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München 1936: Die Olympiade, die keine war

Im Sommer 1936 lud der Großdeutsche Schachbund zur Schacholympiade nach München. Die FIDE sah das Turnier nie als offizielle Olympiade an, trotzdem kamen 21 Länder. Ungarn blieb ungeschlagen, Deutschland wurde Dritter, knapp hinter Polen.

8. Oktober 20264 Minuten LesezeitMatt am Freitag

1.680 Partien an acht Brettern, 21 Mannschaften, 20 Runden und eine Bedenkzeit von zwei Stunden für 40 Züge: Dem Münchner Länderturnier vom 17. August bis 1. September 1936 fehlte nichts, was eine Schacholympiade ausmacht. Außer der Anerkennung. Die FIDE billigte dem Turnier den Status einer offiziellen Olympiade nie zu.

Der Hintergrund liegt im Jahr 1933. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ersetzte der Großdeutsche Schachbund (GSB) den Deutschen Schachbund, Bundesleiter wurde Otto Zander, und schon Ende Mai 1933 übernahm Joseph Goebbels den Ehrenvorsitz. Der GSB war nicht mehr Mitglied der FIDE. Sein Antrag auf Wiederaufnahme scheiterte 1935 beim Kongress in Warschau, weil die Rassengesetze und der Ausschluss der Juden aus dem Schachbetrieb mit der FIDE-Satzung unvereinbar waren. Der GSB richtete sein Länderturnier trotzdem aus und nannte es Schacholympiade. Als Kompromiss stellte die FIDE ihren Mitgliedsverbänden die Teilnahme frei. Im Gegenzug hatte der GSB zugesagt, jüdische Spieler in den Ländermannschaften zuzulassen.

Hitze in der Messehalle, Elite in Nottingham

Gespielt wurde in der Messehalle auf dem alten Messegelände an der Theresienwiese. München war auch deshalb gewählt worden, weil der Münchener Schachclub von 1836 im Jahr 1936 seinen 100. Geburtstag feierte. Mit 21 Nationen und 208 Spielern war die Beteiligung ein Rekord, mehr als in Warschau 1935 (20) und in Stockholm 1937 (19). Es fehlten aber unter anderem England, Belgien und die USA, die zuvor dreimal in Folge gewonnen hatten. Argentinien sagte wegen der Reisekosten ab, was als stillschweigender Boykott gilt.

Dazu kam der Terminkalender: Zeitgleich lief im englischen Nottingham ein berühmtes Turnier, weshalb Bogoljubow, Tartakower, Aljechin, Vidmar und Flohr in München für ihre Länder nicht am Start waren. Die Spieler stöhnten zudem über die Hitze in der Halle. Gespielt wurde mit den vom GSB beworbenen Bundesform-Figuren und mit eigens entworfenen Uhren, die nur ein einziges Uhrwerk besaßen. Mit Sonderzügen kamen insgesamt 3000 Schachinteressierte aus ganz Deutschland, der Völkische Beobachter widmete dem Turnier täglich eine Sonderseite. Die Zuschauerzahlen blieben trotzdem hinter den Erwartungen zurück.

Auch das Niveau war überschaubar, weil manche Nationen kaum genug starke Spieler aufbieten konnten. Die Wiener Schachzeitung sprach sogar von einer „Unmenge jämmerlicher Murksereien“.

Ungarn gewinnt jeden Wettkampf

An der Spitze gab es nichts zu rütteln. Ungarn gewann alle 20 Wettkämpfe und kam auf 110,5 Brettpunkte von höchstens 160. Angeführt wurde das Team von Géza Maróczy, der mit 67 Jahren seinen Zenit längst überschritten hatte und am ersten Brett 6 Punkte aus 11 Partien holte. Zum Star des Turniers wurde ein anderer. Der 19-jährige László Szabó erzielte am fünften Brett 16,5 aus 19 und damit das prozentual beste Ergebnis aller Spieler. Lajos Steiner schaffte am zweiten Brett 15,5 aus 20, Ernö Gereben 13 aus 19. Gereben floh nach dem Aufstand von 1956 in die Schweiz und nahm dort wieder seinen ursprünglichen deutschen Namen Ernst Grünfeld an. In München spielte er unter der ungarischen Fassung, auch wegen der Verwechslungsgefahr mit dem österreichischen Meister Ernst Grünfeld.

Polen wurde Zweiter, ohne Rubinstein und Tartakower, dafür mit Mieczysław Najdorf. Der spätere Miguel Najdorf holte am zweiten Brett 16 aus 20 und damit Einzelgold. Drei Jahre später blieb er nach der Olympiade in Buenos Aires wegen des Kriegsbeginns in Argentinien und änderte seinen Vornamen. Das beste Einzelergebnis am ersten Brett erzielte Paul Keres für Estland mit 15,5 aus 20, Boris Kostić landete hinter Szabó mit 16 aus 19 auf dem zweiten Rang der gesamten Rangliste und trug Jugoslawien auf Platz vier.

Bronze ohne Superstars

Deutschland spielte ohne Bogoljubow und ohne absolute Topspieler, hatte aber ein ausgeglichenes Team. Dass jede Mannschaft zehn Spieler nominieren durfte, acht Bretter plus zwei Ersatzspieler, kam dieser Breite entgegen. Kurt Richter holte am ersten Brett 12 aus 18. Die Mannschaft verlor nur zwei Wettkämpfe, beide mit 3,5:4,5 gegen Ungarn und Polen, und teilte zweimal den Punkt, mit 4:4 gegen Jugoslawien und die Tschechoslowakei. Das reichte zu 16 gewonnenen Wettkämpfen, so viel wie Polen. Entscheidend waren die Brettpunkte: 106,5 für Deutschland gegen 108 für Polen.

Am meisten trugen zur Bronzemedaille die heute weniger bekannten Namen bei. Der Nürnberger Rechtsanwalt Ludwig Rödl, ein Endspielexperte, kam am sechsten Brett auf 11 aus 16 und war dort der Beste. Herbert Heinicke holte am achten Brett 13 aus 18, Ludwig Rellstab am fünften 12 aus 17. Wilhelm Ernst und Paul Michel erzielten an den beiden Reservebrettern 9,5 aus 14 und 9,5 aus 12. Daneben spielten Carl Ahues, Ludwig Engels, Carl Carls und Friedrich Sämisch. Richter gab zusammen mit Heinz van Henning später ein zweibändiges Turnierbuch heraus.

Siegerehrung, Revue und ein Comeback

Die Siegerehrung nahm Zander am Abend nach der Schlussrunde in der Ausstellungshalle vor. Im parallel ausgetragenen Problemwettbewerb gewann Deutschland Gold vor Ungarn und Lettland. Für das Publikum gab es Lebendschachvorführungen und Revueveranstaltungen der Doorlay Girls. Turnierleiter war Ehrhardt Post, Zanders Stellvertreter.

Im November 1936 lobte das British Chess Magazine die gute Organisation und bedauerte, dass Deutschland aus der FIDE ausgetreten war. Beim FIDE-Kongress 1938 schlug der Weltverband einen pragmatischeren Kurs ein, 1939 durfte Deutschland in Buenos Aires wieder offiziell antreten und gewann Gold. Aus der Erinnerung an die gute Organisation von 1936 kam die Schacholympiade 1958 erneut nach München.

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