Die Bilanz von Samarkand: dreizehn Schlüsse aus elf Runden
Der Olympiasieger steht seit einer Woche fest, jetzt wird abgerechnet. Colin McGourty zieht für Chess.com dreizehn Schlüsse aus der Olympiade in Samarkand. Hier stehen sie der Reihe nach, vom Traumturnier der Gastgeber über das verpasste Gold des Weltmeisters bis zum nächsten Ziel Abu Dhabi.
Zehn Runden lang sah es so aus, als hole der Weltmeister am vierten Brett sein drittes Einzelgold in Folge. Dann verlor Gukesh in der Schlussrunde gegen einen ungarischen Ersatzmann, und das Gold ging an einen 17-Jährigen aus der Ukraine. Das ist nur einer von dreizehn Schlüssen, die von dieser Olympiade bleiben. Die anderen handeln von einem Gastgeber, bei dem alles passte, von Favoriten ohne Medaille und von Teenagern, die den Etablierten die Brettpreise wegnehmen.
1. Usbekistan spielt das Turnier seiner Träume
Der Gastgeber gewann zehn seiner elf Wettkämpfe und lag am Ende mit 20 Mannschaftspunkten zwei Punkte vor Indien. Die einzige Niederlage gab es gegen Deutschland. Nodirbek Abdusattorov saß in allen elf Runden am ersten Brett, verlor keine Partie und holte Einzelgold. Nach dem Sieg von Chennai 2022 ist es der zweite Olympiasieg für Usbekistan, und diesmal gelang er vor eigenem Publikum.
2. Ist das Geheimnis die Staatshilfe?
Jeder usbekische Spieler bekommt für das Gold 200.000 Dollar, und davon können Spieler der meisten Länder nur träumen. Kapitän Rustam Kasimdzhanov erklärt den Erfolg mit zwei Dingen, die zusammenkommen müssen. Das eine ist außergewöhnliches Talent, das andere eine staatliche Förderung, wie es sie im Schach sonst kaum gibt.
3. Indien holt den Pokal, aber kein Gold
Indien nimmt Silber bei den Männern und Bronze bei den Frauen mit. Es war damit die einzige Nation, die in beiden Turnieren auf dem Podest stand, und gewann zum dritten Mal in Folge den Gaprindashvili-Pokal für die beste Gesamtwertung. Gemessen am Doppelgold von 2024 ist das trotzdem ein Schritt zurück.
Praggnanandhaa blieb am Spitzenbrett ungeschlagen und holte Bronze. Arjun Erigaisi dagegen kam auf 5,5 aus 10, nachdem er 2024 in Budapest noch 10 aus 11 geholt hatte. Vidit spielte nur drei Partien, und Nihal Sarin gewann viermal, verlor aber zweimal hintereinander. Bei den Frauen verlor ausgerechnet WM-Herausforderin Vaishali in sechs Partien 17 Elo-Punkte. Aufgefangen hat das die 19-jährige Savitha Shri, die bei ihrer ersten Olympiade mit 7 aus 7 startete und mit 9 aus 10 Gold am fünften Brett gewann.
4. Der Plan mit Gukesh geht fast auf
Dass der Weltmeister am vierten Brett saß, war das große Thema vor dem Turnier. Kapitän Srinath Narayanan stellte nach Elo auf, und nach einem Remis in Runde 2 rutschte Gukesh tatsächlich unter 2700. Danach war er der Motor der Mannschaft und hatte vor der letzten Runde 8,5 Punkte aus zehn Partien.
Dann saß ihm Gleb Dudin gegenüber, Ersatzmann der Ungarn mit Elo 2560, und der Weltmeister ging in einem abenteuerlich angelegten Sizilianer unter. Nach 59 Zügen war Schluss. Die Niederlage kostete Gukesh 6,9 Elo-Punkte und das Gold am vierten Brett, das stattdessen der 17-jährige Ukrainer Ihor Samunenkov mit 8 aus 10 mitnahm. Dudin holte mit seinem fünften Sieg in Folge selbst Gold am Reservebrett. Wer mit 2560 den amtierenden Weltmeister schlägt, hat sich die Medaille auch verdient.
5. Deutschlands Bronze war kein Zufall
Für Deutschland ist es die erste Mannschaftsmedaille seit 26 Jahren, die letzte hatte es im Jahr 2000 gegeben. Geschenkt war sie nicht. Die Mannschaft war an fünf gesetzt, schlug die USA und als einzige den späteren Olympiasieger, und in den Runden 7, 8 und 10 gewannen jeweils beide Svane-Brüder. Frederik Svane holte dazu Einzelgold am dritten Brett.
