Vassily Panov wäre 120 geworden
Vassily Panov, am 1. November 1906 geboren, war als Spieler nicht erste Garde, als Theoretiker und Autor aber eine große Nummer des sowjetischen Schachs. Sein Name lebt im Panov-Angriff fort. Zu seinem Wirken gehört auch ein Brief von 1950 gegen Paul Keres.
Vier Züge, und die Stellung trägt einen Namen: Nach 1.e4 c6 2.d4 d5 3.exd5 cxd5 4.c4 sprechen Schachspieler vom Panov-Angriff in der Caro-Kann-Verteidigung, in manchen Büchern vom Panov-Botvinnik-Angriff. Der Namensgeber kam am 1. November 1906 zur Welt, vor 120 Jahren. Als Spieler gehörte Vassily Panov nicht zur ersten Garde des sowjetischen Schachs. Als Autor und Theoretiker nahm er dagegen eine herausragende Stellung ein.
Von Kozelsk nach Moskau
Vassily Nikolajewitsch Panov wurde in Kozelsk geboren, einer Stadt im Bezirk Kaluga südwestlich von Moskau. Sein Vater war Finanzbeamter, seine Mutter Lehrerin und Tochter eines bekannten Lokalhistorikers. Aufgewachsen ist er in Kaluga, 1916 zog die Familie nach Moskau. Das Schachspiel lernte er mit sieben Jahren von seinem Vater, mit fünfzehn spielte er in Moskau seine ersten Turniere. Als junger Mann gelang ihm ein Sieg bei einer Simultanvorstellung des Weltmeisters Capablanca.
1929 wurde Panov Moskauer Meister, 1935 und 1939 Vizemeister der Stadt, 1941 und 1946 gewann er Bronze. Sein größter Turniererfolg war der Sieg beim Halbfinale zur UdSSR-Meisterschaft in Kiew 1938. Fünfmal qualifizierte er sich zwischen 1935 und 1948 für das Finale der Landesmeisterschaft, am besten schnitt er 1939 als Elfter ab. 1950 verlieh ihm die FIDE den Titel Internationaler Meister. Seine beste historische Elo-Zahl wird mit 2649 angegeben, im Januar 1948. Nach 1957 spielte er wegen seiner schlechten Gesundheit nur noch selten, 1963 war sein letztes Turnier, und 1970 saß er in Skopje ein letztes Mal am Brett.
Ein Lehrbuch als Bestseller
Von 1942 bis 1965 war Panov Schachkorrespondent der Zeitung Iswestija. Er schrieb Lehrbücher und Biografien von Tschigorin, Capablanca und Aljechin. 1957 erschien zusammen mit Jakow Estrin der „Kurs debjutow“, der in den sechziger Jahren das meistverkaufte Eröffnungsbuch der Sowjetunion war. Gemeinsam mit Estrin entstand außerdem das dreibändige „Comprehensive Chess Openings“, das 1980 bei Pergamon erschien. 1966 folgte die Autobiografie „Sorok let za schachmatnoi doskoi“ mit 50 Partien. Daneben schrieb er unter dem Pseudonym „Pila“ Gedichte und Feuilletons für die Zeitung „Rabotschaja Moskwa“, oft mit Bezug zum Schach, und sogar ein Theaterstück. Im Zweiten Weltkrieg gab er Simultanvorstellungen und hielt Vorträge in Moskauer Krankenhäusern.
Zeitgenossen beschreiben ihn als streitlustig, aber auch humorvoll. In seinen Artikeln war er ein unnachgiebiger und bisweilen bissiger Dogmatiker, bei aller Gründlichkeit und allem Fleiß. Mit Niederlagen in eigenen Partien kam er nur schwer zurecht.
Der Angriff, den er selbst spielte
Zum Panov-Angriff passt, dass Panov die Fortsetzung selbst auf dem Brett hatte. In der Partiendatenbank von OrbitBase steht eine Partie gegen Sergei Mudrov aus Moskau, bei der nur das Jahr 1929 bekannt ist. Sie folgte dem Muster der Eröffnung, mit 4.c4 und später dem Vorstoß c5, und im 18. Zug stand Weiß auf Gewinn. Nach 18.Sxc6 bxc6 19.Dxa6 Dg5 20.Lg3 e5 21.Lxc6 hatte Weiß zwei Bauern mehr und die Initiative. Die Datenbank führt die Partie nach 24 Zügen als Sieg von Weiß.
Weitere Ideen Panovs betrafen das Sizilianische, bei dem er gegen die Scheveninger Variante einen Aufbau mit Läuferfianchetto untersuchte. Auch eine Angriffsidee gegen dieses System stammt ursprünglich von ihm, ehe sie in den 1940er Jahren Paul Keres aufgriff und sie nach dem Esten benannt wurde. Dazu kamen Pläne für Weiß in der Modernen Variante der Aljechin-Verteidigung und ein Aufbau mit Lb7 in der Spanischen Tschigorin-Variante. Gegen 1.d4 empfahl er Schwarz einen Aufbau, der später Czech Benoni genannt wurde.
Der Brief aus den KGB-Archiven
Zu Panovs Wirken gehört auch ein Kapitel, das mit dem Brett nichts zu tun hat. Panov war Parteimitglied, und seine Artikel waren, bis hin zu Buchrezensionen, von der kommunistischen Ideologie jener Zeit durchsetzt. In der Sowjetunion war jede Art von Journalismus eng an die politischen Ziele der Staatsführung gebunden, auch die Schachberichterstattung. Wie erst später bekannt wurde, ging Panov jedoch darüber hinaus.
Gennadi Sosonko berichtete 2014 in „New in Chess“ (Heft 3) unter dem Titel „The Panov Attack“, dass Panov 1950 anlässlich einer Rezension zu einem Buch von Paul Keres über die Offenen Spiele den Autor beschuldigte, bürgerlich-westliche und antimarxistische Theorien zu verbreiten. Ein entsprechender Brief wurde nach dem Zusammenbruch der UdSSR in den KGB-Archiven gefunden. Keres hatte während der Nazizeit im Deutschen Reich Turniere gespielt. Als die Rote Armee 1945 Estland besetzte, wollte er nach Finnland fliehen, wurde aber verhaftet und entging nur knapp der Deportation nach Sibirien. Er musste sich mit den neuen Machthabern arrangieren.
Auch in Zeitungsartikeln trat Panov häufig als eine Art Schach-Inquisitor auf. Er prangerte antimarxistische Tendenzen und wurzellosen Kosmopolitismus an und forderte eine politische Säuberung der Schachliteratur. Für Keres hatte der Angriff keine unmittelbaren Folgen, denn als Weltklassespieler war er für die Propaganda der UdSSR zu wertvoll. Er gewann 1950 die UdSSR-Meisterschaft. Der Autor des ChessBase-Artikels nennt Panov einen Denunzianten und vermutet, dass neben politischem Dogmatismus auch Missgunst und Neid eine Rolle gespielt haben. Möglicherweise habe auch die Angriffsidee im Scheveninger, die heute Keres' Namen trägt, zu Panovs Abneigung beigetragen.
Das Ende in Moskau
Vassily Panov starb im Januar 1973 in Moskau und wurde auf dem Wostrjakowskoje-Friedhof beigesetzt, Abteilung 32, im Familiengrab. Beim Todestag gehen die Angaben auseinander: Genannt werden der 13. und der 18. Januar 1973.
