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Ein Landesligist spielt im Europapokal

Beim Blick auf die Tabelle des Europapokals 2025 dachte ein Hamburger Vereinsspieler: Bei so einem Feld würden wir nicht Letzter. Ein Jahr später trat der SK Weisse Dame aus der Landesliga in Budva an, überstand Grenzstau und kaltes Zimmer und wurde 99. von 108 Teams.

23. Oktober 20265 Minuten LesezeitMatt am Dienstag

Am Anfang stand ein Klick auf die falsche Seite der Tabelle. Beim Durchsehen der Abschlusstabellen des Europapokals vom Oktober 2025 sah sich René Mandelbaum nicht die Spitze an, sondern die Vereine auf den letzten Plätzen. Dort spielten erstaunlich viele Spieler mit Wertungszahlen zwischen 1800 und 2000, gute Vereinsspieler also, aber nicht die Namen, die er bei einer Europameisterschaft erwartet hätte.

Bei so einem Feld würden wir nicht letzter werden.René Mandelbaum, Spieler des SK Weisse Dame Hamburg

Aus dem Gedanken wurde ein Plan. Eine Recherche ergab, dass jedes Land fünf Mannschaften melden darf, wenn es einen Ligawettbewerb austrägt. Das erklärt schwache Teams aus kleinen Ländern, nicht aber die aus Deutschland. Seine eigene Erklärung, nach eigenen Worten zusammengereimt: Im Schach darf man anders als im Fußball gleichzeitig für Vereine in verschiedenen Ländern spielen, und für Profis der zweiten Reihe ist das eine wichtige Einnahmequelle. Er vermutet, dass die Geldgeber der deutschen Erstligisten ihre Profis nicht auch noch für den Europapokal bezahlen wollen und deutsche Teams deshalb eher mit Amateuren antreten.

Eine Anfrage beim Sportdirektor brachte die entscheidende Auskunft. Die Bundesligavereine müssen bis Anfang August melden, ob sie antreten wollen, andernfalls können sich andere Vereine bewerben. So kam der SK Weisse Dame Hamburg, ein Verein aus der Landesliga, der vierthöchsten Spielklasse, zu einem Startplatz. Bis zum Meldeschluss blieb noch eine Woche.

Sieben Spieler in einer Woche

In dieser Woche war zu klären, wer Urlaub bekommt, wer Zeit, Lust und Geld hat und was sich mit Uni und Schule vereinbaren lässt. Nicht alle Spieler der ersten Mannschaft konnten, aber sieben fanden sich. Einer davon ist der Ersatzmann, denn gespielt wird an sechs Brettern. Das Startgeld wurde überwiesen, die Flüge wurden gebucht, und drei Spieler nahmen Frauen oder Freundinnen und Kinder mit, denn geworben worden war mit der Hotelanlage Medun in Herceg Novi.

Zwei Wochen vor Turnierbeginn las ein Spieler auf der Turnierseite, dass der Spielort gewechselt hatte. Gespielt wurde in Budva, 45 Kilometer vom ursprünglichen Ort entfernt, mit dem Auto 1 Stunde und 15 Minuten, eine Fähre inklusive. Die offizielle Mitteilung kam erst wenige Tage vor der Anreise.

Die Anreise wurde zur Geduldsprobe. Die eine Hälfte der Mannschaft landete nachmittags in Dubrovnik und wartete im Bus 90 Minuten auf einen verspäteten Flieger. An der Grenze zu Montenegro, das nicht zum Schengenraum gehört, standen alle zwei bis drei Stunden, mussten aussteigen und einzeln mit dem Pass zu Fuß über die Grenze. Gegen 23 Uhr war die Hotelanlage erreicht, sieben Stunden nach der Landung. Die andere Hälfte war über Podgorica geflogen und umging den Stau.

Gebucht waren Suiten in einem Vier-Sterne-Hotel für 99 Euro pro Person im Doppelzimmer, über ein Internetportal hätte es nur den halben Preis gekostet. Tatsächlich gab es kein warmes Wasser, die Zimmer waren zugig, kalt und wenig sauber, und die Hamburger hatten, wie ein nächtlicher Austausch mit Schachfreunden anderer Vereine ergab, den schlechtesten Block der Anlage erwischt. An der Rezeption hieß es nur, man möge sich an den Organisator wenden. Geschlafen wurde mit Jacke und ungeduscht. Am nächsten Vormittag zog die Mannschaft in andere Blöcke um, dort waren die Zimmer sauber und das Wasser warm. Das Familienzimmer, das einem Spieler zugesagt war, gab es dagegen nicht, ein Kinderbett ebenso wenig. Er zog in ein anderes Hotel, und ob er sein Geld vom Ausrichter zurückbekommt, gilt als zweifelhaft.

