Milch statt Whisky: Aljechin holt sich die Krone zurück
Am 5. Oktober 1937 begann in Den Haag der WM-Rückkampf zwischen Alexander Aljechin und Max Euwe. Aljechin hatte seit Monaten weder getrunken noch geraucht, verlor die erste Partie und drehte das Match danach in wenigen Tagen. Am Ende stand es 15,5:9,5 für ihn.
Nach einer Niederlage tritt ein Kellner an den Tisch von Alexander Aljechin und stellt ihm ein Glas Whisky hin, wohl als kleine Aufmunterung. Aljechin schiebt es zurück und bestellt stattdessen Milch. Der Kellner bleibt verblüfft stehen. Die Szene machte damals die Runde, und sie passte zu einem Mann, der seit Monaten vollständig auf Alkohol und Tabak verzichtete.
Am 5. Oktober 1937 begann in Den Haag der Rückkampf um die Weltmeisterschaft. Zwei Jahre zuvor hatte Max Euwe den Titel gewonnen: Im Herbst 1935 setzte er sich mit 15,5:14,5 gegen Aljechin durch, bei neun Siegen gegen acht. Die Vereinbarung sicherte dem Unterlegenen einen Rückkampf zu, und Euwe erklärte sich dazu bereit. Selbstverständlich war das nicht, denn Aljechin selbst hatte seinem Vorgänger Capablanca eine Revanche verweigert. Die Bedingungen legten die beiden am 19. Juni 1936 in Amsterdam fest.
Fünfzig Partien und kein Vorsprung
Die Spannung war groß, denn die beiden standen sich bis dahin völlig ausgeglichen gegenüber. In fünfzig Partien hatten sie je vierzehn Siege und 22 Remis erzielt. Gespielt wurde über höchstens 30 Partien, Weltmeister war, wer zuerst 15,5 Punkte und sechs Gewinnpartien erreichte. Dem Titelverteidiger genügten 15 Punkte. Die Leitung hatte der ungarische Großmeister Maróczy. Aljechin reiste mit seiner Frau und fünf Katzen an, was für zusätzliches Aufsehen sorgte.
Als Favorit galt trotzdem Euwe, der in Topform war und in der Eröffnung tiefer vorbereitet schien. Bei Aljechin hatte die Presse 1935 offen über Trunkenheit berichtet, erst gegen Ende jenes Matches wurde er nüchtern. Diesmal hatte er Zeit gehabt, sich zu erholen. Er ließ nicht nur den Alkohol, sondern auch die Zigaretten weg, und kam damit als fitter und konzentrierter Gegner nach Den Haag. Als Sekundanten standen Eliskases bei Aljechin und Reuben Fine bei Euwe.
Ein Fehlstart und drei Siege in Serie
Die erste Partie gewann Euwe mit einer Verbesserung, die ein estnischer Meister in einer der damals meistgespielten Slawisch-Varianten gefunden hatte. Aljechin nahm es gelassen, ein schlechter Start sei nicht unerwartet, noch seien 29 Partien zu spielen. Schon in der zweiten Partie glich er aus. Nach der fünften führte Euwe mit 3,5:1,5, und es sah nach seinem Match aus.
Dann kippte alles. In der sechsten Partie opferte Aljechin früh eine Figur, was Kasparow später die Muzio-Variante im Damengambit nannte. Euwe lehnte das Opfer ab und geriet in einen Angriff nach Art Paul Morphys. In der siebten und achten Partie gewann Aljechin erneut mit Opfern, in der zehnten verlor Euwe seine Dame in einer Falle und lag drei Punkte zurück. Botwinnik fand später heraus, wie er sie hätte retten können.
Euwe fing sich, gewann die 13. und die 17. Partie und verkürzte auf zwei Punkte. Als Wendepunkt gilt die 19. Partie: Aljechin spielte die Eröffnung wie ein Anfänger und opferte eine Figur in aussichtsloser Lage, doch Euwe verpasste mehrere Gewinnwege und musste am Ende selbst ein Remis retten. Nach der 20. Partie stand es 11:9 für Aljechin.
Ein Gehirn im Sitzstreik
In den letzten fünf Partien verlor Euwe viermal. In der 21. Partie geriet ein Turm mitten auf dem Brett in eine Falle, in der 22. und 24. wurde er positionell überspielt, in der 25. ging sein verzweifelter Angriff ins Leere. Euwe beschrieb den Einbruch später selbst.
Ich hatte den Eindruck, mein Gehirn sei in eine Art Sitzstreik getreten.Max Euwe, nach dem Match · übersetzt nach Chess.com
Die 25. Partie am 4. Dezember war zugleich die letzte. Aljechin hatte mit zehn Siegen, vier Niederlagen und elf Remis 15,5 Punkte erreicht, Euwe kam auf 9,5. Aljechin fasste die zwei Jahre auf seine Weise zusammen.
Ich habe Euwe den Titel für zwei Jahre geliehen.Alexander Aljechin · übersetzt nach Chess.com
Gespielt wurde in mehreren niederländischen Städten, von Den Haag über Rotterdam und Haarlem bis Zwolle und Delft. Danach bestritt Aljechin keinen weiteren WM-Kampf mehr und blieb bis zu seinem Tod 1946 Weltmeister. Es war der letzte Kampf, in dem der Titelhalter die Bedingungen festsetzen konnte, und der letzte vor dem Zweiten Weltkrieg. Aljechins Nachfolger wurde 1948 Michail Botwinnik. Der holte sich 1958 gegen Wassili Smyslow in einem Rückkampf den Titel zurück, den er 1957 verloren hatte.
