Rafael Vaganian wird 75
Mit 19 Großmeister, 1985 Sieger des Interzonenturniers von Biel, von 1990 bis 2007 Spieler der SG Porz: Rafael Vaganian wird am 15. Oktober 75. Zum Geburtstag sein Werdegang in Stationen und die Partie, in der er Samuel Reshevsky mit einer Opferserie vom Brett fegte.
Am 5. März 1976, in der fünften Runde des Turniers von Skopje, stand der König von Samuel Reshevsky auf g3. Der Weg dorthin war kurz gewesen: Im 8. Zug war er nach f2 gegangen, im 12. nach g3. Rafael Vaganian, damals 24 Jahre alt, spielte Schwarz und hatte sich für die Französische Verteidigung entschieden, die er in seiner Laufbahn öfter auf das Brett brachte als jede andere Eröffnung mit Schwarz.
Vor dem 14. Zug steht Weiß nach Stockfish mit +0,3 ausgeglichen, am besten ist 14.h3. Reshevsky spielte 14.Te1, und die Stellung bleibt mit −0,2 ausgeglichen. Vaganian antwortete mit 14...e5 und öffnete damit die Stellung. Weiß nahm den Bauern mit 15.fxe5. Die Engine hätte vorher 15.Sc3 gespielt, bei −0,1 war noch alles im Gleichgewicht. Nach 15.fxe5 steht Schwarz mit −4,5 auf Gewinn.
Es folgte eine Serie von Opferzügen. Nach 15...Sdxe5 16.dxe5 gab Schwarz mit 16...Lh4+ Schach, der König schlug auf h4, und mit 17...Txf3 nahm der Turm den Springer. Vor diesem letzten Zug steht Schwarz mit −6,6 auf Gewinn, und 17...Txf3 ist auch der beste Zug.
Der Turm war nicht zu nehmen. Auf 18.gxf3 hätte Schwarz ein Matt in vier gehabt: 18...Df2+ 19.Kg5 h6+ 20.Kg6 Sxe5+ 21.Kh5 Dxh2#.
Reshevsky wich aus und spielte 18.Tf1. Es folgten 18...Db4+ 19.Lf4 De7+ 20.Lg5 De6 21.Lf5 Txf5 22.Sf4 Dxe5. Nach 28 Zügen endete die Partie mit dem Sieg von Vaganian.
Sam Copeland, Community-Chef von Chess.com, setzte die Partie in seiner Liste der besten Partien der 1970er Jahre auf Platz 8. Er nennt sie eine der großen Meisterpartien der Französischen Verteidigung und vielleicht die beste, die Schwarz je gewonnen hat.
Der Kronprinz von Jerewan
Rafael Artemovich Vaganian wurde am 15. Oktober 1951 in Jerewan geboren, damals Teil der Sowjetunion. Mit fünf Jahren lernte er das Schachspiel. Sein Vater, ein Physiker, war ein begeisterter Spieler und hatte als junger Mann in einer Simultanvorstellung mit Uhr Max Euwe geschlagen. Adrian Mikhalchishin erzählt, wie der junge Vaganian 1965 bei einem Turnier in Jerewan als Vorführer arbeitete. Gideon Stahlberg gab ihm drei Rubel und schickte ihn, etwas zu trinken zu holen. Vaganian, ein höflicher Junge aus einer Professorenfamilie, kam mit einer Flasche Borjomi-Mineralwasser zurück und dem Hinweis, das sei gesünder.
Mit 16 wurde er sowjetischer Jugendmeister. 1969 teilte er bei der Jugend-Europameisterschaft in Groningen mit Zoltan Ribli und Karl-Heinz Maeder den ersten Platz und wurde nach Feinwertung Zweiter. Nach seinem Sieg in Vrnjačka Banja 1971 verlieh ihm die FIDE den Großmeistertitel, er war 19 Jahre alt. In Armenien wurde er danach nach jedem gewonnenen Turnier mit Empfängen in Jerewan, Zeitungs- und Fernsehinterviews und endlosen Banketten gefeiert, wie Genna Sosonko schreibt.
