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Aaron Nimzowitsch wäre 140 geworden

Aaron Nimzowitsch wurde am 7. November 1886 in Riga geboren. Er schrieb „Mein System“, gewann 1926 in Dresden und Hannover, 1929 in Karlsbad vor Capablanca und befremdete mit seinem Verhalten manchen Kollegen. Mit 48 Jahren starb er in Kopenhagen.

7. November 20266 Minuten LesezeitMatt am Samstag

Hamburg 1910, Meisterturnier des 17. DSB-Kongresses, Partie gegen Köhnlein. Weiß spielt e2–e4, und Aaron Nimzowitsch reagiert nicht. Er schaut minutenlang aufs Brett, dann auf seine Finger. Er steht auf, betrachtet die Bilder an der Wand und liest einen Prospekt für eine neue Schachuhr. Irgendwann macht er auch einen Zug. So wird es überliefert, und es ist nicht die einzige Geschichte dieser Art. In einer anderen Partie kam er 45 Minuten zu spät, zog kurz vor Ablauf der Karenzzeit im Stehen und ging sofort zurück zu den Bildern. Die nächsten Züge machte er ebenfalls im Vorbeigehen und stand bald trotzdem auf Gewinn. Das Turnier in Hamburg beendete er auf dem dritten Platz.

Ein Student, der lieber Schach spielte

Nimzowitsch kam am 7. November 1886 in Riga zur Welt, das damals zum russischen Zarenreich gehörte. Nach julianischer Zählung war es der 26. Oktober. Der Familienname lautete auf Lettisch Ņimcovičs. Daraus wurde Niemzowitsch, betont auf der vorletzten Silbe. Bei der Ausstellung eines Passes ging das „e“ verloren, und die Betonung rutschte nach vorn.

Schach lernte er mit acht Jahren von seinem Vater Isaja Abramowitsch, einem wohlhabenden jüdischen Holzgroßhändler, der selbst schon gut spielte. Mit neun Jahren standen seine ersten Partien in einer Rigaer Zeitung. Die Familie zog später nach Dvinsk, dem heutigen Daugavpils, wo er eine Talmudschule besuchte.

1903 ging er nach Berlin, um Philosophie zu studieren, und besuchte stattdessen lieber das Café Kaiserhof, wo sich die Berliner Schachspieler trafen. Im Oktober schrieb er sich in Göttingen für Mathematik und Psychologie ein und war nach einem Semester wieder in Berlin. 1906/07 war er in Zürich für Mathematik eingeschrieben. Abgeschlossen hat er kein Studium. Nach einigen erfolgreichen Turnieren machte er Schach zum Beruf.

Sein erstes Turnier war 1904 der Kongress des Deutschen Schachbundes in Coburg, im Hauptturnier wurde er Sechster. Im Mai 1907 spielte der 20-Jährige beim großen Turnier in Ostende mit, 29 Teilnehmer und fast sechs Wochen Dauer. Er teilte sich mit Jacques Mieses den dritten und vierten Platz hinter Ossip Bernstein und Akiba Rubinstein. In Karlsbad folgte im Spätsommer ein geteilter vierter und fünfter Platz mit Carl Schlechter, Rubinstein gewann. Danach verschwand Nimzowitsch für drei Jahre aus den Turniersälen. Seine Biografen Per Skjoldager und Jørn Erik Nielsen berichten von ersten Anzeichen einer Tuberkulose schon 1908.

Krieg, Flucht und ein Zimmer in Kopenhagen

Ab 1910 saß er wieder bei den großen Turnieren am Brett, in Hamburg, Karlsbad und San Sebastian, 1912 auch bei der Allrussischen Meisterschaft in Vilnius. Das Qualifikationsturnier für das Meisterturnier von St. Petersburg 1914 teilte er sich mit dem sechs Jahre jüngeren Alexander Aljechin. Auch der Stichkampf endete ohne Sieger, also durften beide mitspielen. Dann kam der Krieg. 1916 soll Nimzowitsch zum Militär eingezogen worden sein, später arbeitete er zeitweise als Schachredakteur der Baltischen Zeitung. Einigen Anekdoten zufolge entzog er sich einer erneuten Rekrutierung, indem er geistige Zerrüttung vortäuschte.

Im Juli 1920 verließ er seine Heimat und ging nach Stockholm. Es folgten Turniere in Göteborg und Stockholm, dazu kleinere Matches und Simultanvorstellungen in Norwegen und Dänemark. Im November 1922 zog er ganz nach Dänemark. Bis zu seinem Tod wohnte er in Kopenhagen in einem Zimmer in der Øster Farimagsgade 11, zweiter Stock.