Giri schaut aufs Brett

Das Essen war akzeptabel, und wer in der Buffetschlange plötzlich hinter Vasyl Ivanchuk stand, den entschädigte das ein Stück weit. Tagsüber war das Wetter warm genug zum Schwimmen im Meer. Gespielt wurde in einem großen Zelt, in dem man den Stars direkt über die Schulter schauen konnte. Handys mussten draußen bleiben, am Eingang wurde streng kontrolliert, eigene Fotos waren im Saal nur bei den abendlichen Blitzturnieren möglich.

Giri hat eine halbe Minute auf mein Brett geguckt, eine Stellung mit zwei gegen drei Damen hat der wohl noch nicht so oft gesehen.Spieler des SK Weisse Dame Hamburg

Die Runden begannen stets um 14 Uhr, vormittags blieb Zeit für die Altstadt von Budva. Abends saßen viele Spieler an der Poolanlage, wo die Bar bis 23 Uhr geöffnet hatte und Getränke inklusive waren. Dort gelang Ben Erk ein Foto mit bekannten Streamern und Matthias Blübaum.

Zwei Siege, neun Teams dahinter

Sportlich war das Turnier hart. Die Weisse Dame ging als Nummer 91 von 108 Teams in die sieben Runden, mit einem Wertungsschnitt von 1981 gegen einen Turnierschnitt von 2180. Die ersten drei Wettkämpfe liefen unterschiedlich. Gegen Dardania aus dem Kosovo verlor die Mannschaft ½:5½, nur Florian Popist holte mit einem Remis gegen den Internationalen Meister Nderim Saraci den Ehrenpunkt. Gegen Dudelange verlor die Mannschaft ebenfalls 5½:½, Sebastian Kielhorn remisierte gegen den FIDE-Meister Rick Frischmann, der mit 2370 gewertet ist. In Runde 3 gelang dann der erste Sieg, 3½:2½ gegen Bloemendaal aus den Niederlanden, durch Siege von Popist, Kielhorn und Peter-Rene Mandelbaum und ein Remis von Deniz Schmidt.

Danach folgten ein 5½:½ für Etela-Vantaan aus Finnland und ein 1½:4½ gegen Standard de Liège, bei dem Popist, Kielhorn und Mandelbaum jeweils remisierten. Den zweiten Sieg holte die Mannschaft in Runde 6 mit 4½:1½ gegen Lazio. Popist, Kielhorn, Schmidt und Mandelbaum gewannen, Ben Erk remisierte. In der Schlussrunde unterlag sie Diagonal Alcorcon aus Spanien 2½:3½, obwohl Schmidt und Mandelbaum gewannen und Popist remisierte.

Am Ende standen 4 Mannschaftspunkte und 13½ Brettpunkte aus 42 Partien. Bloemendaal und Lazio, die beiden besiegten Teams, belegten die Plätze 107 und 106. Damit lag die Weisse Dame auf Platz 99 und ließ neun Mannschaften hinter sich, das Ziel von zwei Siegen war erreicht. Popist und Kielhorn kamen auf je 3½ aus 6, Mandelbaum auf 3½ aus 7.

Mandelbaum teilt das Feld in drei Gruppen. Vorn landeten die Profiteams, aus seiner Sicht meist zusammengekaufte Truppen, bei denen kaum zu erwarten sei, dass die Spieler auf dem Vereinsabend ihres Vereins auftauchen. Dahinter kamen starke Amateurteams, die gern gegen starke Gegner spielen, und Rentnertruppen, für die der Europapokal vor allem eine schöne Gruppenreise ist. Bei der Siegerehrung, bei der nur die ersten drei geehrt wurden, fiel den Hamburgern auf, dass die Ausgezeichneten sich kaum freuten. Auf der Bühne hätten sie ganz anders gejubelt. Das Fazit der Hamburger fällt trotz Grenzstau, kaltem Zimmer und Ortswechsel eindeutig aus: ein großartiges Erlebnis.

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