Schachfiguren aus Plastikmüll in Kibera
In einem kleinen Raum in Kibera werden aus Plastikabfall Läufer, Springer und Bauern gepresst. Fast 2.000 Sets sind so schon entstanden. Der Gründer sagt selbst, dass das am Müllproblem kaum etwas ändert. An den Schulen des Viertels wird mit den Sets trainiert.
In einem kleinen Raum im Stadtteil Gatwikira in Kibera sitzen drei Handwerker in blauen Overalls und beschäftigen sich mit winzigen Schachfiguren. Einer glättet die Kante eines Läufers, ein anderer richtet einen Springer, daneben liegen Damen, Könige, Türme und Bauern in ordentlichen Reihen. Was hier fertig wird, begann als Abfall: Plastiktüten und Lebensmittelbehälter, wie sie in den informellen Siedlungen Nairobis überall herumliegen.
Vom Abfall zum Läufer
Hinter dem Projekt steht Kijiji Solutions, gegründet von Richard Haukom. Er kam 2022 nach Nairobi, brachte Erfahrung in kleiner Fertigung und im Aufbau von Betrieben mit und wollte praktische Wege gegen den wachsenden Müll in den Siedlungen finden. Jugendgruppen sammeln und sortieren das Plastik, danach geht es an einen Recyclingbetrieb in Mathare. Der wäscht und zerkleinert es und schickt es als Pellets aus Polypropylen zurück. In Kibera schmilzt eine Strangpressmaschine die Pellets zu einer dicken Masse, die in Formen in Gestalt der Schachfiguren läuft. Nach dem Wasserbad werden die Figuren von Hand nachgearbeitet. Die ersten Formen kamen aus dem Ausland, inzwischen werden einige in Nairobi angefertigt, zum Teil von Schülern einer internationalen Schule. Die Bretter werden aus Jutesäcken genäht, die Sets wandern in kleinen Jutebeuteln zu den Kindern.
Die Idee entstand aus einer Lücke. Ken Kaplan unterrichtete an Schulen in Kibera Schach, unter anderem an der Centre of Hope School, deren Schüler schon in der Kenya Chess League antraten, aber für regelmäßiges Training zu wenige Sets hatten. Zugleich suchte Russ Makofsky aus New York einen Weg nach Kenia. Der Unternehmer hatte mehr als zwanzig Jahre lang Schachprogramme an öffentlichen Schulen in New York aufgebaut und 2020, mitten in der Corona-Pandemie, die Wohltätigkeitsorganisation The Gift of Chess gegründet, die kostenlose Sets verteilt. Sie erreichte nach eigenen Angaben mehr als 50.000 Sets in über 40 afrikanischen Ländern. Kijiji lieferte die fehlende Fertigung vor Ort.
Die Gesamtmenge an entferntem Plastik ist eher symbolisch als wirksam gegen das Problem des Plastikmülls.Richard Haukom, Gründer von Kijiji Solutions · übersetzt nach Africanews
Am Brett zählt nur das Können
Fast 2.000 turniertaugliche Sets sind aus etwa 200 Kilogramm Plastik entstanden, weil einzelne Figuren wenig Material brauchen. Haukom sagt, die Produktion könne deutlich steigen, wenn die Nachfrage es verlange. Schon im Frühjahr waren mehr als 1.000 Sets an Schulen, Gefängnisse, Jugendgruppen, Schachclubs und das Flüchtlingslager Dadaab im Norden Kenias gegangen, und die Werkstatt mit fünf Mitarbeitern stellte nach Angaben aus Kibera mehr als 1.000 Sets im Monat her.
Sobald sie an dieses Brett gehen, spielt es keine Rolle, woher man kommt. Es zählen nur die Fähigkeiten.Ian Ombati, Schachlehrer · übersetzt nach Africanews
An der Centre of Hope School üben Kinder regelmäßig mit den Sets. Die elfjährige Esther Mutua erzählt, sie sei anfangs nicht gut gewesen und deshalb jeden Tag zum Training gekommen. Nach einigen Monaten habe sie sich auch in der Schule verbessert, vor allem in Mathematik. Sie hat inzwischen an Turnieren teilgenommen und Medaillen und Urkunden gewonnen. Der neunjährige Markham Odhiambo sagt, Schach helfe ihm, sich im Unterricht zu konzentrieren und Matheaufgaben zu beantworten. Schulleiter Wilson Akhonya sieht bei schachspielenden Schülern Fortschritte bei kritischem Denken, Problemlösen, Führungsstärke und Leistungen, die Schule zählt Schach zu ihrem Lehrplan. Studien zu Schach und Schulleistung zeigen einen leichten positiven Zusammenhang, ob das Spiel selbst die Ursache ist, wird seit Langem diskutiert.
