Fast 600 Punkte Unterschied: die Außenseiter von Samarkand
Bei einer Olympiade bekommen es Außenseiter mit Gegnern zu tun, die ein paar hundert Elo-Punkte über ihnen stehen, und manchmal gewinnt der Falsche. Der niederländische IM Robert Ris hat für die ChessBase-Reihe „The Underdog“ sieben solcher Partien aus Samarkand ausgesucht. Sie zeigen, wie schnell eine Partie kippt, auch wenn der Stärkere alles im Griff zu haben scheint.
Khumoyun Begmuratov hatte eine Leichtfigur mehr und einen Gegner, der 586 Elo-Punkte unter ihm stand. In Runde 1 spielte Usbekistans zweite Mannschaft gegen Afghanistan, und der Großmeister mit Elo 2514 musste gegen Homayoun Mohtaat, 1928 und ohne Titel, eigentlich nur noch die Damen tauschen. Weiß bot den Tausch im 26. Zug sogar an. Begmuratov wich mit der Dame nach f5 aus, vermutlich, weil er immer noch mattsetzen wollte, und übersah 27.Dg8+. Der König muss nach c7, die weiße Dame nimmt den Turm auf a8, und statt einer Mehrfigur hat Schwarz jetzt eine Qualität und zwei Bauern weniger. Nach 40 Zügen war die Partie für Weiß gewonnen. Es ist die größte Überraschung der Auswahl.
Arjun spielt auf Gewinn und wird mattgesetzt
Der prominenteste Verlierer ist Arjun Erigaisi. Der Inder, Elo 2759, stand in Runde 1 gegen den thailändischen IM Prin Laohawirapap, Elo 2363, fast die ganze Partie über auf Gewinn. Der Thailänder verteidigte sich aber zäh und schlug im 45. Zug mit dem Turm auf e4 zurück. Nach 47.Sf3 ist der weiße Vorteil weg, weil der schwarze Turm mit Schach auf die zweite Reihe kommt und der Springer vom Läufer abgetauscht wird. Übrig bleiben Schwerfiguren und ein offener weißer König. Dabei hätte 50.Df4 die Stellung noch gehalten. Arjun zog 50.Dg7, und nach 50...Dh1+ lief sein König ins Mattnetz, im 54. Zug war Schluss.
Die übrigen Beispiele aus dem offenen Turnier stammen ebenfalls aus der ersten Runde. Nicholas Johnson von den Bahamas, Elo 1932, gewann gegen den uruguayischen IM Facundo Vazquez, 2411. Der stellte im 32. Zug seinen Turm nach c8, und nach 33.g4 war der Läufer auf h3 nicht mehr zu retten. Joseph Beckley aus Sierra Leone, 1802, bezwang Enrique Allo Collante aus Paraguay, 2172, in einem Turmendspiel, in dem beide Seiten eine neue Dame bekamen und Schwarz das Bauernendspiel danach sauber gewann.
Georgien erwischt es dreimal
Bei den Frauen kommt eine Mannschaft in der Auswahl gleich dreimal vor, wofür sich Ris im Video sogar entschuldigt. Georgien, einer der Mitfavoriten, spielte in Runde 2 gegen Montenegro nur 2:2. Alena Skvortsova, Elo 2143, schlug Bella Khotenashvili, 2435, und Aleksandra Milovic, 2068, gewann mit Schwarz gegen Lela Javakhishvili, 2424. In Runde 5 verlor dann Nana Dzagnidze, 2478, gegen die Indonesierin Diajeng Theresa Singgih, 2280.
Sieben Partien sind natürlich nur ein Ausschnitt. Unter den 30 größten Überraschungen des offenen Turniers, nach Elo-Abstand sortiert, stehen noch ganz andere Namen. Da schlägt der Malteser Matthew Portelli, 2187, in Runde 1 den ungarischen Großmeister Benjamin Gledura, 2620, in 35 Zügen. Der Kambodschaner Kim Sanker steht mit Elo 1583 sogar zweimal in der Liste, einmal mit einem Sieg gegen einen 580 Punkte stärkeren Iraker.
