Mit elf Jahren: Bodhana Sivanandan bricht Polgars Rekord
Mit einem Sieg gegen Viktoria Johansson in der Schlussrunde hat die elfjährige Engländerin Bodhana Sivanandan ihre dritte IM-Norm erfüllt. Mit 11 Jahren, 7 Monaten und 16 Tagen ist sie das jüngste Mädchen, das die Bedingungen für den offenen Titel Internationaler Meister erfüllt, und löst Judit Polgar als Rekordhalterin ab.
Vor der Schlussrunde des Europapokals in Budva war die Rechnung für Bodhana Sivanandan einfach: Sie brauchte einen Sieg. Die elfjährige Engländerin saß am ersten Brett von She Plays To Win Lionesses A der Schwedin Viktoria Johansson gegenüber, einer WIM mit 2034 Elo, die für Wasa SK spielte. Bodhana hatte Schwarz und 2382 Elo, und als die Partie am Freitag, dem 23. Oktober, nach 32 Zügen entschieden war, stand ihre dritte und letzte IM-Norm fest.
Damit ist sie das jüngste Mädchen der Geschichte, das die Bedingungen für den Titel Internationaler Meister erfüllt hat. Gemeint ist der offene Titel, den Frauen und Männer gleichermaßen erwerben können, nicht der Frauentitel WIM. Zum Zeitpunkt der Partie war sie 11 Jahre, 7 Monate und 16 Tage alt. Die bisherige Bestmarke hielt seit 1988 Judit Polgar, die den Titel mit 12 Jahren errang.
Ein Gambitbauer und ein Fehler im 16. Zug
Die Partie begann als Slawische Verteidigung. Schwarz nahm im vierten Zug den Bauern auf c4 und hielt ihn mit ...b5 fest, sodass sie nach dem Abtausch auf b3 bis zum 16. Zug einen Bauern mehr hatte. Über die Eröffnung sagte Bodhana hinterher:
In der Eröffnung bekam ich Vorteil, ich konnte in einem Gambit diesen Bauern gewinnen, und dann war es vielleicht ausgeglichen, vielleicht stand ich etwas schlechter.Bodhana Sivanandan, FM · übersetzt nach Chess.com
Nach dem 15. Zug war die Stellung ausgeglichen, dann wich Johansson im 16. Zug vom besten Weg ab. Statt 16.exf6 spielte sie 16.Sc5, und nach 16...Lxc5 17.exf6 Ld6 18.fxg7 Te8 stand Schwarz klar besser.
Zwei Leichtfiguren für den Turm
Johansson dachte vor dem 20. Zug gut 14 Minuten nach und hatte nach dem 22. Zug nur noch zweieinhalb Minuten auf der Uhr. Im 24. Zug griff sie zum Läuferopfer 24.Lxf7+ und gab nach 24...Txf7 25.Sxf7 Kxf7 26.Lxh6 Lxh2+ Läufer und Springer für Turm und Bauern her. Schwarz bekam damit zwei Leichtfiguren für den Turm, auf Gewinn stand sie aber schon vor dem Opfer. Bodhana beschrieb es so: Johansson habe versucht, ihren König anzugreifen, sie habe sich verteidigen können, zwei Figuren für den Turm bekommen und dann auf Gewinn gestanden.
Danach ging es schnell. Nach 27.Kh1 Dd6 28.De2 Dd5 29.f3 Lg3 30.Kg1 Lxe1 31.Txe1 Dxd4+ 32.Le3 Dd3 hatte Schwarz die Qualität und einen Bauern gewonnen und besaß am Ende eine Leichtfigur mehr. Die Partie endete 0:1, und die Lionesses A gewannen den Wettkampf gegen Wasa SK mit 4:0.
Die Elo-Zahl und die dritte Norm
Die Norm kam mit 5½ aus 7 und einer Turnierleistung von 2465 Elo zustande, bei fünf Siegen, einem Remis und einer Niederlage. Die Niederlage gab es gleich in der ersten Runde gegen Aleksandra Goryachkina (2536), die frühere Herausforderin um die Frauen-Weltmeisterschaft, nach 77 Zügen. Danach gewann Bodhana gegen Sri Darshini T und mit Schwarz gegen IM Olga Badelka (2408), und gegen GM Nino Batsiashvili (2459) rettete die Georgierin in Runde 4 nach langem Druck ein Remis. Die Runden 5 und 6 gewann sie ebenfalls. Die Lionesses A beendeten das Frauenturnier auf Platz 11 von 22 und damit einen Platz über ihrer Setzlisten-Position.
