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Capablancas letztes Turnier

Während Capablanca in Buenos Aires um Medaillen spielte, begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Er blieb ungeschlagen, holte Gold am ersten Brett und spielte dort seine letzte Turnierpartie, den Rückkampf gegen Alekhine aber bekam er nie.

17. Oktober 20265 Minuten LesezeitMatt am Sonntag

Am 14. September 1939 blieb in Buenos Aires ein Brett leer, an dem eigentlich die spannendste Partie des Turniers hätte stattfinden können. In der zwölften Finalrunde trafen Kuba und Frankreich aufeinander, und am Spitzenbrett hätten der frühere Weltmeister José Raúl Capablanca und der amtierende Weltmeister Alexander Alekhine gesessen. Capablanca trat nicht an. Für Kuba spielte stattdessen Alberto López Arce am ersten Brett und verlor gegen Alekhine in 25 Zügen. Der Mannschaftskampf endete trotzdem 2:2.

Dass die beiden sich aus dem Weg gingen, hatte eine lange Vorgeschichte. Alekhine hatte Capablanca 1927 in Buenos Aires den Titel abgenommen, und seither bemühte sich Capablanca vergeblich um einen Revanchekampf. Alekhine fand immer neue Gründe, nicht zu spielen, verteidigte seinen Titel 1929 und 1934 gegen Efim Bogoljubow, verlor ihn 1935 an Max Euwe und holte ihn 1937 im Rückkampf zurück. Auch in Turnieren achtete er darauf, nicht in dieselbe Veranstaltung zu geraten wie Capablanca. In Nottingham 1936 spielten sie nach neun Jahren zum ersten Mal wieder gegeneinander, und Capablanca gewann. Beim AVRO-Turnier 1938 folgten zwei Partien, die erste endete remis, die zweite gewann Alekhine.

Ein Turnier im Schatten des Kriegs

Die Olympiade hatte mit 27 Mannschaften und 133 Spielern ein Rekordfeld. Die als Favoriten geltenden USA sagten aus finanziellen Gründen ab, einige ihrer Spieler hatten unter anderem verlangt, dass die Reisekosten für ihre Ehefrauen übernommen würden. Die europäischen Teilnehmer fuhren drei Wochen lang auf dem belgischen Schiff Piriapolis über den Atlantik. Gespielt wurde zuerst eine Vorrunde in vier Gruppen. Kuba wurde in seiner Gruppe Vierter und erreichte damit gerade noch das A-Finale, für das sich die jeweils besten vier Mannschaften qualifizierten.

Am 1. September, dem Tag, an dem das Finale begann, überfiel Deutschland Polen. Viele Mannschaften wollten die Olympiade abbrechen, einige Spieler wollten nicht mehr antreten. Eine Krisenversammlung der Mannschaftsleiter, der Gastgeber und der Organisatoren entschied, weiterzuspielen. Führende Rollen sollen dabei Alekhine, Savielly Tartakower, der deutsche Delegationsleiter Albert Becker und Augusto de Muro, der Präsident des argentinischen Schachverbands, gespielt haben.

Ganz ohne Folgen blieb der Kriegsausbruch trotzdem nicht. Die englische Mannschaft, die sich für das A-Finale qualifiziert hatte, reiste vorzeitig ab, ihr Platz blieb leer. Drei ihrer Mitglieder, C. H. O'D. Alexander, Stuart Milner-Barry und Harry Golombek, halfen später in Bletchley Park, die verschlüsselten Nachrichten der deutschen Wehrmacht zu entziffern. Sechs Mannschaftskämpfe wurden gar nicht erst gespielt, sondern kampflos mit 2:2 gewertet: Deutschland gegen Polen, Frankreich und Palästina, Böhmen und Mähren gegen Polen und Frankreich sowie Argentinien gegen Palästina. Einem kampflosen 2:2 gegen Palästina stimmte die deutsche Mannschaftsführung erst zu, als die jüdischen Spieler ankündigten, nicht anzutreten und den Deutschen damit de facto den Turniersieg zu schenken. Alekhine trat aus Protest gegen die Deutschen auch gegen Polen und Argentinien nicht an.

Am Ende gewann Deutschland mit 36 Brettpunkten, einen halben Punkt vor Polen, es war der bisher einzige deutsche Mannschaftssieg bei einer Schacholympiade. Bronze ging an Estland mit 33½ Punkten. Kuba wurde Elfter mit 22½ Punkten. Danach kehrten viele Teilnehmer nicht nach Europa zurück. Alle fünf Spieler der deutschen Mannschaft blieben in Südamerika, ebenso Miguel Najdorf und Paulino Frydman aus der polnischen Mannschaft. Tartakower, der seit Jahren in Frankreich lebte, aber für Polen spielte, ging zurück nach Europa und schloss sich den Streitkräften des Freien Frankreich an.

