Zehnjährige mischt Gera auf
Als Nummer 89 der Setzliste trat die zehnjährige Nina Bos in Gera gegen Erwachsene an, gewann fünf von sieben Partien und war bis zur letzten Runde im Rennen um den Turniersieg. Die gehörlose Polin trainiert mit einem Großmeister und einem Internationalen Meister.
In der sechsten Runde schlug in der Geraer Panndorfhalle eine Zehnjährige den Spieler Daniel Ahmed, der mit 2142 Elo-Punkten an Nummer sieben gesetzt war. Nina Bos aus Zielona Góra war als Nummer 89 von 128 Teilnehmern ins 4. Albrecht-Beer-Turnier gegangen, mit 1772 Elo. Nach dieser Partie standen fünf Punkte aus sechs Runden auf ihrem Konto, und bis zur letzten Runde hatte sie noch Chancen auf den Turniersieg.
Die siebte Runde brachte sie an das Brett von Edwin Fischer (SC Reichenbach, Elo 2262), der am Ende Zweiter wurde. Er gewann, Nina Bos blieb bei fünf Punkten aus sieben Partien. Weil 13 Spieler auf fünf Punkte kamen, entschied die Feinwertung, und sie belegte Platz zehn. Den Turniersieg holte der norwegische Internationale Meister Helge Nordahl mit 6,5 Punkten, Fischer folgte mit sechs. Ihre Turnierleistung lag bei 2217 Elo und damit 445 Punkte über ihrer Ausgangszahl.
Neben Ahmed bezwang sie Heiko Pensold (2011), Manfred Lenhardt (1982), Dmytro Boroshnev (2005) und Dave Möwisch (2013). Verloren hat sie außer gegen Fischer nur in Runde 3 gegen Matthias Buring (2086).
Vier Tage in der Panndorfhalle
Das Turnier lief vom 1. bis 4. Oktober 2026 über sieben Runden im Schweizer System, mit 90 Minuten für 40 Züge, 30 Minuten für den Rest der Partie und 30 Sekunden Zuschlag pro Zug. Es war also Turnierschach mit voller Bedenkzeit. Ausgerichtet hat es der neu gegründete Förderverein Schach Gera e.V. gemeinsam mit den Geraer Schachvereinen. Das Turnier erinnert an Albrecht Beer, den Geraer Organisator und Schiedsrichter, und zählte zugleich als Thüringer Einzelmeisterschaft. Die Landesmeistertitel gingen an Johannes Sondermann (Meuselwitzer SV, 5 Punkte) und Tilda Loos (VfL 1990 Gera, 3,5 Punkte), die jeweils besten Teilnehmer eines Thüringer Vereins. Parallel spielten die Kinder und Jugendlichen im Geraer Jugendopen U14.
Ein Schachspiel nach dem Serienabend
Nina Bos, Jahrgang 2016, spielt für die Akademia Szachowa Zielona Góra. Der Anfang liegt bei der Serie „Das Damengambit“: Ihre Eltern sahen sie, kauften ein Schachspiel und spielten ab und zu. Nina schaute zu und wollte es selbst probieren, verlor aber anfangs oft und hörte wieder auf. Mit sieben Jahren kam sie auf eigenen Wunsch zurück, besorgte sich Schachbücher und fing noch einmal an.
Heute trainiert sie mit dem Internationalen Meister Marek Matlak, der von 1996 bis 2018 die polnische Frauen-Nationalmannschaft betreute, und mit dem Großmeister Grzegorz Nasuta, zum Teil online. 2024 wurde sie polnische Meisterin der Mädchen U8 im klassischen Schach, im April 2026 gewann sie bei der Schnellschach-Weltmeisterschaft der Mädchen U10 in Vrnjačka Banja Silber. Ihre höchste klassische Elo-Zahl lag im Januar 2026 bei 1862.
Hörimplantate und Mannschaftsgold
Nina Bos kam mit einer Hörschädigung zur Welt und gilt als gehörlos. Sie trägt Hörimplantate.
Ich habe Prozessoren, mit denen ich höre, aber ohne sie höre ich gar nichts.Nina Bos, Spielerin · übersetzt nach i.pl
Neben dem Juniorenschach spielt sie für Polen bei Turnieren für Gehörlose und tritt dort gegen Erwachsene an. Bei den Mannschafts-Weltmeisterschaften der Gehörlosen 2026 in Roquetas de Mar gewann Polen im klassischen Schach Gold, Nina Bos holte als Ersatzspielerin 4 aus 4. Im Schnellschach gab es Silber, im Blitz Bronze. In den Einzelwertungen der Frauen wurde sie im Schnellschach und im Blitz jeweils Sechste.
Mit den Schiedsrichtern muss sie sich bei Turnieren selbst verständigen, die Eltern sind im Spielsaal nicht dabei. Dafür spricht und liest sie Englisch, in der Schule hat sie Deutsch. Den Vorrang hat nach Angaben ihres Vaters das Juniorenschach: Für November war die Europameisterschaft der Junioren im klassischen Schach in Griechenland geplant.
Die nächsten Winter-Deaflympics finden vom 15. bis 24. Januar 2027 in Innsbruck-Seefeld-Tirol statt. Schach steht im Programm: Technische Besprechung am 15. Januar, Blitzturnier am 16. Januar, danach ab dem 17. Januar die klassische Mannschaftswertung. Ob die Zehnjährige für Polen nominiert ist, geht aus den vorliegenden Angaben nicht hervor.
