Siebzig Jahre Partie des Jahrhunderts
Ein Schüler aus Brooklyn, ein Turnier, das er mit 4,5 aus 11 beendete, und eine einzige Partie, die ihn bekannt machte: Siebzig Jahre nach Fischers Damenopfer gegen Donald Byrne erzählt John Henderson in CHESS, wie es dazu kam und warum ausgerechnet sein Heft sie damals nicht brachte.
Es war der elfte Zug von Schwarz, als im Marshall Chess Club in New York einige Zuschauer an den Tisch traten, an dem Donald Byrne und ein 13-Jähriger aus Brooklyn spielten. Der Junge hieß Robert James „Bobby“ Fischer. Es war der 17. Oktober 1956, die achte Runde des dritten Rosenwald-Gedenkturniers, und was auf dem Brett entstand, nannte Hans Kmoch im Dezemberheft der Chess Review die „Partie des Jahrhunderts“. Der Name blieb hängen. John Henderson erinnert im Oktoberheft von CHESS an die Partie, mit der Fischer vor siebzig Jahren bekannt wurde.
Ein Schüler im Feld der Meister
Das Rosenwald-Turnier lief vom 7. bis zum 24. Oktober im Marshall Chess Club. Es war eine Einladungsveranstaltung, die in diesem Jahr auf zwölf Spitzenspieler der USA erweitert wurde, damit der Brooklyner Schüler als frisch gekürter US-Juniorenmeister mitspielen konnte. Fischer bekam dafür schulfrei. Sein Ergebnis von 4,5 aus 11 und Platz acht bis zehn war nicht spektakulär. Den Turniersieg holte Sammy Reshevsky, und das Turnier fiel durch einen strittigen doppelten Forfait auf. Spektakulär war dagegen die Partie der achten Runde gegen Byrne.
Fischer hatte sich in diesem Jahr rasch verbessert. Im Juni 1956 trat er in Jack Collins’ Hawthorne Chess Club ein, und der Schachhistoriker John Donaldson führt seinen Sprung unter anderem auf dieses völlige Eintauchen ins Spiel zurück. Danach gewann Fischer in Philadelphia die 11. US-Juniorenmeisterschaft, spielte bei der US Open in Oklahoma City ungeschlagen 8,5:3,5 und wurde bei der Canadian Open in Montreal Achter bis Zwölfter, einen Punkt hinter den Siegern Larry Evans und William Lombardy. Sein dortiger Gastgeber, Turnierleiter William Hornung, sagte der Montreal Star über den Dauergast:
Dieser Junge! Er spielt sogar im Schlaf Expertenschach.William Hornung, Turnierleiter · übersetzt nach ChessBase
Evans nahm Fischer danach im Auto mit nach New York. Wie er später schrieb, redete der Junge die sechs Stunden Fahrt über nur von Schach, bis hin zu dem Punkt, an dem er Evans’ Frau ignorierte.
Auf der anderen Seite des Bretts saß Donald Byrne (1930 bis 1976), der jüngere und umgänglichere der berühmten Byrne-Brüder. Der ältere, Robert, wurde Großmeister und Kandidat für den Weltmeistertitel. Donald war Professor an der Penn State University, hatte 1953 die US Open gewonnen und wurde 1962 Internationaler Meister. 1962, 1964 und 1968 spielte er für die USA bei der Schacholympiade. Die Tiefe von Fischers Angriff ahnte er nicht: Henderson schreibt, Byrne habe bis zum Damenopfer geglaubt, besser zu stehen.
Ein Springer geht an den Rand
Die Partie begann als Grünfeld-Indisch mit dem Russischen System, Läufer auf f4 und Dame auf b3. Fischer gab das Zentrum zunächst her und lockte die weiße Dame auf ein Feld, auf dem sie angreifbar war: nach c5. Byrne hatte noch nicht rochiert, als er mit 11.Lg5 verhindern wollte, dass Schwarz mit ...Sfd7 und ...e5 antwortet. Mehrere Autoren empfehlen stattdessen 11.Le2, um den König in Sicherheit zu bringen, und die Engine sieht Weiß danach mit +0,3 ausgeglichen. Nach 11.Lg5 dagegen steht Schwarz mit −3,1 auf Gewinn, denn Fischer hatte 11...Sa4 gefunden. Jonathan Rowson nennt den Zug einen der stärksten aller Zeiten. Nimmt Weiß den Springer mit 12.Sxa4, folgt 12...Sxe4 mit lauter unangenehmen Fortsetzungen. Byrne lehnte ab: 12.Da3 Sxc3 13.bxc3 Sxe4 14.Lxe7 Db6 15.Lc4 Sxc3 16.Lc5 Tfe8+ 17.Kf1. Sein König hatte nie rochiert und stand nun auf f1.
