Eine Wertung für alle Formate
Wie stark ist ein Spieler wirklich, wenn man Bedenkzeiten nicht trennt? Die Total Chess World Championship Tour hat dafür eine Formel vorgelegt, die die drei FIDE-Wertungen zu einer Elo-Zahl verrechnet. Das erste Ranking der Top 100 liegt vor, Magnus Carlsen führt mit großem Abstand.
Drei Spieler, drei völlig verschiedene Profile: Der eine hat 2800 im klassischen Schach, 2400 im Schnellschach und 2000 im Blitz, beim zweiten sind es 2400, 2000 und 2800, beim dritten 2000, 2800 und 2400. Setzt man sie der Reihe nach gegeneinander und lässt zufällig ein Format auswählen, schlägt der erste den zweiten, der zweite den dritten und der dritte wieder den ersten, jeweils mit einem erwarteten Ergebnis von 0,609. Eine einzige Wertungszahl kann einen solchen Kreis nicht abbilden. Das neue Total Chess Rating gibt allen dreien deshalb dieselbe Zahl, nämlich 2627, und jede Paarung steht bei 0,5.
Vorgestellt hat das System die Total Chess World Championship Tour am 14. Oktober. Es soll auf einen Blick zeigen, wer über klassisches Schach, Schnellschach und Blitz hinweg am stärksten ist. Es ist die Wertung der Tour, die von Norway Chess veranstaltet wird und deren Spielformat die drei Bedenkzeiten bündelt. Die Zahl hat keinen Einfluss auf die offiziellen FIDE-Wertungen, der Weltverband beobachtet das Projekt in der Pilotphase im Rahmen einer gemeinsamen Arbeitsgruppe mit Norway Chess.
Wer dahintersteht und wie gerechnet wird
Die Idee eines einzigen Wertes über alle Formate stammt von Kjell Madland, dem Chef von Norway Chess. Die Berechnung hat der Spieltheoretiker Mehmet Mars Seven vom King's College London entwickelt. Als Grundlage dienen die drei FIDE-Wertungen eines Spielers. Weil Elo-Zahlen logarithmisch statt linear wachsen, taugt ein gewöhnlicher Durchschnitt nicht. Stattdessen wird aus jeder Wertung die dahinterstehende Spielstärke ermittelt, diese drei Stärken werden gleich gewichtet gemittelt, und das Ergebnis wird wieder in eine Elo-Zahl zurückverwandelt. Sind alle drei Wertungen gleich, bleibt die Zahl unverändert: Wer überall 2700 hat, hat auch ein Total Chess Rating von 2700.
Die Wirkung bei Carlsen: Seine FIDE-Wertungen lagen am 1. Oktober bei 2823 klassisch, 2801 im Schnellschach und 2860 im Blitz. Der schlichte Mittelwert wäre 2828, das Total Chess Rating beträgt 2830, weil die Rechnung über die Spielstärke den hohen Blitzwert etwas stärker zur Geltung bringt. Ein Abstand von 100 Punkten entspricht auch hier einem erwarteten Ergebnis von etwa 64 Prozent für den Höherbewerteten. Gegen Gukesh Dommaraju (2710, 2686, 2659; Total Chess Rating 2686) kommt Carlsen mit 144 Punkten Vorsprung auf einen erwarteten Wert von rund 70 Prozent.
Wie Schnellschach das Ranking verschiebt
Das erste Ranking für die Top 100 stützt sich auf die FIDE-Wertungen vom 1. Oktober. Nach Carlsen folgen Hikaru Nakamura mit 2779 und Nodirbek Abdusattorov mit 2774, dahinter Alireza Firouzja (2765) und Javokhir Sindarov (2753). Auffällig ist, wie sehr die Schnell- und Blitzwerte die Reihenfolge verschieben: Fabiano Caruana hat mit 2784 die dritthöchste klassische Wertung der Top 10 hinter Carlsen und Nakamura, kommt aber mit 2682 im Schnellschach nur auf 2740 und Rang 9. Sindarov ist klassisch mit 2782 knapp vor Abdusattorov (2780), liegt aber wegen eines Blitzwerts von 2725 hinter ihm.
Aus Deutschland finden sich Vincent Keymer auf Rang 27 mit 2686 und Matthias Blübaum auf Rang 77 mit 2623 in der Liste. Keymer liegt damit gleichauf mit Gukesh, bei gleicher gerundeter Zahl entscheidet der ungerundete Wert über die Reihenfolge.
Pilotphase vor Budapest
Das Rating läuft zunächst als Pilot vor dem Turnier der Tour in Budapest, das vom 10. bis 21. November stattfindet. Rückmeldungen sollen bis zum 6. November eingehen, damit sie vor Budapest berücksichtigt werden können, die öffentliche Konsultation bleibt bis zum 24. Dezember offen. Die Ergebnisse der Prüfung und wesentliche Änderungen an der Methode will Total Chess im neuen Jahr veröffentlichen. Für die Wertung zählen Partien im Format „Fast Classic“ als klassisch und fließen deshalb in die klassische Komponente ein.
