Ein Snob, ein Nachtarbeiter und fünf Freunde: Das Bronze-Team erzählt
Bronze in Samarkand war die erste deutsche Mannschaftsmedaille seit 26 Jahren. Wie sie zustande kam, erzählen Keymer, Blübaum, die Svane-Brüder, Donchenko, Bundestrainer Jan Gustafsson und Sekundant Dmitrij Kollars im Gespräch mit Sagar Shah. Geflachst wird reichlich, und nebenbei kommt heraus, dass aus Sicht der Mannschaft sogar mehr drin war.
Jan Gustafsson soll erklären, was sein Sekundant in Samarkand geleistet hat. Der Bundestrainer braucht dafür keinen Anlauf. „Wir haben Glück, dass er ein kaputter Mensch ist, der nachts normalerweise nicht schläft“, sagt er über Dmitrij Kollars. Der sitzt daneben und muss sich das anhören. Vincent Keymer bekommt in derselben Runde das Etikett Snob verpasst. So klingt es, wenn eine Mannschaft sich wirklich mag. Sagar Shah von ChessBase India hat das komplette Bronze-Team vor dem Abflug vor die Kamera geholt, und herausgekommen sind knapp 27 Minuten, die Conrad Schormann denkwürdig-charmant nennt. Der Titel des Videos verspricht, man werde sich danach in die deutsche Mannschaft verlieben.
Befreundet, seit sie zehn waren
Woher der Zusammenhalt kommt, erklärt Rasmus Svane mit einem Blick zwanzig Jahre zurück, in die Prinzengruppe des Schachbunds. Er, Matthias Blübaum und Alexander Donchenko sind fast gleich alt und kennen sich, seit sie zehn waren. Es gab gemeinsame Trainingslager und gemeinsame Turniere, und seither sind die drei befreundet. Frederik Svane und Vincent Keymer sind ebenfalls ein Jahrgang und kennen sich seit Kindertagen. Kollars stieß etwas später dazu. Irgendwie sei das automatisch passiert, heißt es in der Runde.
Gustafsson hat schon viele Mannschaften betreut, und diese findet er anders. Schachspieler seien in Teams normalerweise freundlich zueinander, sagt er, hier gehe das Miteinander weit darüber hinaus. Anderswo sei es üblich, für jemanden zu arbeiten und beim nächsten Turnier die Seiten zu wechseln. Die deutschen Jungs seien dagegen bei jedem Turnier zusammen.
Wenn die anderen schliefen, saß Kollars an der Vorbereitung
Kollars war der Einzige, der in Samarkand keine Partie spielte. Seine eigene Rolle redet er klein, seinen Tagesablauf beschreibt er so.
Wenn sie wach waren, habe ich geschlafen. Wenn ich wach war, haben sie geschlafen.Dmitrij Kollars, Sekundant der Nationalmannschaft
Der Trainer lässt die Bescheidenheit nicht durchgehen. Kollars habe jede Nacht um neun angefangen, sagt Gustafsson. Um halb acht saß man beim Frühstück, und manchmal habe er danach einfach weitergearbeitet, mit Koffeintabletten und Energydrinks. Dann wird Gustafsson für einen Satz ernst: „Sich so für das Team aufzuopfern, war schon besonders.“
In fast jedem Kampf hatte einer Glück
Was die Nachtschichten gebracht haben, steht in den Partien. Deutschland gewann neun von elf Wettkämpfen, darunter die gegen die USA und gegen den späteren Olympiasieger Usbekistan, und verlor nur gegen China und Indien. Frederik Svane holte 8,5 Punkte aus elf Partien, blieb ohne Niederlage und bekam dafür Gold an seinem Brett. Er nennt es eines seiner besten Turniere und ist besonders stolz auf den Sieg gegen Nodirbek Yakubboev und auf die kreativen Lösungen, die er dort fand. Keymer sieht in Svanes Lauf einen Hauptgrund für die Medaille. Er selbst habe Gewinnstellungen nicht verwertet, sagt er, Frederik habe das dann erledigt.
Rasmus Svane blieb in seinen sieben Partien ebenfalls ungeschlagen und holte 5,5 Punkte. All das Glück, das ihm früher gefehlt habe, sei hier zusammengekommen, sagt er. Donchenko macht daraus eine Regel für Mannschaftskämpfe: Manchmal brauche man nur einen, der Glück hat, und in den meisten Kämpfen habe es diesen einen gegeben. In der Schlussrunde gegen die Niederlande war es Blübaum. Drei Partien endeten remis, seine gegen Jorden van Foreest entschied den Kampf und damit Bronze. Eine ausführliche Analyse gibt es von Blübaum dazu nicht. „Er hat geblundert. Das war die Partie“, sagt er, und damit ist das Thema für ihn durch.
Die Zockervariante gegen Indien
Der bitterste Moment kam in Runde 9. Gegen Indien endeten drei Partien remis, und Donchenko verlor mit Weiß gegen Weltmeister Gukesh. Für Gustafsson war die Aufstellung an den hinteren Brettern nach eigenen Worten Rätselraten. Donchenko gegen Indien zu bringen, sei die Zockervariante gewesen, das bestätigt er. Vor jeder Nominierung habe die Frage gestanden, ob man mehr Varianz oder mehr Stabilität wolle. Gewinne man mit der Varianz, sehe das schlau aus, verliere man, eben nicht. Sein Urteil über die beiden: Rasmus Svane habe gepunktet, ohne dass alle Partien saubere Kunst gewesen seien, Donchenko habe großartig gespielt und verloren.
Donchenko selbst nimmt es mit Fassung. Solche Dinge passierten und täten im Moment weh, sagt er. Bei einem Sieg hätte die Mannschaft gute Chancen auf mindestens Silber gehabt, so habe die Niederlage wohl einen Platz gekostet, „und, okay, mich eine Partie“. Die Spieler selbst hielten also mehr für möglich, und erst diese Niederlage machte Bronze zum Ziel.
Der weise alte Mann ist 21
Bleibt der Snob. Keymer verlor am ersten Brett nur gegen Ding Liren. Gustafsson beschreibt, was das mit den anderen macht: Bei Keymer sei fast immer die Frage gewesen, ob er gewinnt oder ob sich der Gegner rettet, egal wer gegenüber saß. Diese Sicherheit gebe den anderen Stabilität. Die Mitspieler reden über ihre Nummer eins wie über einen weisen alten Mann und loben seine Ratschläge fürs Schach und fürs Leben. Dass er mit 21 das Nesthäkchen der Truppe ist, hilft ihm dabei wenig. Keymer nennt die Medaille einen riesigen Erfolg. Es ist die erste bei einer Olympiade, seit er für Deutschland spielt, und für alle anderen im Team ebenfalls. Bei der Europameisterschaft 2023 hatte nur die Feinwertung Gold verhindert, das habe geschmerzt. Jetzt habe man die besten Mannschaften der Welt geschlagen.
Gustafsson stimmt zu, dass diese Generation besonders ist, und schiebt eine Einschränkung nach. Niemand werde jünger, sagt er. Blübaum und Rasmus Svane werden im nächsten Jahr 30.
Wir müssen die Zeit nutzen, die wir haben.Jan Gustafsson, Bundestrainer
