Ein Favorit und zwei Peters am Mikrofon
Drei Wochen vor der ersten Partie hat sich Jon Speelman festgelegt: Javokhir Sindarov ist für ihn der Favorit gegen Gukesh Dommaraju. Außerdem steht fest, wer die Partien in Genf kommentiert, nämlich Peter Leko und Peter Svidler.
Als Viswanathan Anand 1995 in New York gegen Garry Kasparov um die Weltmeisterschaft spielte, gehörte Jon Speelman zu seinem Team. Zwanzig Partien waren angesetzt, und Kasparov brauchte bis zur zehnten, um zum ersten Mal zu gewinnen. Es war sein fünftes Mal mit Weiß, ein wuchtiger Sieg gegen Anands Offenes Spanisch. In der Partie davor hatte Anand selbst gegen Kasparovs Sizilianisch im Scheveninger System gewonnen. Speelman, Jahrgang 1956, hat zweimal einen Herausforderer unterstützt, 1993 Nigel Short und 1995 Anand. Die Geschichte erzählt er in seiner neuen Kolumne bei ChessBase, um zu zeigen, wie wenig Platz ein kürzerer Kampf lässt.
Vierzehn Partien statt vierundzwanzig
Zu Speelmans Jugend waren 24 Partien üblich, jetzt sind es 14. Jeder der beiden hat sieben Mal Weiß und sieben Mal Schwarz. Mit Weiß bleibt etwas Spielraum, ein Ziel in der Vorbereitung des Gegners zu finden und anzugreifen, aber deutlich weniger als in den langen Wettkämpfen von früher. Bis zum 24. November werden beide ihre Analysen nach Speelmans Vermutung mit menschlichen und elektronischen Helfern prüfen. Trainingspartien hinter verschlossenen Türen hält er für gut möglich.
Hikaru Nakamura hat Gerüchte zurückgewiesen, er habe Sindarov in Zypern als Trainingspartner gedient. Man habe im selben Hotel gewohnt und sich beim Frühstück gesehen, gespielt worden sei nicht.
Warum Speelman Sindarov vorn sieht
Sindarov müsse nach der jüngsten Form der Favorit sein, schreibt Speelman, und darin stimme er mit fast allen anderen überein. Den Ausschlag gibt für ihn aber etwas anderes: wer einen schlechten Start verkraftet. Dass Gukesh den Titel mit aller Kraft verteidigen wird, bezweifelt er nicht. Ein Titelkampf sei eine Welt für sich, getrennt vom normalen Leben.
Gerät Sindarov in Rückstand, kann er das Ruder wohl herumreißen; startet Gukesh schlecht, macht ihm die Last der jüngsten Form das deutlich schwerer.Jon Speelman, Großmeister · übersetzt nach ChessBase
Ein Läufer und zwei Qualitätsopfer
Als Beleg nimmt Speelman Sindarovs Sieg gegen Nakamura beim Clutch Chess in Saint Louis. Es war die beste Partie, die Sindarov dort gespielt hat. Gespielt wurde mit zehn Minuten und fünf Sekunden Zuschlag pro Zug, für Speelman eine schnelle Schnellschachpartie oder eine langsame Blitzpartie. Er will sie deshalb nicht genau analysieren, sondern frei darüber nachdenken, was sie für den WM-Kampf bedeuten könnte, wenn überhaupt etwas. Sindarov gab einen Läufer und später zweimal die Qualität und warf eine Figur nach der anderen in den Angriff. Speelman erinnert an Michail Tal, der darauf hinwies, dass der Verteidiger immer nur eine Figur auf einmal schlagen kann.
Starke Spieler treten gern trocken und positionell auf, schreibt Speelman, können unter Druck aber hacken, auf ehrliche Weise oder im Schwindelmodus. Artur Yusupov nannte das, es einmal richtig krachen zu lassen: „go Yahoo“. Yusupov, ein ruhiger Positionsspieler, wurde im ersten Schnellschach-Stichkampf seines Kandidatenmatchs 1991 gegen Vasyl Ivanchuk zum Angreifer. Speelman zählt die Partie zu den großen Angriffsschlachten. Gukesh und Sindarov hält er für brillante Taktiker und hofft, dass sie trotz der kaum erträglichen Anspannung harte Partien liefern.
Auch Großmeister Alisher Suleymenov sieht Sindarov vorn. Im Video von ChessBase India sagt er, er habe klassisch gegen beide gespielt. Sindarov sei psychologisch eine Spur stärker, weil er sich nie mit einem Remis zufriedengegeben und immer auf Sieg gespielt habe. Er nennt ihn einen echten Kämpfer. Zugleich betont Suleymenov, dass er für keinen von beiden drücke und nur ein gutes Match sehen wolle.
Zwei Peters am Mikrofon
Am 2. November hat die FIDE auf X bekanntgegeben, dass die Großmeister Peter Leko und Peter Svidler den Kampf kommentieren. Leko kennt die Lage am Brett selbst: 2004 spielte er in Brissago gegen Vladimir Kramnik um den Titel, das letzte WM-Match in der Schweiz. Svidler wurde acht Mal russischer Meister, zum ersten Mal 1994 mit 18 Jahren. Sagar Shah von ChessBase India lobt an Leko, dass er eine Stellung so erklärt, dass auch ein Vereinsspieler folgen kann, und an Svidler die Mischung aus tiefem Wissen und trockenem Humor.
Die FIDE hatte schon im Oktober angekündigt, dass Svidler und Leko in der VIP-Lounge live kommentieren. Das VIP-Tagesticket schließt eine Stunde im Spielsaal der Fondation Martin Bodmer in Cologny ein. Die Fan Zone zeigt die Partien auf einer Großleinwand.