Wenn Petrosian der König Armeniens war, wurde Vaganian sein Kronprinz.Genna Sosonko, Großmeister und Autor · übersetzt nach dem Russischen Schachverband
Biel, Montpellier und zweimal knapp gescheitert
Es folgten Turniersiege in São Paulo 1977, Las Palmas 1979, Manila 1981, Moskau 1982, Hastings 1982/83, Tallinn 1983 und Lwiw 1984. Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft gelang ihm zunächst nicht, bis er 1985 das Interzonenturnier in Biel mit einem Punkt Vorsprung gewann. Beim Kandidatenturnier in Montpellier teilte er den ersten Platz mit Artur Yusupov und Andrei Sokolov. Im Halbfinale 1986 in Minsk verlor er gegen Sokolov mit 2:6, bei vier Remis und vier Niederlagen. 1988 schied er im Kandidatenwettkampf in Saint John gegen Lajos Portisch mit 2,5:3,5 aus, bei fünf Remis und einer Niederlage. Wenige Tage später wurde er an gleicher Stelle Vizeweltmeister im Blitzschach, im Finale unterlag er Mikhail Tal mit 0:4.
1989 gewann Vaganian in Odessa die sowjetische Meisterschaft, 1990 folgte ein Turniersieg in Toronto. 2004 landete er beim Aeroflot Open in Moskau punktgleich mit dem Sieger Sergei Rublevsky an der Spitze. Im November 2019 wurde er in Bukarest Seniorenweltmeister der Altersklasse 65+.
Gold für die Sowjetunion, Bronze für Armenien
Neunmal spielte Vaganian bei Schacholympiaden, 1978, 1984 und 1986 für die Sowjetunion, 1992, 1994, 1996, 1998, 2000 und 2004 für Armenien. Mit der sowjetischen Mannschaft gewann er 1984 und 1986 Gold und wurde 1978 Zweiter, mit Armenien kam er 1992 und 2004 auf den dritten Platz. In der Einzelwertung gewann er 1984 und 2004 jeweils am dritten Brett. Dazu kommen die Mannschaftsweltmeisterschaften 1985 und 1989 und die Mannschaftseuropameisterschaften 1980, 1983 und 1989, die er alle mit der Sowjetunion gewann.
Porz und die 14,5 aus 15
In der deutschen Bundesliga spielte Vaganian von 1990 bis 2007 für die SG Porz. Mit dem Verein wurde er 1994, 1996, 1998, 1999, 2000 und 2004 Deutscher Mannschaftsmeister. In der Saison 1996/97 holte er 14,5 Punkte aus 15 Partien, das beste Einzelergebnis, das je in einer Bundesligasaison erreicht wurde. Er trägt deshalb den Beinamen „Mr. Bundesliga“. Er lebt in Deutschland und ist mit Irina Vaganian, einer Internationalen Meisterin der Frauen, verheiratet, die auch die Internetseite der Bundesliga und des Vereins gestaltete. Parallel spielte er von 1996 bis 2001 in den Niederlanden für De Variant Breda, mit dem er von 1997 bis 2001 fünfmal Meister wurde und 1998 den European Club Cup gewann.
Französisch, Intuition und alle Weltmeister
Von seinen 2.422 erfassten Partien spielte Vaganian mit Schwarz 413-mal Französisch, davon 165-mal die Tarrasch- und 134-mal die Winawer-Variante. Mit Weiß wählte er am häufigsten die Englische Eröffnung, 169-mal, und das Réti-System, 127-mal. Alexey Suetin beschrieb ihn 1985 als Spieler mit großer natürlicher Begabung.
Er berechnet nicht immer alle Varianten gründlich und verlässt sich auf sein natürliches Schachgespür.Alexey Suetin, 1985 · übersetzt nach der englischen Wikipedia
Genna Sosonko berichtet, Mikhail Botvinnik habe einmal bemerkt, Vaganian spiele, als hätte es das Schach vor ihm nicht gegeben. Gegen jeden Weltmeister von Vasily Smyslov bis Viswanathan Anand außer Bobby Fischer hat er gespielt, heißt es beim Russischen Schachverband, und alle außer Garry Kasparov, Vladimir Kramnik und Anand hat er geschlagen.
75 Jahre, noch immer in der Wertungsliste
Seine aktuelle Elo-Zahl beträgt 2431 (Oktober 2026), seinen Höchstwert erreichte er im Januar 2005 mit 2670, mit 53 Jahren. In den vergangenen Jahren trat er seltener an. Die letzten erfassten Partien stammen von den Sparkassen Open im August 2025. In Armenien trainiert er Nachwuchsspieler. 2011 zeichnete ihn der Präsident Armeniens mit der Medaille „Für Verdienste um das Vaterland“ der ersten Kategorie aus, 2012 wurde er Ehrenbürger von Jerewan.
