Shenzhen Masters: Yu schlägt Ding im Armageddon
Yu Yangyi hat das Shenzhen Nanshan Masters 2026 gewonnen. Im Finale gegen Titelverteidiger Ding Liren endeten die vier Schnellpartien remis, der Blitzstichkampf 1:1, und erst die Entscheidungspartie mit Weiß für Yu brachte den Sieg.
Es war 18.54 Uhr und im Shenzhen Talent Park längst dunkel, als sich Yu Yangyi und Ding Liren am Montag zum siebten Mal an diesem Tag gegenübersaßen. Seit 13 Uhr hatten sie vier Schnellpartien und zwei Blitzpartien gespielt, ohne dass der Titel entschieden war. Yu zog das Jackett aus und stellte seine Figuren gerade, dann lief um 19 Uhr die Entscheidungspartie. Weiß hatte fünf Minuten, Schwarz vier, und Schwarz reichte ein Remis. Yu wählte nach der Auslosung Weiß, musste also gewinnen. Er schaffte es, weil im 53. Zug Dings Uhr ablief, noch bevor nach dem 60. Zug der Zuschlag von zwei Sekunden je Zug griff.
Gesetzte Routiniers gegen junge Talente
Das Shenzhen Nanshan International Chess Masters begann am 9. Oktober im Qiuxian-Pavillon in Shenzhen. Zwölf Spieler traten in einem Schnellschach-K.-o.-Turnier an. Ding Liren, Yu Yangyi, Wang Hao und Xu Xiangyu waren gesetzt. Die übrigen acht, alle nach 2000 geboren, spielten ein Vorturnier um vier Plätze im Hauptfeld. Asienmeister Kong Xiangrui, Xiao Tong, Huang Renjie und Meng Yihan kamen durch. Peng Xiongjian, Jiang Haochen und die beiden Spielerinnen Zhu Jiner und Yan Tianqi schieden aus, zum Teil nach knappen Matches. Zhu und Yan waren kurz zuvor mit dem chinesischen Frauenteam Olympiasiegerinnen in Samarkand geworden.
Jede Begegnung geht über vier Schnellpartien mit 15 Minuten und 10 Sekunden Zuschlag je Zug. Bei Gleichstand folgen zwei Blitzpartien mit 3 Minuten und 2 Sekunden Zuschlag. Steht es danach immer noch unentschieden, entscheidet eine Partie mit 5 Minuten für Weiß und 4 Minuten für Schwarz, ab dem 60. Zug mit 2 Sekunden Zuschlag. Schwarz genügt dort ein Remis.
Das Hauptturnier begann am 10. Oktober mit dem Viertelfinale, in dem jeweils ein Gesetzter auf ein Talent traf. Ding schlug Meng Yihan mit 3:1, Yu besiegte Huang Renjie nach nur drei Partien mit 2,5:0,5. Wang Hao lag gegen Xiao Tong nach einem Remis und einer Niederlage zurück, glich in der dritten Partie aus, in der er gewinnen musste, und gewann die vierte. Nur Xu Xiangyu schied aus: Gegen Kong Xiangrui stand es nach vier Partien 2:2 mit je einem Sieg und zwei Remis, und im Blitzstichkampf verlor Xu die zweite Partie. Kong war damit das einzige Talent im Halbfinale.
Dort ging es am 11. Oktober schnell. Ding gewann gegen Kong mit 2,5:0,5. Yu spielte gegen Wang Hao zweimal remis, gewann dann aber die dritte und vierte Partie und stand mit 3:1 im Finale. Es trafen die beiden Spieler mit den höchsten Wertungszahlen des Feldes aufeinander.
Sieben Partien an einem Tag
Die erste Finalpartie begann am Montag um 13 Uhr. Yu hatte Weiß, und im Nimzoindisch kam die Klassische Variante aufs Brett. Vor seinem 52. Zug stand Weiß nach Stockfish mit +4,7 auf Gewinn. Am besten war 52.Kf3. Yu zog 52.Kd3, und danach steht die Stellung bei +0,2 ausgeglichen. Ding nahm auf f4 den Bauern, und nach 72 Zügen war die Partie remis. Yus Uhr zeigte nach 52.Kd3 noch 35 Sekunden.
