Elf Jahre, erstes Brett, Rekord: Bodhana Sivanandan ist WGM
Vor zwei Jahren saß Bodhana Sivanandan als Neunjährige am Reservebrett der englischen Frauen, verlor drei Partien und gewann nur eine. In Samarkand spielte sie alle elf Runden am ersten Brett, verlor eine einzige und unterbot einen Altersrekord, der seit 2006 Hou Yifan gehörte, um knapp neun Monate.
Den Titel hatte sie nach neun Runden schon sicher, sie hätte es also ruhig angehen lassen können. Bodhana Sivanandan holte aus den letzten beiden Partien trotzdem anderthalb Punkte. Erst hielt sie mit Weiß die georgische Großmeisterin Nana Dzagnidze remis, dann gewann sie in der Schlussrunde mit Schwarz gegen die Philippinerin Janelle Mae Frayna. Dabei bestrafte sie einen kleinen Fehler im Mittelspiel und verwertete das Damenendspiel danach technisch sauber. Nach 64 Zügen stand neben der dritten WGM-Norm auch die zweite Norm für den Titel eines Internationalen Meisters.
Sechs Siege, vier Remis, eine Niederlage
Dass der englische Verband seine Jüngste ans erste Brett setzte, war keine Mutprobe. Mit Elo 2354 war sie vor dem Turnier schon klar die Nummer eins im englischen Frauenschach, vor Jovanka Houska und Harriet Hunt. Sie startete mit drei Siegen, hielt in Runde 4 die Aserbaidschanerin Ulviyya Fataliyeva remis und in Runde 6 auch Anastasiia Hnatyshyn, die 16-jährige Europameisterin aus der Ukraine. Die einzige Niederlage kam in Runde 8 gegen die Peruanerin Deysi Cori, nach 79 Zügen.
Aus ihren Partien gerechnet ergibt das 3,5 Punkte aus fünf Weißpartien und 4,5 aus sechs Schwarzpartien. Die Performance lag bei 2432, das bringt 28 Elo-Punkte. In der Oktoberliste steht sie mit 2382 und ist damit weltweit die Nummer zwei aller Spielerinnen und Spieler ab Jahrgang 2015, hinter Roman Shogdzhiev. England wurde 15., fünf Plätze besser als gesetzt, und unter allen Spitzenbrettern des Frauenturniers war sie die Dreizehntbeste.
Ich freue mich darüber, aber ich will weitermachen und weiter Geschichte schreiben, statt hier einfach aufzuhören.Bodhana Sivanandan im Gespräch mit der FIDE · übersetzt nach Chess.com
Wem der Rekord vorher gehörte
Bei der Frage, wen sie ablöst, gehen die Angaben auseinander. Mal ist es Hou Yifan, die 2006 mit 12 Jahren, 3 Monaten und 8 Tagen so weit war, mal Kateryna Lagno, die 2002 ebenfalls als Zwölfjährige WGM wurde, wobei Hous Titel dann auf 2007 datiert wird. Sivanandan selbst war 11 Jahre, 6 Monate und 18 Tage alt. Lagno kommt in der Liste, die Hou vorn sieht, auf 12 Jahre und 4 Monate und liegt damit knapp dahinter. So oder so ist der neue Rekord knapp neun Monate besser als der alte. Den Titel selbst gibt es seit 1976, verliehen wird er ihr offiziell im Lauf des Jahres.
Ein vergessenes Schachbrett
Angefangen hat alles zu Beginn der Pandemie, als ein Besucher im Haus der Eltern ein Schachbrett zurückließ. Der Vater erklärte ihr die Regeln, den Rest besorgten YouTube-Videos. 2021 spielte sie im Harrow Chess Club ihr erstes Turnier, 2022 gewann sie als Siebenjährige bei der europäischen Schulschachmeisterschaft alle 24 Partien. 2024 war sie in Budapest die jüngste Spielerin, die England je bei einer Olympiade vertreten hat, und verlor dort über 100 Elo-Punkte.
Seitdem fällt ein Altersrekord nach dem anderen. 2025 wurde sie mit zehn Jahren jüngste WIM und schlug bei der britischen Meisterschaft Großmeister Peter Wells. Im Juli 2026 holte sie in Dole als jüngstes Mädchen eine IM-Norm und besiegte dabei den französischen Großmeister Marc'Andria Maurizzi, Elo 2628. Im August wurde sie die jüngste britische Frauenmeisterin. Ins Jahr gestartet war sie mit einer Elo unter 2200, jetzt steht sie kurz vor 2400. Für den IM-Titel fehlen ihr noch diese Elo-Zahl und eine letzte Norm. Lange dürfte der WGM-Titel also nicht ihr höchster bleiben. Und sehr wahrscheinlich ist sie bald in der Bundesliga zu sehen, und zwar beim Hamburger SK.
