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Studierenden-WM: Weltmeisterin Schneider, sieben Medaillen

Ein Remis in der Schlussrunde machte Jana Schneider zur Hochschulweltmeisterin: Sie blieb in neun Partien ungeschlagen, zwei Wochen nach ihrem Studienabschluss. Luis Engel führte bei den Männern lange und wurde Zweiter, dazu kamen Medaillen im Blitz und in beiden Mannschaftswertungen. Für das sechsköpfige Team standen am Ende dreimal Gold, dreimal Silber und einmal Bronze.

16. Oktober 20266 Minuten LesezeitMatt am Samstag

Für den Weltmeistertitel brauchte Jana Schneider am Freitagmorgen um 9 Uhr Ortszeit nur noch einen halben Punkt. Vor der neunten Runde hatte sie 7 Punkte, ihre nächsten Verfolgerinnen Lara Schulze und Lucia Sevcikova je 6, und die beiden mussten in der Schlussrunde gegeneinander antreten. Mehr als 7 Punkte konnte damit keine mehr erreichen. Schneider hatte Schwarz gegen die Polin Ewa Barwinska, Elo 2097, und die Spanische Partie ging so ruhig dahin, wie es sich eine Spitzenreiterin wünscht. Im 12. Zug wurden die Damen getauscht, später blieb ein Turmendspiel mit je drei Bauern am Königsflügel, und nach 31 Zügen endete die Partie remis.

Damit stand fest, was sich über neun Runden angedeutet hatte. Schneider gewann die Hochschulweltmeisterschaft ungeschlagen mit 7,5 Punkten aus sechs Siegen und drei Remis. Sevcikova, Liwia Jarocka, Tianqi Yan und Schulze folgten mit je 6,5 Punkten, einen ganzen Punkt dahinter. Den Einzeltitel hatte zuletzt 2022 in Antwerpen mit Fiona Sieber eine Deutsche gewonnen. Nach Elo war Schneider an zwei gesetzt, hinter der Chinesin Yan, die ihr in der siebten Runde unterlag. Auf ihr Konto kommen rund 32 Elo-Punkte.

Es ist auf jeden Fall ein geiles Gefühl zu sagen: Ich bin Weltmeisterin.Jana Schneider, Weltmeisterin

Der Titel kommt in einer Phase, in der bei Schneider ohnehin viel zusammenfällt. Ihr Studium hatte sie erst zwei Wochen zuvor abgeschlossen, die Masterarbeit in Psychologie an der Universität Würzburg („Hobby Schach: Wie ein Brettspiel die Arbeit beeinflusst“) war schon im Sommer abgegeben. Im Juli war sie in Dresden Deutsche Meisterin geworden, bei der Olympiade in Samarkand hatte sie 5,5 Punkte aus 9 Partien geholt. Die Studierenden-WM war ihre erste und mit dem Abschluss zugleich ihre letzte. Vor dem Turnier hatte sie gesagt, sie wolle sich keinen Druck machen und das Ganze als Chance sehen.

Ein Springerzug auf g4 vergrößert den Vorsprung

Zwei Siege hatten den Vorsprung geschaffen. Der erste kam in der siebten Runde gegen die topgesetzte Yan: Schneider war mit ihrem Spiel zunächst unzufrieden, kämpfte sich zurück und zog aus dem komplizierten Endspiel nach eigener Aussage viel Kraft für die letzten Runden. Der zweite folgte am Donnerstag in der achten Runde, ausgerechnet gegen die Teamkollegin Svenja Butenandt. Die Partie begann als Abtauschvariante des abgelehnten Damengambits und war vor dem 32. Zug nach Stockfish praktisch ausgeglichen. Dann spielte Weiß 32.Sg4. Der Springer greift die Dame auf f6 an, aber Schwarz antwortete mit dem Schlag auf g3 samt Schach: 32...Sxg3+ 33.Kg2 Lxg4 34.fxg4. Nach 32.Sg4 stand Schwarz mit −5,1 auf Gewinn, mit 32.Tae1 wäre die Stellung im Gleichgewicht geblieben.

Butenandt – Schneider, Runde 8Weiß am Zug: 32.Sg4? statt 32.Tae1

Nach 42 Zügen war die Partie zu Ende. Mit 7 Punkten aus 8 Partien ging Schneider in die Schlussrunde, einen Punkt vor Schulze, die gegen Martyna Wikar gewonnen hatte, und vor Sevcikova, die gegen Jarocka remis spielte.

Engel lässt den Gewinn liegen

Bei den Männern geriet in derselben Runde die Spitze ins Rutschen. Luis Engel hatte in Runde 7 gegen Radoslaw Psyk seine erste Niederlage kassiert, führte aber weiter gemeinsam mit dem Chinesen Tao Pang, beide mit 5,5 Punkten. In der achten Runde spielte er mit Weiß gegen den Tschechen Stepan Hrbek eine Spanische Partie und kam in ein Endspiel mit Springer gegen Läufer, in dem er einen Bauern mehr hatte. Vor dem 51. Zug stand Weiß mit +6,5 auf Gewinn. Engel spielte 51.b4, Hrbek antwortete 51...La4, und die Bewertung fiel auf +0,6, leicht besser für Weiß. Mit 51.Kc3 hätte Weiß weiter auf Gewinn gestanden.

Engel – Hrbek, Runde 8Weiß am Zug: 51.b4? statt 51.Kc3

Engel hatte an dieser Stelle gut 13 Minuten auf der Uhr, Hrbek keine drei. Er spielte bis zum 100. Zug weiter, mehr als ein Remis wurde daraus nicht. Pang trennte sich zeitgleich von Psyk remis, und so gingen beide mit 6 Punkten in die letzte Runde.

