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Kasparov über Titelinflation

Bei einer Pressekonferenz in Antwerpen erklärt Garry Kasparov, der Großmeistertitel sei nicht mehr, was er war. Die größere Verschiebung sieht er aber anderswo: Europa spiele in der Weltspitze kaum noch eine Rolle.

21. Oktober 20264 Minuten LesezeitMatt am Mittwoch

Um 4.15 Uhr ging im Hotel der Feueralarm los, die Gäste wurden ins benachbarte Krankenhaus gebracht, und erst anderthalb Stunden später durften sie zurück auf ihre Zimmer. Garry Kasparov nahm es mit Humor. Als er am Vormittag des 21. Oktober in Antwerpen vor die Presse trat, stellte er fest, in der Nacht seien mehr Journalisten da gewesen als jetzt.

Der Anlass war eine Simultanpartie am Abend im Antwerpener Museum KMSKA. Kasparov, 63, war erst am Vortag in Belgien eingetroffen. Er spielte gegen sechs junge Talente, die sich in Vorrunden qualifiziert hatten, und gegen einige bekannte Gesichter, darunter Jan Vertonghen, Viktor Verhulst, Peter De Roover und Geert Noels. Vorher gab es eine Pressekonferenz in zwei Teilen, erst Schach, dann Russland und die Ukraine. Wer ihm eine Frage von dreißig Sekunden stellte, bekam zehn Minuten Antwort.

Aus zwei werden zweitausend

Der Großmeistertitel, sagt Kasparov, habe eine Inflation erlebt. Die Gründe nennt er gleich mit: Kinder fangen viel früher an, studieren Partien am Computer, spielen viel und bekommen Online-Coaching. Kinder von acht, neun, zehn Jahren schlügen heute Großmeister. Vielleicht heiße das, dass nicht jeder Großmeister ein wirklich echter sei, räumt er ein, aber ungewöhnlich sei das nicht: Zu seiner Kindheit sei es schwer gewesen, gegen erwachsene, ausgereiftere Spieler anzutreten, deshalb habe es lange gedauert, bis man selbst ausgereift war. Die Leistung der heutigen Spieler schmälere er damit ausdrücklich nicht.

Früher kannte man alle Großmeister beim Vornamen.Garry Kasparov · übersetzt nach Sport in Antwerpen

Als Beleg erzählt er von Walter Browne. Als der den Titel bekam, seien sie nur zu zweit gewesen. Der andere sei Anatoly Karpov gewesen, und Browne habe ihm erzählt, damals sei heftig darüber gestritten worden, ob dieser den Titel verdient habe: Juniorenweltmeister sei er gewesen, aber mehr auch nicht. Die Zahl aller Großmeister der Welt kann damit nicht gemeint sein. Die Liste der Großmeister führt Boris Spassky schon seit 1955, und Browne wie Karpov stehen dort mit dem Titeljahr 1970. Gemeint waren offenbar die beiden, die gemeinsam ausgezeichnet wurden.

Wie viele es heute sind, wisse er nicht, sagt Kasparov, vielleicht zweitausend. Das liegt nicht weit weg: Laut der Liste der Großmeister hat die FIDE bis zum 19. Oktober 2026 insgesamt 2166 Titel vergeben, vier widerrufene nicht mitgezählt. Wie viele davon noch aktiv spielen, sagt diese Zahl nicht.

Wo die Top Ten herkommen

Die eigentliche Verschiebung sieht Kasparov woanders, nämlich auf der Landkarte. In den Top Ten stünden inzwischen auch einige junge Spieler, aber wichtiger sei, woher sie kämen, und das habe sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Nach seiner Rechnung steht dort nur noch ein Europäer, dazu ein paar Amerikaner asiatischer Herkunft und eine ganze Reihe guter Inder und Usbeken. Die letzten drei Schacholympiaden gingen seiner Zählung nach zweimal an Usbekistan und einmal an Indien. Die Liste der Topländer sehe heute völlig anders aus als früher.

Edwin Mariën, der Reporter, zählt in seinem Bericht nach: In Wirklichkeit seien es zwei Europäer, der Norweger Magnus Carlsen und der Deutsche Vincent Keymer. In der FIDE-Liste vom 1. Oktober 2026 steht Carlsen mit 2823 auf Platz eins und Keymer mit 2761 auf Platz acht. Auf Platz zehn folgt Alireza Firouzja mit 2757, der seit Mitte 2021 für Frankreich spielt. Nach dieser Zählung wären es also sogar drei. Die Plätze vier und fünf gehören Javokhir Sindarov und Nodirbek Abdusattorov.

Die Wiege steht woanders

Das stimme ihn traurig, sagt Kasparov. Die Zahl der Amateure weltweit sei enorm gewachsen, auf mehr als hundert Millionen, vielleicht sogar zweihundert, wer wisse das schon. Bei den Profis in Europa komme davon aber nichts an: Kinder hätten hier andere Interessen, und Belgien sei da nicht anders als andere Länder. Als Beispiel nennt er England, wo das Schach vor vierzig Jahren geboomt habe, mit vielen Olympiamedaillen und vielen Spitzengroßmeistern. Heute sei die Lage dort völlig verändert.

Europa ist nicht mehr die Wiege des Schachs.Garry Kasparov · übersetzt nach Sport in Antwerpen

Große Turniere gebe es weiter in Bukarest, Warschau und Zagreb, fügt er an, und wer wisse, vielleicht eines Tages auch in Belgien.

Ein Weltmeister mit Erfahrung

Wie weit sich das Bild gedreht hat, zeigt die Weltmeisterschaft, die im November in Genf beginnt. Der Inder Gukesh Dommaraju verteidigt seinen Titel gegen den Usbeken Javokhir Sindarov, in der FIDE-Liste vom 1. Oktober die Nummer vier. Kasparov gibt ihm trotzdem leicht die besseren Chancen: Sindarov sorge für mehr Unterhaltung, aber Erfahrung sei meistens entscheidend, und die habe der Titelverteidiger.

Mit Gukeshs Form im Jahr 2025 geht Kasparov hart ins Gericht. Nach einem Höchstwert von 2794 habe er in dem Jahr insgesamt 43 Wertungspunkte verloren, sei beim Grand Swiss nur 41. geworden und im Weltpokal als Topgesetzter in der dritten Runde ausgeschieden. Die Kritik, die er damals wie Carlsen geäußert habe, bleibe bestehen. Den besten Spieler der Welt nennt er weiterhin Magnus Carlsen: Früher sei das unumstritten gewesen, heute seien andere aufgetaucht, doch alles zusammengenommen sei er noch immer der Stärkste.

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