Fernschachbund wird 80: Von der Postkarte zum Server
Seit 80 Jahren spielen Deutsche Schach auf Distanz, erst per Postkarte, heute auf dem Server. Zum Geburtstag treffen sich in Neuhardenberg die Delegierten des Weltverbands, und mancher sieht seinen Spielpartner zum ersten Mal von Angesicht.
Manche Gegner kennt Manfred Scheiba seit Jahren, gesehen hat er sie noch nie. Am Montag, 12. Oktober, ändert sich das. Der Präsident des Deutschen Fernschachbunds (BdF) empfängt dann in Neuhardenberg Gäste aus aller Welt, und für viele ist es die erste persönliche Begegnung.
Ich freue mich wirklich sehr, einige Spielpartner endlich mal persönlich kennenzulernen, mit denen man bisher nur übers Internet und per Post kommuniziert hatManfred Scheiba, Präsident des Deutschen Fernschachbunds
Es kommen 59 Gäste aus 24 Ländern, meist die Präsidenten der nationalen Verbände, darunter aus Südafrika, Peru und von den Philippinen. Anlass ist der Kongress des Fernschach-Weltverbands ICCF, den Deutschland alle zehn Jahre ausrichtet: 1996 in Bad Neuenahr, 2006 in Dresden, 2016 in Bremen und nun 2026 in Neuhardenberg. Getagt wird in der Orangerie des barocken Schlosses. Zugleich feiert der BdF seinen runden Geburtstag, denn gegründet wurde er am 25. August 1946, also vor 80 Jahren.
Vom Eröffnungsabend bis zum Hangar
Der Kongress beginnt mit einem Eröffnungsabend am 11. Oktober. Am 12. und 13. Oktober beraten die Delegierten, am 14. Oktober folgt eine gemeinsame Fahrt nach Berlin mit Stationen im Bundestag und im Humboldt Forum, am Abend dann der Abschlussabend. Die Begleitpersonen fahren am 13. Oktober durch den Oderbruch. Scheiba kündigt einen Arbeitskongress an, aber mit einem Rahmenprogramm, bei dem sich alle wohlfühlen sollen. Das traditionelle Blitzturnier findet diesmal im Hangar des Flughafens Neuhardenberg statt.
Parallel läuft das nationale Open zum Jubiläum. Ab dem 11. Oktober spielen 108 Teilnehmer in zwölf Gruppen um 5000 Euro Preisgeld.
Dreizehn Gründer in Frankfurt
Am 25. August 1946 gründeten 13 Fernschachfreunde in Frankfurt am Main die Arbeitsgemeinschaft deutscher Fernschachfreunde. Erster Vorsitzender wurde der Arzt Edmund Adam. Schon 1947 nahm der Weltverband den jungen Verein auf. Der Vorläufer dieses Weltverbands, der Internationale Fernschachbund, war bereits 1928 in Berlin entstanden. Aus der Arbeitsgemeinschaft wurde der Deutsche Fernschachbund, der seit 2006 zum Deutschen Schachbund gehört und sich als größten nationalen Fernschachverband der Welt versteht. Bis 1961 vertrat er Spieler aus Ost und West gemeinsam, danach gingen die Wege für drei Jahrzehnte auseinander, ehe nach der Wende beide Seiten wieder zusammenfanden.
Spielen mit Server und Maschine
Gespielt wurde zuerst per Postkarte, mit einer Zahlennotation, damit sich auch Partner ohne gemeinsame Sprache verstehen: Aus e2-e4 wird 5254. Später kamen Fax, E-Mail und ein eigener BdF-Server, der 2008 an den Start ging. Seit dem 22. Mai 2025 starten die Turniere auf dem Server der ICCF, den eigenen Server gab der BdF vor allem aus Kostengründen auf. Heute spielen nur noch wenige Mitglieder per Post.
Computer und Engines, auch die KI, hätten das Spiel in seinem Charakter verändert, sagt Scheiba, aber es habe nicht seinen Reiz verloren. Viele Mitglieder spielen oft rund 50 Partien parallel, ohne Maschine gehe da nichts. Beliebt sind deshalb Turniere ohne Engine, gespielt auf Vertrauensbasis. Die Kehrseite: Manche Fernschach-Weltmeisterschaft ist inzwischen eine Remis-Wüste geworden.
Für Fernschachspieler ist die Ruhe die wichtigste Kraft.Manfred Scheiba, Präsident des Deutschen Fernschachbunds
Weniger Mitglieder, viele Titel
Die Mitgliederzahl erzählt von einem Wandel. Auf dem Höchststand 1991 hatte der BdF über 8.000 Mitglieder, im Oktober 2026 sind es 1.189, das Durchschnittsalter liegt bei etwa 60 Jahren. Sportlich ist die Bilanz dagegen glänzend. Vier Weltmeister stellte der Verband: Horst Rittner (1971), Fritz Baumbach (1988), Ulrich Stephan (2010) und Olaf Hesse, der 2025 einer von zehn Siegern der 33. Weltmeisterschaft war. Bei den Fernschach-Olympiaden holte Deutschland seit 1999 achtmal Gold und dreimal Silber, die Frauen gewannen 2017 Gold.
Baumbach, der von 1993 bis Ende 2010 Präsident war und 2025 starb, hinterließ auch eine Anekdote aus der Postkartenzeit. Er warf abends die Karte mit seinem Zug ein, grübelte nachts, ob der Zug wirklich gut war, und lauerte am nächsten Tag dem Postboten auf, um die Karte zurückzubekommen. Dann schickte er sie mit einem neuen Zug auf die Reise.