Dort fiel die Entscheidung auf einem anderen Brett. Engel remisierte mit Schwarz gegen Shixu Wang, Pang schlug Kamil Dzida und kam auf 7 Punkte. Engel blieb bei 6,5 Punkten, ebenso Hrbek, der Khoi Pham besiegte. Die Silbermedaille ging an Engel, weil er bei Punktgleichheit die bessere Feinwertung hatte, 46,5 gegen 43,5 Buchholzpunkte.

Hätte man mir das vor dem Turnier angeboten, hätte ich wahrscheinlich gesagt: Ja, nehme ich mit.Luis Engel, Großmeister

Ganz ohne Enttäuschung ging es dennoch nicht. Am meisten beschäftigt ihn die achte Runde, sagte Engel, in der er eine nach eigener Einschätzung gewonnene Stellung nicht gewonnen hat. Zufrieden sei er heute zu 90 Prozent, mit ein paar Tagen Abstand werde es wohl mehr. Der Hamburger studiert Jura an der Bucerius Law School, gewann als Jugendlicher die deutschen Meisterschaften U12 und U14 und ist seit 2020 Großmeister. Profi wurde er nicht.

Schulze fehlt ein Buchholzpunkt zu Silber

Bei den Frauen entschied die Feinwertung über den Rest des Podiums. Schulze spielte in der neunten Runde gegen Sevcikova remis, Jarocka schlug Lada Zelbova und Yan schlug Yuze Xu. Hinter Schneider standen so vier Spielerinnen mit 6,5 Punkten. Silber ging an Sevcikova, Bronze an Jarocka, Yan wurde Vierte, Schulze Fünfte, einen Buchholzpunkt hinter Silber. Gold gab es für sie trotzdem, denn ihr fünfter Platz ging in die Mannschaftswertung ein. Butenandt gewann ihre Schlusspartie gegen Chamodya Yapa Bandara und wurde mit 5 Punkten Zwölfte.

Bei den Männern gewann Tobias Kölle gegen Leandro Slagboom und wurde mit 5,5 Punkten Zwölfter. Nikolas Wachinger remisierte mit Jonasz Baum, hatte denselben Wert und belegte Rang acht.

Blitz, Mannschaft und Nachtschichten

Schon am Mittwoch hatte der Blitzwettbewerb vier Medaillen gebracht. Engel und Kölle erreichten je 7 Punkte aus 9 Partien und holten Silber und Bronze hinter Augustin Droin, der mit 8 Punkten gewann. Butenandt kam bei den Frauen ebenfalls auf 7 Punkte und wurde hinter Yan, die 8 holte, Zweite. Schneider wurde im Blitz mit 4,5 Punkten Vierzehnte, Schulze Zwanzigste.

In der Mannschaftswertung zählt je Nation die Summe der Platzierungen der drei besten Aktiven aus Männer- und Frauenturnier. Im klassischen Schach kam Deutschland mit Schneider (1), Engel (2) und Schulze (5) auf eine Rangsumme von 8 vor China mit 9 und Polen mit 14. Im Blitz lag Deutschland mit 7 vor China (10) und Polen (19). Bei den Punkten waren Deutschland und China mit je 21 gleichauf, die Rangsumme entschied.

Das Programm war eng gestrickt. Nach der Anreise standen an den ersten drei Tagen je zwei Partien an, um 9 und um 14 Uhr, dazu kam die kürzere klassische Bedenkzeit von 60 Minuten plus 30 Sekunden je Zug. Dmitrij Kollars, Großmeister und Trainer der Delegation, bereitete alle sechs Aktiven vor und arbeitete oft bis zum Frühstück. Er habe den Rhythmus aus Samarkand mitgenommen, wo er zur Bronzemedaille der Männer beigetragen hatte. Besonders in Erinnerung blieb ihm Engels Partie gegen den späteren Sieger Pang: Die gemeinsame Vorbereitung kam aufs Brett und verschaffte Engel mit Schwarz Chancen, die Partie endete remis.

Svenja Butenandt wusste nach eigener Aussage nicht einmal, dass es dieses Turnier gibt. Qualifiziert hatte sich die Physikstudentin der TU München als deutsche Hochschulmeisterin im Rapid 2025, die frohe Kunde überbrachte der Hochschulbeauftragte und Delegationsleiter Christoph Barth. Kölle studiert Logistik und BWL in Stuttgart und arbeitet 38 Stunden pro Woche bei einem Logistikdienstleister, für Schach bleibt wenig Zeit. Er hatte sich eine Medaille vorgenommen und holte Bronze. Schneider nahm vor Turnierbeginn an einem 6,6-Kilometer-Lauf der Delegation teil und hatte danach drei Tage Muskelkater, spürbar bei jedem Aufstehen vom Brett. Bereut hat sie es nicht, der Lauf habe das Turnier positiv beeinflusst. Ob sie nun vor jedem nächsten Turnier einen mitmachen muss, wisse sie noch nicht.

DSB-Vizepräsident Jürgen Klüners sagte, Schneider habe das Turnier dominiert und nur drei Remis abgegeben. Er dankte Barth für die Wiederbelebung des Hochschulschachs. Dieses liege an der Schnittstelle zwischen Jugend- und Erwachsenenschach: Wer für das Studium den Wohnort wechselt, verliert leicht den Kontakt zum Schach, und Angebote im Hochschulsport können diese Verbindung halten.

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