festgelegten Test nicht belegen. Auch Schwächen führt sie selbst auf: In Stellungen, in denen ein Zug weit besser ist als alle anderen, unterschätzt Toby den Spieler am Zug um 6 bis 8 Punkte, und weil Leela nicht deterministisch rechnet, schwanken die Zahlen von Analyse zu Analyse um ein bis zwei Punkte. Iglesias ist nach eigener Darstellung keine Entwicklerin. Sie habe Konzept, Logik und Tests geliefert, Claude Sonnet 5.5 habe daraus den Code gemacht und bei den Berechnungen geholfen.

Wofür man eine menschliche Engine braucht

Maia entstand an der University of Toronto und wurde 2020 vorgestellt, als angepasste Version von AlphaZero, trainiert auf Partien von Lichess. Ziel ist nicht der beste, sondern der menschliche Zug. Es gibt neun Maias für die Wertungsstufen von 1100 bis 1900, jede mit 12 Millionen Partien trainiert. Die Forscher begründen das damit, dass Engines wie Stockfish zwar ihre eigenen Züge empfehlen, aber nicht unbedingt das, was ein durchschnittlicher Spieler spielen sollte. Maia sagte schon damals Fehler voraus: Selbst bei groben Patzern traf sie den tatsächlichen Zug in mehr als 25 Prozent der Fälle. Maia-3, auf das Toby aufbaut, ist die jüngste Fassung des Projekts.

Iglesias nennt als Einsatzgebiete Übertragungen, Training, Eröffnungsvorbereitung, Betrugserkennung und den Bau von Bots; das ist ihre Einschätzung, Belege für Einsätze gibt es noch nicht. Der Quelltext liegt auf GitHub unter der Lizenz AGPL v3, Toby ist kostenlos. Das Standardpaket mit Toby, Maia, Leela und deren Netz wiegt 1,4 Gigabyte und braucht eine NVIDIA-Grafikkarte; Leela wurde nur damit getestet. Wer Leela und Maia schon hat, kann kleinere Pakete mit 0,3 bis 1,1 Gigabyte laden. Getestet hat Iglesias nach eigenen Angaben auf einem Windows-11-Rechner mit ChessBase und Nibbler.

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