US-Meisterschaft: So verliert, Caruana erzwingt Stichkampf
Mit einem Punkt Vorsprung war So in die letzte Runde gegangen, ein Remis hätte genügt. Stattdessen endete in einem langen Turmendspiel seine Serie von 48 Partien ohne Niederlage bei US-Meisterschaften. Caruana, der Titelverteidiger, gewann auf Verlangen und spielt nun um den fünften Titel in Folge.
Zwölf Züge in Folge zog Sam Sevian nur mit dem König. Vom 31. Zug an wanderte er von g2 über f2, e1, d1 und c1 nach b1, pendelte zwischen b1 und b2, ging dann über b3, b4 und c5 weiter und stand im 42. Zug auf b6, gleich neben dem Freibauern auf a5. Gegen ihn saß Wesley So, der Spitzenreiter der US-Meisterschaft in Saint Louis, dem ein halber Punkt den Titel gebracht hätte. Nach 67 Zügen stand 1–0 für Sevian fest, und aus dem fast sicheren Titel wurde ein Stichkampf.
So war mit 7 Punkten in die elfte Runde gegangen, einen Punkt vor Fabiano Caruana und Grigoriy Oparin. Sevian lag mit 2,5 Punkten auf dem letzten Platz. Ein Remis hätte So selbst bei einem Sieg von Caruana zum Meister gemacht, und für So sprach auch die Zahlenlage: 2774 Elo gegen 2708. Dazu kam eine Serie von 48 Partien ohne Niederlage bei US-Meisterschaften. Die Bilanz zwischen den beiden lautet allerdings drei Siege für Sevian und keine Niederlage, und Sevian erklärte dem Moderator Maurice Ashley, woran das liegt:
Ich spiele einfach richtig gern gegen ihn, besonders klassisch. Er ist richtig gut darin, bei kürzeren Bedenkzeiten Tricks zu stellen, aber im klassischen Schach komme ich seinen kleinen Ideen irgendwie auf die Schliche.Sam Sevian, Großmeister · übersetzt nach Chess.com
Mit dem König zum Freibauern
Die Eröffnung war ein Nimzoindisch, in dem Sevian den Läufer nach g2 stellte. Weiße Türme besetzten die d-Linie und kamen bis auf die siebte Reihe, nach dem Damentausch stand ein Turmendspiel auf dem Brett, in dem Weiß fünf Bauern gegen vier hatte. So holte sich den Bauern auf e2 zurück, aber der Freibauer auf der a-Linie war der größere Posten. Nach dem 34. Zug von Schwarz sieht Stockfish Weiß mit +3,28 auf Gewinn, obwohl wieder gleich viele Bauern auf dem Brett stehen. Der Rest ist der Weg des Königs: 35.Kb1 Te1+ 36.Kb2 Te2+, Wiederholung auf b1 und b2, dann 39.Kb3 und 40.Kb4.
Der Vorteil hielt allerdings nicht. Vor dem 43. Zug von Schwarz bewertet die Engine die Stellung nur noch mit +0,45, Weiß steht also leicht besser. Mit 43...e4 fand So den Zug, der die Stellung hält; das Schlagen auf f4 hätte Weiß mit +5,63 auf Gewinn gebracht. Nach 44.Txf5 ist die Stellung mit 0,00 ausgeglichen, und sie bleibt es: 44...e3 45.Te5 Tb1+ 46.Ka6 Tb3 47.Txh5 e2. Der Bauer auf e2 stand nun eine Reihe vor der Umwandlung, Sevians Turm griff ihn von e5 aus an.
Dann kam der 48. Zug von Schwarz. Statt den e-Bauern mit 48...Tb2 zu decken, schlug So auf g3, und nach 49.Txe2 sieht Stockfish Weiß mit +4,83 auf Gewinn. Es folgte 49...Tg4 50.Tf2 Txh4 51.Kb6 Th1 52.Td2+. Sevian hatte danach den a- und den f-Bauern gegen den g-Bauern von Schwarz, und sein König stand auf b6.
Mit 48...Tb2 wäre die Partie im Gleichgewicht geblieben: Die Kiste rechnet 49.Ka7 Tc2 50.a6 und bleibt bei +0,1.
Der Rest war Technik. Sevian brachte den a-Bauern mit dem König bis auf die siebte Reihe, und nach 67 Zügen endete die Partie mit 1–0. Damit blieb So bei 7 Punkten und teilte sich den ersten Platz mit Caruana.
Caruana gewinnt auf Verlangen
Fabiano Caruana, der Titelverteidiger, hatte nach der zehnten Runde die Chance, dass So verliert, auf null Prozent beziffert, selbst wenn er selbst gewinnen sollte. Nach der eigenen Partie nahm er das zurück. Mit Weiß gegen Awonder Liang kam im Tarrasch-System des Damengambits ein Bauernsturm am Königsflügel aufs Brett, und nach 36 Zügen stand 1–0 fest.
Die übrigen Partien ordneten die Plätze dahinter. Jeffery Xiong gewann in 58 Zügen gegen Hans Niemann, der mit Weiß im 54. Zug auf g7 schlug. Das war ein Fehler: Xiong antwortete mit Damenschachs und dem Läuferzug 58...Lc4.
Abhimanyu Mishra und Sam Shankland teilten nach 51 Zügen den Punkt, am Ende wiederholten sich Läufer- und Königszüge. Andy Woodward und Levon Aronian einigten sich nach 28 Zügen auf Dauerschach mit der Dame auf g5 und f6. Ray Robson und Oparin trennten sich in einer Spanischen Partie nach 37 Zügen, ebenfalls mit Zugwiederholung.
Caruana und So haben damit je 7 Punkte. Xiong und Oparin folgen mit 6,5, Woodward mit 6, Sevian bleibt mit 3,5 Letzter. Die ersten fünf Plätze berechtigen zur Teilnahme am nächsten FIDE World Cup; nach Punkten wären das neben Caruana und So noch Xiong, Oparin und Woodward.
Stichkampf am Donnerstag
Am Donnerstag, 22. Oktober, spielen Caruana und So zwei Schnellpartien mit 15 Minuten und 10 Sekunden Zuschlag je Zug. Steht es danach unentschieden, folgt ein Blitzmatch mit 5 Minuten und 2 Sekunden. Ist auch das gleich, geht es mit Blitzpartien weiter, bis einer vorn liegt; eine Armageddon-Partie gibt es nicht.
Für Caruana geht es um mehr als den Titel. Er gewann 2016 und dann jedes Jahr von 2022 bis 2025. Ein Sieg im Stichkampf wäre sein fünfter Titel in Folge und sein sechster insgesamt. Damit stünde er gleichauf mit Walter Browne; vor ihm lägen dann nur noch Samuel Reshevsky mit sieben und Bobby Fischer mit acht Titeln.
So holte den Titel 2017, 2020 und 2021. Zwei dieser Siege kamen nach einem Stichkampf: 2017 gegen Alexander Onischuk, 2021 gegen Caruana und Sevian. Damals hatten alle drei nach elf Runden je 6,5 Punkte, und So setzte sich in der Schnellschach-Runde durch.
Bei den Frauen sicherte sich die 16 Jahre alte Rachael Li mit einem Remis gegen Anna Zatonskih den Titel.