Die Dame bleibt stehen
Jetzt griff Byrnes Läufer auf c5 Fischers Dame auf b6 an, und Weiß drohte außerdem mit 18.Dxc3. Nach Jack Straley Battell hielten die zuschauenden Meister die Stellung von Schwarz für verloren. Fischer zog 17...Le6 und bot die Dame an. Stockfish bestätigt den Zug: Danach steht Schwarz mit −3,5 auf Gewinn. Byrne nahm mit 18.Lxb6 an. Den Läufer auf e6 zu schlagen wäre nach Kasparovs Analyse noch schlimmer gewesen, denn dort wartete ein Erstickungsmatt mit einem Springer auf e2. Nach 18...Lxc4+ begann eine Mühle aus Abzugsschachs: Der Springer pendelte zwischen e2, d4 und c3, der weiße König musste zwischen f1 und g1 hin und her, und mit 20...Sxd4+ fiel nebenbei ein Bauer.
Mit 23...axb6 schlug Schwarz den Läufer auf b6 und griff zugleich Byrnes Dame auf a3 mit dem Turm von a8 an. Es folgten 24.Db4 Ta4 25.Dxb6 Sxd1. Für die Dame hatte Fischer jetzt einen Turm, zwei Läufer und einen Bauern, und nach der Engine steht Schwarz mit −8,6 auf Gewinn. Byrne hätte hier aufgeben können, spielte aber bis zum Matt weiter. Ein Schüler Byrnes überlieferte später, dieser habe andere Teilnehmer gefragt, ob es nett wäre, den Jungen als eine Art Anerkennung mattsetzen zu lassen, und sie hätten zugestimmt.
Matt auf c1
Der Rest war saubere Technik. Jede Figur und jeder Bauer von Schwarz war gedeckt, Byrnes Dame hatte auf b8 nichts zu tun. Nach 35...Lc5+ trieben Läufer und Springer den weißen König von g1 über f1, e1 und d1 nach c1 und b1 und am Ende wieder nach c1, wo 41...Tc2 matt setzte. Hans Kmoch merkte an, dass Fischer mit 37...Te2+ einen Zug früher hätte mattsetzen können.
Ein Name geht um die Welt
Kmoch nannte die Partie in der Chess Review ein atemberaubendes Meisterwerk der Kombination, gespielt von einem 13-Jährigen gegen einen starken Gegner, das den besten Leistungen in der Geschichte der Schachwunderkinder gleichkomme. Auf dem Titelbild des Hefts war Fischer zu sehen. Wegen eines Druckfehlers fand, wer wie angegeben auf Seite 370 blätterte, dort allerdings Smyslov gegen Pachman von der Moskauer Olympiade 1956, eine nicht minder eindrucksvolle Partie.
Vor dieser Partie war Fischer ohne Titel und außerhalb New Yorks kaum bekannt. Danach kannte ihn jeder. Selbst führende sowjetische Schachzeitschriften brachten die Partie groß heraus, und die Russen begannen, eine „Fischer-Akte“ anzulegen. Wenige Jahre später spielte er im Kandidatenturnier mit, als jüngster Großmeister der Welt, und galt als künftiger Anwärter auf den WM-Titel.
Ausgerechnet das Heft CHESS brachte die Partie damals nicht. In der Ausgabe vom 9. November 1956 stand unter der Überschrift „New York’s New Chess Prodigy“ nur ein Absatz, der Reshevskys Turniersieg meldete und die Partie für später ankündigte. In den Indizes bis Ende 1959 und in Leonard Bardens Kolumnen fand die Redaktion sie nicht. Henderson vermutet schlechtes Timing für den Gründer und Herausgeber B. H. Wood, der gerade seinen großen Bericht über die Moskauer Olympiade, das Weihnachtsheft und den Hastings-Bericht zu stemmen hatte.
Auch in Fischers eigener Sammlung fehlt die Partie. Seinen Klassiker My 60 Memorable Games von 1969 ließ er ohne sie, weil er sie schon 1959 mit knappen Anmerkungen in Bobby Fischer’s Games of Chess veröffentlicht hatte und keinen Grund sah, sie ein zweites Mal zu bringen. Gefragt, wie er einen so glänzenden Sieg geschafft habe, sagte er:
Ich habe einfach die Züge gespielt, die ich für die besten hielt. Ich hatte einfach Glück.Bobby Fischer · übersetzt nach Wikipedia
Fischers handschriftliches Partieformular der Partie liegt in der Sammlung von David DeLucia, der mehr als hundert Formulare Fischers besitzt, dazu unter anderem dessen Bibel, Armbanduhr und Geldbörse.