6. Die USA ohne Medaille, Yip und Lee glänzen wieder
Die USA waren wie 2024 an eins gesetzt und wurden Vierter. Es gab Niederlagen gegen Deutschland und Usbekistan und ein Unentschieden gegen Armenien. Als Einziger der Mannschaft verlor Levon Aronian keine Partie und keine Elo-Punkte, und das hatte er einer Schlussrunde zu verdanken, in der er eine verlorene Stellung gewann. Sein Gegner Emre Can stand mit Weiß auf Gewinn, er hatte eine Leichtfigur mehr. Im 31. Zug schlug er mit dem Läufer auf d5, und Aronian antwortete 31...Sd3. Der Springer greift den gefesselten Turm auf f2 an, dazu droht ein Turmschach auf e1. Drei Züge später nahm Weiß mit der Dame statt mit dem Springer auf d5 zurück, und nach 34...Te1+ 35.Kh2 Df4+ gab er auf. Für Aronian sprang Bronze am dritten Brett heraus.
Die Amerikanerinnen wurden ebenfalls Vierte und verpassten Bronze nur nach Feinwertung hinter Indien. Carissa Yip holte Silber am ersten Brett, Alice Lee Gold am zweiten. Lee hat jetzt zwei Olympiaden und 20 Partien hinter sich und noch keine davon verloren. 2024 hatten die USA noch Silber und Bronze mitgenommen.
7. Aserbaidschan verliert die wenigsten Partien
Aserbaidschan gab in elf Runden nur zwei Partien ab, so wenige wie keine andere Mannschaft im offenen Turnier. Kapitän Teimour Radjabov wies stolz darauf hin. Für mehr als Platz fünf reichte es trotzdem nicht, weil die Mannschaft in drei Wettkämpfen keine einzige Partie gewann.
8. China gewinnt mit der zweiten Reihe
Bei den Frauen gab China keinen einzigen Wettkampf ab, spielte nur gegen Kasachstan und Indien unentschieden und lag am Ende zwei Punkte vorn. In elf Runden gingen ganze zwei Partien verloren. Erstaunlich ist das, weil mit Hou Yifan, Ju Wenjun, Lei Tingjie und Tan Zhongyi vier der besten fünf Spielerinnen der Welt gar nicht dabei waren. Zhu Jiner holte mit 7 aus 9 Gold am Spitzenbrett und ist wieder die Nummer zwei der Welt. Die 16-jährige Lu Miaoyi sammelte 9,5 Punkte aus elf Partien und 28,8 Elo-Punkte ein.
Wir haben vor diesem Turnier eigentlich nicht viel Druck gespürt, weil wir nicht an eins gesetzt waren. Wir hatten keine großen Erwartungen!Zhu Jiner, Spitzenbrett Chinas · übersetzt nach Chess.com
Die chinesischen Männer wurden nur Achte, obwohl Wei Yi Gold am zweiten Brett gewann. Ding Liren ließ nach gutem Start nach.
9. Erdogmus wird vom Wunderkind zum Star
Die zweitbeste Leistung des ganzen Turniers kam von einem 15-Jährigen. Yagiz Kaan Erdogmus holte für die Türkei 8 aus 10 ohne Niederlage, spielte eine Performance von 2839 und bekam Silber am ersten Brett hinter Abdusattorov. Mit 2731 ist er die Nummer 17 der Welt und hat Wei Yis Rekord als bester 15-Jähriger der Geschichte deutlich überboten. Unter seinen Siegen ist einer gegen Faustino Oro, den zwölfjährigen jüngsten Großmeister der Welt, der in schwieriger Stellung die Zeit überschritt.
Er war nicht der einzige Teenager mit Brettpreis. Samunenkov, der Mann mit dem Gold vor Gukesh, war kurz zuvor beim Slovak Open noch Letzter geworden. Bei den Frauen gewann die 16-jährige Kasachin Elnaz Kaliakhmet mit 7,5 aus 9 das vierte Brett, und die gleichaltrige Europameisterin Anastasiia Hnatyshyn bestätigte ihren Sprung in die Top 20.
10. Bodhana Sivanandan ist mit elf die jüngste WGM
Die Jüngste von allen saß für England in allen elf Runden am ersten Brett. Bodhana Sivanandan hatte ihre dritte WGM-Norm schon nach neun Runden sicher und ist mit elf Jahren die jüngste Frauengroßmeisterin der Schachgeschichte.
11. Armenien zeigt, was Mannschaftsgeist wert ist
Armenien landete mit beiden Teams auf Platz sechs. Um Gold spielt das Land nicht mehr mit, aber bei drei Millionen Einwohnern spricht ein solches Ergebnis für eine Menge Mannschaftsgeist.
12. Die Organisation lief fast reibungslos
Organisatorisch lief es weitgehend glatt, bei rund 2000 Spielern keine Kleinigkeit. Am Anfang standen einige Mannschaften ohne Hotelzimmer da, darunter die Inder. Ein Nachspiel könnten die beiden kampflosen 0:4 für Israel haben, weil die Niederlande und Bulgarien einer Verlegung wegen Jom Kippur nicht zustimmten.
13. In zwei Jahren geht es nach Abu Dhabi
Die nächste Olympiade findet 2028 in Abu Dhabi statt. Samarkand hat die Latte dafür hoch gelegt.
