Praggnanandhaa springt auf Platz eins
Praggnanandhaa hat beim Clutch Chess in Saint Louis den Sprung vom letzten auf den ersten Platz geschafft. Mit vier Siegen aus sechs Partien, darunter zwei gegen Nakamura und einer gegen Caruana, holte er am zweiten Tag 9 von 12 Punkten und liegt nun mit 11 Punkten vorn.
Nakamura hatte die Partie im Griff, bis ihm die Uhr die Nerven zog. Mit einem Bauern mehr und weniger als zehn Sekunden Bedenkzeit ließ er im 36. Zug mit 36...Kh7 den Springer auf d7 stehen, obwohl die weiße Dame ihn längst angriff. Praggnanandhaa nahm ihn mit 37.Dxd7, und nach 38 Zügen war die Partie vorbei. Es war der Auftakt zu drei Siegen in Folge. Am Ende des zweiten Tages vom Clutch Chess: Champions Showdown in Saint Louis stand der Inder dort, wo er am Abend davor noch lange nicht gestanden hatte: ganz oben.
Nakamura fand hinterher keine Ausrede. Das Ergebnis des Tages hänge an dieser einen Partie gegen Pragg, sagte er im Gespräch mit Maurice Ashley, und fügte an:
Ich stand komplett auf Gewinn und habe den Verstand verloren.Hikaru Nakamura · übersetzt nach Chess.com
Von Platz vier an die Spitze
Nach dem ersten Tag hatte Nakamura mit 4 Punkten geführt, Praggnanandhaa war mit 2 Punkten Letzter gewesen. Jetzt ist es fast genau umgekehrt. Praggnanandhaa holte am zweiten Tag 9 von 12 möglichen Punkten, und weil ein Sieg nun zwei Punkte zählt, reichten vier Siege, ein Remis und eine Niederlage für insgesamt 11 Punkte. Caruana und Sindarov teilen sich mit je 8½ Punkten den zweiten Platz, Nakamura ist mit 8 Punkten Letzter. Der Vorsprung des Spitzenreiters beträgt damit 2½ Punkte.
Praggnanandhaa nahm die Führung an, war aber mit der Qualität seines Spiels nicht zufrieden. Den Tag fasste er so zusammen:
Ich glaube, heute war es auch schlecht, aber ich hatte mehr Glück.Praggnanandhaa, Spitzenreiter nach Tag 2 · übersetzt nach Chess.com
Beim ersten Sieg gegen Nakamura habe er schlicht Glück gehabt, und das habe ihn durch den restlichen Tag getragen.
Ein Zug, der die Stellung gehalten hätte
Begonnen hatte der Tag mit einem Sieg gegen Sindarov. In einem ausgeglichenen, aber komplizierten Endspiel mit Schwerfiguren fand der Usbeke den einzigen rettenden Weg nicht. Im 36. Zug hatte Sindarov mit Weiß genau einen Zug, der die Stellung hielt: 36.Df6. Mit weniger als zehn Sekunden auf der Uhr spielte er 36.Ta1, und nach 36...Dd5 37.Tf1 Dxe5+ stand Schwarz auf Gewinn.
Sindarov schlug gleich in der nächsten Partie zurück. Mit Schwarz im Königsinder überspielte er Praggnanandhaa in 40 Zügen und glich das kleine Duell zum 2:2 aus. Der Usbeke sagte in der Übertragung, er spiele Königsindisch sogar auf Weltklasseniveau gern: Aus der Eröffnung heraus stehe er zwar immer schlecht, aber im Finden taktischer Tricks sei er gut.
Zweimal gegen den Führenden des ersten Tages
Danach kam die Partie gegen Nakamura mit dem Springer auf d7, und in der Rückpartie legte Praggnanandhaa nach. Aus einem Rossolimo-Sizilianer mit 3...e6 entstand ein Endspiel, in dem er den erschütterten Nakamura nach 52 Zügen überspielte, diesmal verdienter als in der ersten Partie. Nakamura beendete den Tag mit vier Remis und zwei Niederlagen, beide gegen Praggnanandhaa, und rutschte vom ersten auf den letzten Platz.
Der dritte Sieg in Folge kam gegen Caruana, der im Zeitnotgefecht zusammenbrach. Praggnanandhaa gewann nach 77 Zügen. Die letzte Partie des Tages, wieder gegen Caruana, endete nach 34 Zügen remis, und das genügte, um vorn zu bleiben.
Caruana war mit seinem Tag nur halb zufrieden. Mit 6 Punkten lag er an Tag 2 einen Punkt vor Sindarov, doch er sprach von 50 Prozent. Die Qualität sei besser gewesen als am ersten Tag, und vor allem in beiden Partien gegen Nakamura wäre mehr drin gewesen. Sein einziger Sieg gelang ihm gegen Sindarov. Im 13. Zug setzte er mit 13.Ld5 einen Läufer auf ein Feld, das kein schwarzer Bauer mehr angreifen konnte.
Sindarov sprach hinterher mit einem Lächeln von der schlechtesten Partie seines Lebens. Die übrigen Partien des Tages seien in Ordnung gewesen, sagte er.
Am Donnerstag zählt jeder Sieg dreifach
Mit vier Siegen zu je 2.000 Dollar und einem Sieg am ersten Tag hat Praggnanandhaa bisher 9.000 Dollar an Siegprämien eingesammelt, mehr als jeder andere. In den Jackpot, den allein der Turniersieger zusätzlich zu den 125.000 Dollar Preisgeld erhält, sind aus den Remis der beiden Tage 19.000 Dollar geflossen. Bei Punktgleichheit an der Spitze entscheidet ein Armageddon-Stichkampf.
Am dritten und letzten Tag bringt ein Sieg drei Punkte und 3.000 Dollar, ein Remis nur noch einen Punkt. Nakamura, der mit 8 Punkten Letzter ist, wäre mit einem einzigen Sieg wieder bei 11 Punkten, so viel, wie Praggnanandhaa jetzt hat. Rechnerisch kann jeder der vier noch 18 Punkte holen. Caruana sagte, die Remis würden immer weniger wert, und erwartet viele Kämpfe.
Der dritte Tag beginnt am Donnerstag, 29. Oktober, um 18 Uhr deutscher Zeit (12 Uhr Ortszeit in Saint Louis). Gespielt werden die Runden 7 bis 9 mit je zwei Partien, danach folgt bei Bedarf der Stichkampf um Platz eins. Der Saint Louis Chess Club überträgt auf YouTube und Twitch.
