Abschied von Mathias Gerusel
Mathias Gerusel, Jahrgang 1938, war in den 1960er und 1970er Jahren einer der besten deutschen Spieler und im Bonner Raum über viele Jahre die Nummer eins. Jetzt ist bekannt geworden, dass er am 18. Juli 2026 in Bonn gestorben ist.
Mit 17 Jahren gewann Mathias Gerusel sein erstes großes überregionales Turnier: 1955 holte er in Remscheid für den Schachverband Mittelrhein die Deutsche U20-Jugendmeisterschaft, punktgleich mit Richard Kohler aus Württemberg. Es war der Anfang einer Laufbahn, die ihn über mehr als zwei Jahrzehnte in die Spitze des deutschen Schachs führte. Am 18. Juli 2026 ist er in Bonn gestorben, mit 88 Jahren.
Geboren wurde Gerusel am 5. Februar 1938 im westpreußischen Elbing, das heute zu Polen gehört. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs floh die Familie nach Westdeutschland, zunächst nach Husum, dann nach Simmern im Hunsrück. Der Kinder wegen, er hatte einen Bruder und eine Schwester, zog sie schließlich nach Bonn, um ihnen eine bessere Ausbildung zu ermöglichen. Das Schachspiel hatte ihm sein Vater schon mit vier Jahren beigebracht. In Bonn trat er als Jugendlicher dem Bonner SC bei.
Vom Jugendmeister zum Vizeweltmeister
Auf den Titel von Remscheid folgte 1956 ein sechster Platz bei der U20-Meisterschaft in Traben-Trarbach. 1957 schickte ihn der Deutsche Schachbund zur Jugendweltmeisterschaft nach Toronto. Dort wurde er unter zwölf Teilnehmern Zweiter, geschlagen nur vom US-Amerikaner William Lombardy. Ab 1958 spielte Gerusel regelmäßig in den Kandidatenturnieren zur Deutschen Einzelmeisterschaft, 1963 erreichte er in Bad Pyrmont erstmals das Finale und wurde Zehnter. Bei der Endrunde 1965 in Bad Aibling kam er auf Platz vier und ließ den damals 18-jährigen Robert Hübner hinter sich. Mit Hübner verband ihn später eine enge Freundschaft.
1968 verlieh ihm der Weltschachbund den Titel Internationaler Meister. Im Mai 1969 belegte er beim zweiten Andersen Memorial in Büsum hinter den Großmeistern Bent Larsen und Lev Polugaevsky den dritten Platz, vor Svetozar Gligorić und Borislav Ivkov. Gemeinsam mit der Jugend-Vizeweltmeisterschaft gilt dieses Turnier als eine seiner besten Leistungen. Bei den Deutschen Meisterschaften der 1970er Jahre landete er oft im oberen Tabellenbereich, 1970 auf den Plätzen drei bis fünf, 1972 auf drei bis sechs und 1976 auf zwei bis fünf. 1973 wurde er zum B-Turnier nach Wijk aan Zee eingeladen und teilte den vierten und fünften Platz. Auch in der Nationalmannschaft stand er immer wieder, etwa bei Vergleichskämpfen, im Clara Benedict Cup und im Mitropa Cup.
Meister mit Solingen und Porz
1969 spielte Gerusel erstmals für die SG Solingen bei der Finalrunde der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft, an Brett vier hinter Heinz Lehmann. Von 1971 bis 1975 gewann Solingen fünf Titel in Folge, und Gerusel gehörte stets zur Meistermannschaft. 1980/81 holte Solingen die erste Meisterschaft der neuen eingleisigen Bundesliga. Zur Saison 1981/82 wechselte er zur SG Porz in Köln und wurde mit ihr erneut Deutscher Mannschaftsmeister. Sein letztes größeres internationales Turnier war das Großmeisterturnier 1981 in Köln, das Mikhail Tal vor Tony Miles und Vlastimil Hort gewann.
Das Schach teilte sich Gerusel mit einem anderen Beruf. Er war Jurist und Ministerialrat im Bundesfinanzministerium, das damals noch in Bonn saß. Dort gab er gelegentlich Simultanvorstellungen, an denen auch Helmut Schmidt und seine Frau Loki teilnahmen. Schmidt, zeitweise als Finanzminister auch Gerusels Chef, musste manche Partie wegen plötzlicher Verpflichtungen abbrechen. Als er einmal wieder vorzeitig gehen musste, bot Gerusel Remis an. Doch Schmidt hatte schon einen Bauern verloren und gab lieber auf.
Trainer, Kolumnist, Programmtester
1989 trat Gerusel dem Godesberger SK bei und spielte dort in verschiedenen Mannschaften, von der Zweiten Bundesliga West bis zur Verbandsliga. Nebenbei betreute er ehrenamtlich talentierte Jugendliche. Zu seinen Schülern gehörte Johannes Florstedt, der später nach Berlin ging und 2022 Berliner Meister wurde. Mehr als zehn Jahre lang führte er mit großer Sorgfalt die Schachspalte in der TV-Beilage Prisma des Bonner General-Anzeigers.
Mit den ChessBase-Programmen verband ihn eine besondere Nähe. Er kaufte über die Jahre alle Neuerscheinungen, sogar die Fritz&Fertig-Programme, und ließ sie auf PCs rechnen, die ihm Christof Wulfken vom Godesberger SK maßgeschneidert zusammenbaute. Tage- und nächtelang suchten die Rechner an bestimmten Stellungen nach Neuerungen in der Eröffnung. Als Gegenleistung gab Gerusel seinem Helfer Schachunterricht, der nach dessen Erinnerung nicht auf sehr fruchtbaren Boden fiel. Ein Satz blieb Wulfken aber hängen:
Vorwärts, Rochade ist Tempoverlust.Mathias Gerusel, nach der Erinnerung von Christof Wulfken
Gerusels Frau Uta, ebenfalls Juristin, spielte in ihrer Jugend selbst Schach, auch Fernschach, und wurde im Nahschach Mittelrheinmeisterin. Als Rechtsanwältin hatte sie später keine Zeit mehr dafür, zeigte aber großes Verständnis für die Leidenschaft ihres Mannes.