Für den IM-Titel braucht es drei Normen und eine Elo-Zahl von mindestens 2400. Eine Norm setzt in der Regel eine Turnierleistung von mindestens 2450 voraus, dazu Vorgaben zu Stärke, Titeln und Herkunft der Gegner. Bodhanas veröffentlichte Zahl lag im Oktober bei 2382, die Marke von 2400 überschritt sie in der Live-Wertung während des Europapokals. Beim Titel WGM, dessen Bedingungen sie im September bei der Olympiade in Samarkand erfüllt hatte, steht die formale Bestätigung noch aus.
Nach der Zählung von Chess.com ist sie überhaupt die siebtjüngste Spielerin, die den Titel erreicht, und eine von nur zehn, die das vor dem 12. Geburtstag schaffen. Javokhir Sindarov war bei seinem IM-Titel 2017 einen Monat jünger als sie jetzt, der heutige Weltmeister Gukesh Dommaraju 2018 fast zwei Monate älter.
Drei Normen in drei Monaten
Die erste Norm holte Bodhana im Juli beim Dole Open in Frankreich. Sie schlug dort in der ersten Runde den 19-jährigen GM Marc'Andria Maurizzi (2628) und wurde damit das jüngste bekannte Mädchen, das in einer klassischen Partie einen Spieler über 2600 besiegte. Mit 5 aus 9 und einer Turnierleistung von 2463 Elo machte sie die Norm mit einem Remis gegen IM Samrug Narayanan in der Schlussrunde perfekt. Mit 11 Jahren, 4 Monaten und 19 Tagen unterbot sie damit Judit Polgars Bestmarke für die erste IM-Norm, die diese 1988 beim New York Open erreicht hatte, um fast vier Monate.
Die zweite Norm folgte im September bei der Olympiade in Samarkand. Bodhana spielte alle elf Runden am Spitzenbrett Englands, holte 8 Punkte und gewann in der Schlussrunde gegen WGM Janelle Mae Frayna. Dazu kam die letzte WGM-Norm, mit der sie die jüngste Spielerin wurde, die die Bedingungen für diesen Titel erfüllt hat.
Der Weg dorthin war kurz und steil. Mit acht Jahren wurde sie 2023 Weltmeisterin der Mädchen unter acht in Klassisch, Schnell und Blitz, mit 33 Punkten aus 33 Partien, und war die erste englische Jugend-Weltmeisterin seit 25 Jahren. Mit neun schaffte sie als jüngste Spielerin eine WIM-Norm und trat als jüngste für England bei einer Olympiade an. Den WIM-Titel vollendete sie 2025 bei der britischen Meisterschaft mit 10 Jahren, fünf Monaten und drei Tagen, dabei schlug sie GM Peter Wells und war das jüngste Mädchen, das in einer klassischen Partie einen Großmeister besiegte. Im Oktober 2025 hatte sie beim Europapokal in Rhodos die frühere Weltmeisterin Mariya Muzychuk geschlagen, im August 2026 wurde sie die jüngste Britische Frauenmeisterin der Geschichte.
Ihr nächstes Ziel nannte Bodhana nach der Partie im Interview selbst:
Darüber freue ich mich, aber hoffentlich schaffe ich bald auch den Großmeister!Bodhana Sivanandan, FM · übersetzt nach Chess.com
Malcolm Pein, beim englischen Schachverband für internationales Schach und Außenbeziehungen zuständig, nennt sie ein Talent, wie es nur einmal in einer Generation auftaucht, und beschreibt ihren Stil als sehr positionell, solide und im Endspiel hervorragend. Ihr Trainer Mert Erdogdu arbeitet seit Januar 2026 viermal pro Woche mit ihr, zusätzlich trainiert sie mit GM John Emms. Den IM-Titel sieht Erdogdu nur als Zwischenstation auf dem Weg zu einer noch erfolgreicheren Laufbahn. Josefine Safarli hat die Partie in einem Video besprochen.