Der Rückkampf, der nie kam

Capablanca erklärte am Tag nach dem verpassten Duell in der argentinischen Zeitung Crítica, seine Entscheidung habe ausschließlich persönliche Gründe gehabt. Er habe dem argentinischen Schachverband schon eine Woche vorher mitgeteilt, dass er nicht gegen Alekhine spielen werde. Die Olympiade sei ein Mannschaftsturnier und kein Einzelwettbewerb, und weder Kuba noch Frankreich kämpften um den Turniersieg. Über einen Rückkampf um die Weltmeisterschaft verhandelten die beiden dennoch weiter. Am 16. September schrieb Capablanca an de Muro:

Ich bin bereit zu spielen, sobald sich der Kampf organisieren lässt.José Raúl Capablanca, Brief an Augusto de Muro, 16. September 1939 · übersetzt nach ChessBase

Alekhine antwortete am 18. September ausweichend und verwies darauf, dass er als Reserveoffizier der französischen Armee zum Dolmetscherdienst einberufen werden könnte. Zu dem Kampf kam es nie.

Einen sportlichen Trost gab es für Capablanca trotzdem. Er blieb in Buenos Aires ungeschlagen und holte 11½ Punkte aus 16 Partien, bei sieben Siegen und neun Remis. Alekhine kam auf 12½ Punkte aus 16 Partien (neun Siege, sieben Remis, keine Niederlage) und hatte damit einen Punkt mehr. Bei dieser Olympiade zählte für die Einzelmedaillen aber nur das Finale, ohne die Vorrunde. Dort holte Capablanca 8½ Punkte aus 11 Partien, Alekhine 7½ aus 10. Die Goldmedaille am ersten Brett ging deshalb an Capablanca, Alekhine bekam Silber.

Die letzte Turnierpartie

Seine letzte Turnierpartie spielte Capablanca am 18. September gegen den Brasilianer Octávio Trompowsky, nach dem die Trompowsky-Variante der Damenbauern-Eröffnung benannt ist. Mit Weiß wählte er Katalanisch und gewann so, wie er unzählige Partien gewonnen hatte: Er ließ die Theorie beiseite, mied taktische Verwicklungen, die vielleicht sogar vorteilhaft für ihn gewesen wären, und überspielte seinen Gegner im Mittelspiel mit scheinbar einfachen Mitteln.

Ein Beispiel liefert der 12. Zug. Weiß konnte mit 12.e4 einen Angriff auf den Springer d5 starten, und Stockfish sieht Weiß danach mit +1,7 klar besser. Capablanca zog stattdessen den ruhigeren Springer nach a3, mit dem Weiß nach der Engine mit +0,34 leicht besser steht.

Capablanca – Trompowsky, Olympiade Buenos Aires 1939Weiß am Zug, 12.Sa3 statt des schärferen 12.e4

Die Entscheidung fiel kurz darauf. Nach 16.Lf4 hätte Schwarz mit 16...c5 die Stellung gehalten, Weiß stand dann nur mit +0,58 leicht besser. Mit 16...Tac8 wurde daraus +3,7, und Weiß stand auf Gewinn. Danach wurden Leichtfiguren, die Damen und ein Turmpaar getauscht, und Capablanca steuerte ein vorteilhaftes Endspiel an, das er ohne Mühe zum Sieg führte.

Capablanca – Trompowsky, Olympiade Buenos Aires 1939Schwarz am Zug: 16...Tac8, danach steht Weiß mit +3,7 auf Gewinn

Wenige Züge später fiel der Bauer a7. Vor 31.f4 stand Weiß mit +4,4 auf Gewinn. Schwarz schob seinen c-Bauern danach noch bis c2 vor, gab aber nach 36.Kd2 auf.

Capablanca – Trompowsky, Olympiade Buenos Aires 1939Weiß am Zug: 31.f4, die Partie endet mit 36.Kd2

Nach der Olympiade spielte Capablanca kein Turnier mehr, nur noch Simultanvorstellungen und freie Partien. Am 7. März 1942 erlitt der 53-Jährige, der seit Jahren unter hohem Blutdruck litt, bei einem Besuch des Manhattan Chess Club in New York einen Schlaganfall. Er starb am Morgen darauf im Mount Sinai Hospital.

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