Ein System und ein Dauerstreit

Seinen Ruf als Theoretiker erkämpfte sich Nimzowitsch gegen Siegbert Tarrasch, den sehr dogmatischen Lehrmeister der Zeit. Den Anfang machte 1904 eine freie Partie in Nürnberg vor Publikum. Tarrasch erklärte sich nach Nimzowitschs Bericht nach zehn Zügen vor allen Zuschauern auf Gewinn, die Partie endete remis. Nimzowitsch trug ihm das lange nach. 1913 griff er Tarrasch in einem wenig diplomatischen Aufsatz frontal an, Tarrasch nannte darauf Nimzowitschs Eröffnungen hässlich, und beide führten eine offene Brieffeindschaft in den Schachzeitschriften. Nimzowitsch urteilte später:

Für mich war Tarrasch immer MittelmaßAaron Nimzowitsch, „Wie ich Großmeister wurde“

1925 und 1926 erschien in fünf Lieferungen bei Bernhard Kagan sein Werk „Mein System“, im August 1928 folgte „Die Praxis meines Systems“. Die Bücher sind noch heute interessant, wirken aber einseitig und im Ton überzogen. Nimzowitsch war ein Revolutionär und meinte, sehr laut für seine Ideen trommeln zu müssen. Zu seinen Themen gehören die Blockade, die Prophylaxe, die Überdeckung angegriffener Figuren und das Läuferpaar. Das Zentrum, so eine seiner Thesen, lässt sich auch mit Figuren beherrschen statt mit Bauern. Nach ihm benannt sind die Nimzo-Indische Verteidigung, die Nimzowitsch-Verteidigung und die Nimzowitsch-Larsen-Eröffnung. Er gilt als Vater des hypermodernen Schachs, und zu denen, auf die seine Werke wirkten, zählen Bent Larsen, Viktor Kortschnoi und Tigran Petrosjan.

Dresden 1926: Zigaretten und ein Bauer auf e4

Im April 1926 gewann Nimzowitsch das Jubiläumsturnier in Dresden und ließ Aljechin hinter sich, im August folgte der Sieg in Hannover vor Rubinstein. Für ihre gemeinsame Partie in Dresden bekamen Aljechin und Nimzowitsch den Schönheitspreis: 5000 Zigaretten. Einer der beiden Preisträger war Nichtraucher und wollte an seinem Brett wenigstens keinen Qualm dulden.

Bekannter als der Zigarettenpreis ist seine Partie gegen Paul Johner, vielleicht die berühmteste von Nimzowitsch überhaupt. In der zweiten Runde führte Johner die weißen Steine. Weiß baute sich ein breites Zentrum mit Bauern auf c3, c4, d4, e3 und f4. Schwarz antwortete mit dem Vorstoß e5–e4. Der Bauer vertrieb den Läufer von d3 und nahm Weiß das Feld f3.

Johner – Nimzowitsch, Dresden 1926, Runde 2Schwarz am Zug: 11...e4 vertreibt den Läufer von d3 und nimmt das Feld f3

Gut zwanzig Züge lang blieb der Bauer auf e4 stehen. In dieser Zeit holte sich Schwarz auf dem Königsflügel den Raum, den ihm der Bauer verschafft hatte: Der h-Bauer ging nach h5, später der g-Bauer nach g5, und mit gxf4 öffnete Schwarz die g-Linie für seine Türme. Im 36. Zug schob Nimzowitsch den h-Bauern noch einen Schritt weiter. Nach 37.Tgg2 schlug er mit Schach auf g3, danach kamen die Dame nach h3 und der Springer nach h4. Die Partie endet in der Datenbank nach dem 40. Zug von Schwarz und ging 0:1 aus.

Johner – Nimzowitsch, Dresden 1926, Runde 2Schwarz am Zug: 36...h4 bringt die Königsstellung von Weiß ins Wanken

Hinter Capablanca und Aljechin

Im Februar 1927 lud New York ihn zu einem Turnier mit vier Umgängen ein. Nimzowitsch wurde Dritter hinter Capablanca und Aljechin. Gegen Capablanca blieb er sieglos, gegen Aljechin gewann er eine Partie. Zurück in Europa gewann er 1927 die Turniere in Kecskemét, Bad Niendorf und London, 1928 das Jubiläumsturnier der Berliner Schachgesellschaft. Das Turnier des Berliner Tageblatts beendete er als Zweiter hinter Capablanca.

1929 gewann er die Neuauflage von Karlsbad mit 15 Punkten aus 21 Runden und ließ Capablanca und viele weitere Weltklassespieler hinter sich. Bei Aljechins großem Auftritt in San Remo 1930 wurde er Zweiter. Nach den nachträglich berechneten Elo-Zahlen von Jeff Sonas war er 1913 die Nummer zwei der Welt hinter Rubinstein und zwischen 1926 und 1931 die Nummer drei hinter Aljechin und Capablanca.

Ab Beginn der dreißiger Jahre ließ seine Spielstärke nach. Das Turnier 1934 in Zürich beendete er auf Platz sechs bis sieben, sein letztes spielte er im August 1934 beim Nordischen Kongress in Kopenhagen. Am 16. März 1935 starb Aaron Nimzowitsch in Kopenhagen im Alter von 48 Jahren an einer Lungenentzündung, vermutlich als Folge einer fortschreitenden Tuberkulose. Er liegt auf dem Bispebjerg-Friedhof, Grabstätte uL 378. Der dänische Schachverband sorgt für die Erhaltung der Grabstelle.

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