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Proctor: 77 Prozent weniger Sperren in Preisgeld-Turnieren

Chess.com hat nach einem Jahr Bilanz gezogen: Seit das Überwachungsprogramm Proctor bei Preisgeld-Turnieren Pflicht ist, sind die Kontoschließungen aus diesen Turnieren von 8,7 auf 2 Fälle im Monat gesunken. Die Hälfte der verbliebenen Fälle stammt aus Turnieren, in denen Proctor gar nicht lief.

22. Oktober 20263 Minuten LesezeitMatt am Samstag

Zweimal die 26: Dieselbe Zahl steht in der Fair-Play-Bilanz von Chess.com für zwei Zeiträume, die ungleich lang sind. In den drei Monaten von Juni bis August 2025, bevor Proctor Pflicht wurde, gingen 26 Kontoschließungen auf Preisgeld-Turniere zurück. Von September 2025 bis September 2026, also in 13 Monaten, waren es wieder 26. Je Monat gerechnet fiel der Schnitt damit von rund 8,7 auf 2 Fälle, ein Minus von 77 Prozent. Veröffentlicht hat Chess.com die Rechnung am 22. Oktober 2026 im Fair-Play-Update für den September.

Was Proctor sieht und hört

Proctor ist ein Programm, das Chess.com in eine abgeschirmte Browserumgebung packt. Das Fair-Play-Team kann darüber die Spieler durch Front- und Rückkamera beobachten, den Ton mithören, den Desktop einsehen und nachvollziehen, welche Anwendungen auf dem Rechner laufen. Dazu gibt es einen privaten Kanal in beide Richtungen zwischen dem Spieler und den Mitarbeitern, die das Turnier beaufsichtigen. Zum Start am 2. September 2025 galt die Pflicht für alle Teilnehmer am Titled Tuesday, mit mehr als 400 Spielern je Turnier, und am Freestyle Friday mit mehr als 100.

Vorher lief die Aufsicht über Zoom, und das hatte Grenzen. Die Zahl der Breakout-Räume war endlich, die Spieler saßen mit anderen zusammen, und Anweisungen wie eine Kamera zu verstellen oder den Task-Manager zu zeigen, geschahen vor kleinem Publikum. Deshalb stand nur ein Teil des Feldes vor der Kamera, und auffallend stark spielende Teilnehmer wurden schon Tage vor dem Turnier in ein Gespräch gebeten. Mit Proctor sitzt jeder in seinem eigenen Raum, und alle spielen unter denselben Bedingungen.

Die Vorgeschichte

Im Juli 2024 hatte das Fair-Play-Team einen 16-seitigen Bericht über den Titled Tuesday vorgelegt. Die geschätzte Betrugsrate lag fast immer unter 2 Prozent, aber meist über null. Zwischen dem 20. März 2023 und dem 19. März 2024 waren 1,1 Prozent der Teilnehmer wegen Betrugs in diesem Turnier geschlossen worden. Zugleich kündigte Chess.com an, Konten von Titelträgern, die in Preisgeld-Turnieren gegen die Regeln verstoßen, öffentlich als geschlossen zu kennzeichnen und neue Software für die Aufsicht zu entwickeln.

Im Dezember 2025 folgte eine erste Zwischenbilanz. Seit der Pflicht waren sechs Konten wegen Verstößen geschlossen worden, die während der Nutzung von Proctor auffielen, meist wegen vorgetäuschter Identität und menschlicher Hilfe, etwa durch jemanden im Raum, der zur Stellung etwas sagte. In allen sechs Fällen lagen Videobeweise vor. Die Schließungen aus Preisgeld-Turnieren hatten sich seit Juni 2025 halbiert.

Verstöße gegen die Fair-Play-Regeln in Preisgeld-Turnieren sind jetzt äußerst selten und, wenn sie vorkommen, unmissverständlich.Kassa Korley, Fair-Play-Berater von Chess.com · übersetzt nach Chess.com

139.000 Konten, aber nur ein Bruchteil im Turnier

Die große Zahl des Monats gehört nicht zu den Preisgeld-Turnieren. Im September 2026 gingen 1.206.693 Meldungen ein, und Chess.com schloss 139.000 Konten wegen Verstößen, darunter 15 Titelträger: einen GM, zwei IM, vier FM, vier CM, eine WCM und drei NM. 95,4 Prozent der Schließungen liefen automatisch, und 43.436.820 Wertungspunkte wurden zurückerstattet. Im September 2025 waren es knapp 125.000 geschlossene Konten und 24 Titelträger gewesen, die meisten davon aus dem Pool Play und nicht aus Preisgeld-Turnieren.

Die andere Hälfte der Fälle

Nur 13 der 26 Schließungen seit der Pflicht stammen aus Turnieren, die tatsächlich mit Proctor überwacht wurden. Die übrigen 13 kamen aus Events ohne Proctor. Chess.com schließt daraus, dass die Wirkung in überwachten Turnieren noch größer ist als die 77 Prozent.

Welche Turniere ohne Proctor liefen, nennt das September-Update nicht. Schon im Dezember 2025 hatte Chess.com sieben Schließungen aus Preisgeld-Turnieren ohne Proctor ausgewiesen, es handelte sich um Bullet Brawl und das Comet Open. Das Update erwähnt außerdem, dass Proctor seit dem Start laufend verbessert wurde, sowohl für die Spieler als auch für die Aufsicht. Im Dezember hatte Chess.com Rückmeldungen zu Verzögerungen und zu VPN-Verbindungen eingeräumt und für die meisten Fälle Lösungen gefunden.

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