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Schach kehrt ins Simpson's zurück

Im Londoner Simpson's-in-the-Strand, dem Haus der Unsterblichen Partie von 1851, wird wieder Schach gespielt. Am 18. Oktober schlug Luke McShane dort blind drei Gegner in 40 Minuten, und ein weiterer Abend steht für den 6. Dezember fest.

18. Oktober 20263 Minuten LesezeitMatt am Freitag

Am 18. Oktober spielte der englische Großmeister Luke McShane im Londoner Simpson's-in-the-Strand blind gegen drei Gegner. Es waren recht starke Vereinsspieler mit Wertungszahlen zwischen 1850 und 2100, und Jason Kouchak führte McShanes Züge auf dem Brett aus. Nach 40 Minuten hatte McShane alle drei besiegt. Stuart Conquest trat am selben Abend sehend gegen zwölf Gegner an, bei einem ganz normalen Simultan.

Wenn ich blind spiele, bin ich im Vergleich zu meinen Gegnern im Vorteil. Denn ich werde nicht durch die wunderschöne Umgebung hier abgelenkt.Luke McShane, Großmeister

Der Abend war schon der zweite dieser Art. Im März hatte das Haus das erste Blindschach-Simultan seit 100 Jahren veranstaltet, ebenfalls mit McShane. Kouchak, den Restaurantbetreiber Jeremy King zum Direktor für Schach und Musik gemacht hat, moderierte im Gehrock, der an die Mode aus Philidors Zeit erinnern sollte. Einer von Conquests Gegnern, Henry McWatters, Vorsitzender des Schachkreises des Royal Automobile Club, gewann seine Partie mit etwas Glück.

Simultan, blind und Jazz

Das Haus beschreibt den Ablauf so: Zwölf Spieler sitzen in der Assembly Room, Conquest spielt simultan gegen alle. Die drei Besten treten danach gegen McShane an, der blind spielt. Zum Schluss kehren alle zwölf ans Brett zurück, für „Jazz Chess“, ein neues Spiel, das Kouchak eigens für diesen Abend erfunden hat. Auch seine Musik wurde im Anschluss gespielt. Ein Spielerplatz kostet 75 Pfund und enthält einen Cocktail namens „The Immortal Game“, eine Zuschauerkarte 25 Pfund. Der nächste Abend ist für Sonntag, den 6. Dezember, angesetzt, mit weiteren Großmeistern als Überraschungsgästen. Im Restaurant Romano’s stehen außerdem jeden Nachmittag von 15 bis 18 Uhr Bretter bereit, für alle Spielstärken.

Vom Cigar Divan zum Schachcafé

Das Haus gibt es seit 1828. Samuel Reiss eröffnete es als Grand Cigar Divan, einen Treffpunkt, an dem Herren auf Sofas Kaffee und Zigarren genossen, Zeitungen lasen und Schach spielten. Regelmäßige Gäste zahlten eine Guinea im Jahr, alle anderen sechs Pence Eintritt. 1848 tat sich Reiss mit dem Gastronomen John Simpson zusammen, aus dem Divan wurde „Simpson’s Grand Divan Tavern“. Mitte des 19. Jahrhunderts war es mehr als 20 Jahre lang der Treffpunkt der englischen Schachszene. Wer die besten Spieler der Welt sehen oder gegen Geld gegen sie antreten wollte, war dort richtig. Henry Bird zählte dazu, außerdem Wilhelm Steinitz und Johannes Zukertort, der im Haus beim Spielen einen tödlichen Schlaganfall erlitt. Auch Paul Morphy, Emanuel Lasker und Siegbert Tarrasch saßen dort am Brett.

Eine Eigenheit des Hauses hängt mit dem Schach zusammen: Die großen Fleischstücke wurden auf Silberwagen an den Tisch gerollt und dort aufgeschnitten, zunächst offenbar, um die Gäste beim Denken nicht zu stören.

Der Abend der Unsterblichen Partie

1851 lud Howard Staunton zum ersten großen internationalen Turnier nach London, passend zur Weltausstellung. Sechzehn der besten Spieler Europas traten im K.-o.-System an. Adolf Anderssen, Mathematiklehrer aus Breslau, schlug im Halbfinale Staunton und im Finale den englischen Abgeordneten Marmaduke Wyvill. Berühmter als das Turnier wurde aber eine Partie am Rande, die Anderssen am 21. Juni 1851 gegen Lionel Kieseritzky spielte, eine freie Partie im Simpson's. Anderssen opferte beide Türme, einen Läufer und die Dame und setzte mit den übrig gebliebenen Leichtfiguren matt. Der Journalist Ernst Falkbeer nannte sie später die Unsterbliche Partie.

Wie das Schach das Haus verließ

Mit der Zeit rückte das Schach in den Hintergrund, die Spieler zogen in andere Lokale oder gründeten Vereine. 1898 kaufte Richard D’Oyly Carte, der Besitzer des Savoy Hotels, das Haus. 1903 wurde es für den Umbau geschlossen und 1904 als Simpson’s-in-the-Strand, Grand Divan, wieder eröffnet. Schach war nun nur noch Beiwerk. Nach Ansicht der Times verlagerte sich das Zentrum der Schachwelt damit endgültig von London weg, ähnliche Lokale in Wien und Berlin übernahmen die Rolle.

1980 kehrte das Spiel zurück, als im Haus die Endspiele der National Chess Club Championship stattfanden. Im September 2003 folgte zum 175. Jahrestag ein kleines Turnier, benannt nach Staunton, und daraus wurde eine Reihe, die bis 2009 lief. Das vierte Staunton Memorial 2006 mit Michael Adams, Ivan Sokolov und Jan Timman galt als stärkstes Londoner Rundenturnier seit 1986. Danach wechselte das Haus mehrfach den Besitzer, wurde 2020 wegen der Pandemie geschlossen und stand eine Zeit lang leer. Im März 2026 öffnete es unter Jeremy King wieder, mit den Silberwagen, dem Tranchieren am Tisch und einem Direktor für Schach. Kouchak nennt King den weißen Ritter, der das „Home of Chess“ gerettet habe.

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