In der zweiten Partie hatte Ding Weiß und wählte das Londoner System. Als Schwarzer kam Yu dort auf die bessere Seite. Nach 45.Kg1 steht Schwarz mit −1,4 klar besser, am besten ist 45...e4. Yu spielte 45...Ted7, und die Partie endete nach 51 Zügen mit einer Zugwiederholung der Türme. Die dritte Partie, wieder ein Nimzoindisch, löste sich nach 45 Zügen in ein ausgeglichenes Bauernendspiel auf. Die vierte war die kürzeste: Im abgelehnten Damengambit einigten sich beide nach 19 Zügen auf Remis.
Im Blitzstichkampf fiel die Entscheidung dann in beide Richtungen. Yu gewann die erste Partie mit Weiß in der Spanischen Partie nach 42 Zügen. In der zweiten gewann Ding mit Weiß im Damengambit mit Abtauschvariante, nach 41 Zügen. Yus letzter Zug war 41...Da4, und danach zeigte seine Uhr 0:00. Vor dem Zug steht Schwarz bei 0,0 ausgeglichen, und mit 41...Lh3+ wäre es so geblieben. Nach der Dame auf a4 steht Weiß mit +6,8 auf Gewinn.
Dings Uhr läuft in der Entscheidung ab
In der Armageddon-Partie spielte Yu wieder Spanisch, diesmal die Anderssen-Variante der Morphy-Verteidigung. Er kam zeitweise auf Gewinn: Vor dem 45. Zug stand Weiß nach der Engine mit +3,9 auf Gewinn, am besten war 45.Kh3. Yu spielte 45.Le6, wonach Weiß noch mit +1,3 klar besser steht. Ding antwortete mit 45...f4, und der Vorteil schmolz weiter. Yu räumte später ein, in der besseren Stellung einige Details nicht gut behandelt zu haben.
Nach 52...Dc6+ hatte Ding noch eine Sekunde auf der Uhr, Yu 41 Sekunden. Die Engine sieht Weiß dort bei +0,6 nur leicht besser, ein Remis hätte Ding zum Titel gereicht. Doch mit nur einer Sekunde und ohne Zuschlag vor dem 60. Zug lief seine Uhr im 53. Zug ab.
Entscheidend war am Ende die Uhr. Gegen Ende der Partie habe er auf der großen Anzeige die Zugzahl im Blick behalten, um zu wissen, wie weit es noch bis zum Zuschlag war, sagte Yu nach der Partie.
Zum Glück habe ich meine Zeit gut eingeteilt.Yu Yangyi, Turniersieger · übersetzt nach Ifeng
Er erzählte außerdem, er und Ding seien schon während der Olympiade krank geworden und hätten bis zu diesem Turnier immer noch Husten gehabt. Je weiter das Finale vorrückte, desto mehr habe man die Zähne zusammenbeißen müssen.
Dings Titelverteidigung endet auf der Uhr
Ding Liren verlor im Dezember 2024 den Weltmeistertitel an Gukesh Dommaraju. Das Nanshan Masters gewann er 2025 bei seiner ersten Teilnahme mit 2,5:1,5 im Finale gegen Wang Hao, mit einem Sieg und drei Remis. Zur Eröffnung in diesem Jahr sagte er, er wolle gewinnen, und hoffte darauf, seine gute Bilanz gegen die jungen Spieler fortzusetzen.
Ich will gewinnen, ich habe noch nicht genug gewonnen.Ding Liren, Titelverteidiger · übersetzt nach Ifeng
Yu war zum ersten Mal beim Nanshan Masters dabei und gewann es auf Anhieb. Im Spiel um Platz drei besiegte Wang Hao Kong Xiangrui, das einzige Talent im Halbfinale, mit 2,5:1,5. Wang gewann die vierte Partie nach 98 Zügen, nachdem Kong zunächst klar besser gestanden und dann in Zeitnot einen Fehler gemacht hatte. Kong wurde Vierter.
