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Jussupow: Der Schachbund soll mehr in Trainer investieren

Der Vortrag über effektives Training war der bestbesuchte Termin der Reihe WissenSchach kompakt. Artur Jussupow zieht daraus einen Schluss für den Schachbund: Die Trainerausbildung laufe zu sehr nebenher, und mehr Geld dort könnte Talente im Schach halten.

12. Oktober 20263 Minuten LesezeitMatt am Dienstag

Den Moment, in dem er begriff, wie voll der virtuelle Saal war, hat Artur Jussupow verpasst. Der Großmeister musste an seinem Abend so viel reden, dass er keine Zeit hatte, die Teilnehmerliste durchzusehen. In seinem Zoom-Fenster sah er nur eine kleine Gruppe und vereinzelt bekannte Gesichter. Waren es wirklich so viele, fragte er hinterher. Es waren 214. Das ist Rekord für WissenSchach kompakt, die Digitalreihe des Deutschen Schachbunds (DSB). Der Schachbund musste dafür seine Zoom-Lizenz erweitern. Im Nachhinein meldeten sich sogar Interessierte aus Tadschikistan und der Schweiz, die den Termin verpasst hatten und die Inhalte nachholen wollten. Eine Aufzeichnung gibt es nicht, Jussupow war nur live zu erleben.

Zum Vergleich: Vor dem Termin am 8. Oktober hatten sich über 90 Menschen angemeldet. Die ersten sechs Ausgaben der Reihe aus dem Vorjahr hatten zusammen 218 Interessierte angelockt, der eine Abend mit Jussupow kam fast an diese Summe heran. Jussupow selbst führte den Andrang auf das Thema zurück und nicht auf sich: „Ich denke nicht, dass es an mir lag. Es lag am Thema.“ Am Ende gab es eine Nachspielzeit von 15 Minuten, damit alle Fragen beantwortet werden konnten.

Balance, Intuition und Blindschach

Inhaltlich ging es um die Frage, wie man richtig trainiert. Jussupows Grundgedanke ist die Balance. Wer sich verbessern will, muss spielen, und zwar bewusst: Wie oft, bei welchen Turnieren und mit welchen Pausen dazwischen, will gut geplant sein, ebenso wie realistische Ziele für das kommende Jahr. Dazu kommen Partieanalyse, Eröffnungsrepertoire, Endspiele, Taktik und Berechnung. Kein Bereich darf auf Dauer zu kurz kommen. Wer gezielt an den eigenen Schwächen arbeitet und sich ein Vorbild für die eigene Spielweise sucht, kommt nach Jussupows Ansicht schneller voran.

Wie abwechslungsreich Training sein kann, zeigte er an individuellen und gemeinsamen Formen. Das Spektrum reichte vom Intuitionstraining, bei dem fünf Stellungen in 15 Minuten zu beurteilen sind, über Blindschach bis zu Simultan, Beratungspartie und Blitzlösen in der Gruppe. Dass Gruppentraining vor allem Spaß macht, durfte das Publikum selbst erleben: Zwei mitgebrachte Schachaufgaben löste die Runde gemeinsam und interaktiv. Dazu erzählte Jussupow Anekdoten aus seiner jahrzehntelangen Praxis, sodass der Abend nicht bei der Theorie blieb. DSB-Vizepräsident Jannik Kiesel, der Initiator der Reihe, dankte ihm für einen kurzweiligen Abend und allen Teilnehmenden fürs Mitmachen, denn davon lebe das Format.

Trainer als wichtigste Ebene

Gerade der große Zuspruch hat Jussupow nachdenklich gemacht. Wenn sich so viele für das Thema interessierten, sollte beim DSB auch über den Stellenwert der Trainer und ihre Förderung gesprochen werden, sagte er. In der Trainerausbildung könne noch viel mehr gemacht werden. Für ihn ist die Rangfolge klar: Trainer seien aus seiner Sicht die wichtigsten Personen im Leistungssport und auch im Breitensport.

Haben wir gute Trainer, dann haben wir auch gute Talente.Artur Jussupow, Großmeister und Trainer

Seine Vorschläge sind zunächst eine Anregung und noch kein Antrag. Das Konzept von WissenSchach lasse sich nach seiner Einschätzung in gewisser Weise auf die gesamte Trainerausbildung übertragen. Er wolle alle Verantwortlichen im DSB anregen, die Trainerseminare in ähnlichem Rahmen durchzuführen und sie damit zu reformieren, praxisorientiert und durchaus unterhaltsam. Derzeit laufe die Ausbildung beim DSB nach seinem Eindruck zu sehr nebenher und mit zu geringem Aufwand. Das Ziel müsse sein, möglichst viele Trainer so zu begeistern und auszubilden, dass künftig vielleicht sogar mehr professionelle Coaches im Schach unterwegs sind. Der DSB könnte nach Jussupows Überzeugung mehr gute Trainer gewinnen und weniger Talente verlieren, wenn er mehr in diesen Bereich investiert.

Vor dem Termin hatte Jussupow davor gewarnt, Nachwuchsspieler im Verein zu früh ans erste Brett gegen deutlich stärkere Gegner zu setzen. Seine Forderung nach besserer Trainerausbildung schließt daran an.

Wie es mit der Reihe weitergeht

Fünf Termine der Reihe stehen noch aus. Der nächste ist am Mittwoch, 4. November 2026, um 19 Uhr. Dann spricht Sara Marinovic, Vorsitzende der Kommission für Frauenschach im Österreichischen Schachbund, unter dem Titel „Wieso spielen so wenige Frauen Schach?“. Grundlage ist ihre Genderanalyse mit über 400 Befragten, rund 100 davon aus Deutschland. Manche Ergebnisse seien nach Marinovics Worten ziemlich überraschend. Für diesen Abend lagen bereits 112 Anmeldungen vor. Er findet wie alle Termine per Zoom statt, die Anmeldung ist kostenlos. Danach folgen am 10. Dezember Nadja Jussupow zum Frauenschach in Deutschland, am 11. Januar 2027 Gert Schulz mit dem Thema Inklusion im Verein, am 17. Februar Marco Prillwitz über Schachspieler und Ausdauerathleten sowie am 10. März die Frauengroßmeisterin Melanie Lubbe zu mentaler Stärke.

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