Schulschach: 30 Millionen Kinder, kaum Belege
239 Antworten aus 100 Ländern, 33 Fragen und ein Befund, der zwei Gesichter hat: Schach ist im Unterricht weit verbreitet, aber die meisten Programme laufen auf Spenden von Eltern und ohne Lehrplan. Ob die gerühmten Wirkungen eintreten, wird kaum gemessen.
Am Ende greift der Bericht zu einem Schachbild: Viele Länder haben eine starke Eröffnung gespielt, das Mittelspiel steht noch aus. George Chitiyo von der Tennessee Technological University fasst für die Bildungskommission der FIDE die „2026 FIDE Global Chess in Schools Survey“ zusammen. Gemeint ist der Schritt von einzelnen Projekten zu Programmen, die bleiben und ihren Nutzen zeigen können.
Die Umfrage lief von Oktober 2025 bis Juni 2026 online. Sie umfasste 33 Fragen zu Aufbau, Finanzierung, Nutzen, Hindernissen und Auswertung. 239 Befragte aus 100 Ländern auf allen fünf Kontinenten antworteten: nationale Verbände, Schulen, Organisationen für Schach an Schulen und weitere Gruppen. Vorgänger ist eine Studie von FIDE und Europäischer Schachunion aus dem Jahr 2021 mit 196 Antworten, überwiegend von europäischen Verbänden. Weil die Befragten selbst entschieden, ob sie mitmachen, beschreiben die Ergebnisse die antwortenden Programme und nicht das Schulschach der ganzen Welt.
Fast 30 Millionen Kinder, zur Hälfte in Indien
Die Befragten schätzen, dass in den erfassten Ländern knapp 30 Millionen Kinder Schach lernen, etwa die Hälfte davon in Indien. Unterrichtet werden sie von mehr als 145.000 Lehrkräften und rund 22.500 externen oder unabhängigen Trainern. Die Zahlen beruhen überwiegend auf Eigenangaben und geben deshalb eine Größenordnung an, keine genaue Zählung.
Die Programme unterscheiden sich stark. Als Reifemerkmale dienen drei Fragen: Müssen Lehrende eine Qualifikation nachweisen, gibt es einen schriftlichen Lehrplan, und kommen Schachsoftware oder Online-Plattformen zum Einsatz? Auf jedem Kontinent außer Ozeanien, wo die beiden Befragten keines der drei Merkmale nannten, war Software am verbreitetsten und der Lehrplan am seltensten. Am größten ist die Lücke in Europa: 69,2 Prozent der Programme nutzen Software, nur 35,9 Prozent haben einen schriftlichen Lehrplan. Asien führt bei Qualifikationen (65,3 Prozent) und Lehrplänen (49,3 Prozent), Amerika bei der Software (71,9 Prozent).
Afrika liegt vorn, wo es um Mädchen geht
Afrika stellte mit 26 Ländern die meisten Länder und mehr Befragte als Europa. Dort verlangen 47,3 Prozent der Programme eine Qualifikation, 36,4 Prozent haben einen Lehrplan, 54,5 Prozent nutzen Software. In einem Viertel gehört Schach in ganz oder in Teilen des Landes zum offiziellen Schulplan. Bei der Förderung von Mädchen liegt der Kontinent vorn: 42,2 Prozent der Programme haben eigene Initiativen, nur 4,4 Prozent tun nichts dafür.
Aus den frei formulierten Antworten von knapp 90 Ländern haben Chitiyo und Atkins ein Entwicklungsmodell abgeleitet. Es kennt vier Stufen: Am Anfang steht ein Einzelner oder eine einzelne Schule („First move“). Dann folgen Ausbildung und Material („Building foundations“), danach feste Lehrpläne, Turniere und Koordinatoren („Scaling and systematizing“) und schließlich die Aufnahme ins staatliche Bildungssystem mit eigenem Haushaltsposten („Policy integration“). Das Modell bewertet keine Länder, und Rückschritte sind möglich, wenn die Unterstützung endet.
Geld fehlt zuerst, dann der Lehrplan
Als größtes Hindernis nannten 79 Prozent die Finanzierung. Meist zahlen die Eltern, staatliches Geld ist selten. 67 Prozent vermissen einen Lehrplan, 66,5 Prozent ausgebildete Lehrkräfte; gute Spieler sind nicht automatisch gute Lehrer, und Klassenlehrern fehlt oft das Schachwissen. Dazu kommen volle Stundenpläne, fehlende Bretter, Sprachbarrieren und die Haltung mancher Eltern und Beamten, Schach sei ein Zeitvertreib.
Als wichtigsten Nutzen nannten 88,4 Prozent bessere schulische Leistungen. Kritisches Denken, soziale Fähigkeiten und Emotionsregulation folgten mit jeweils mehr als 70 Prozent. Rund drei Viertel der Befragten berichteten, Eltern, Lehrkräfte und Schulleitungen reagierten sehr positiv. Chitiyo betont, dass es sich großteils um Wahrnehmungen handelt; ob Schach diese Wirkungen hat und bei welchen Kindern, kläre die Studie nicht.
Genau dort liegt die Lücke: 48,2 Prozent der Programme haben kein Auswertungssystem, nur etwa jedes siebte erstellt förmliche Berichte. Besser sieht es bei Programmen aus, die Qualifikationen verlangen, einen Lehrplan haben oder in den nationalen Lehrplan eingebunden sind. Chitiyo schlägt ein Vorgehen in Stufen vor: Alle führen einfache Aufzeichnungen, viele prüfen den Lernstand, die reifsten untersuchen die Wirkung förmlich. Die FIDE könnte dafür einen gemeinsamen Rahmen, einfache Prüfwerkzeuge und Schulungen anbieten.
Aus den Befunden leitet der Bericht fünf Prioritäten ab: Länder am Anfang sollen von weiter fortgeschrittenen lernen, die Finanzierung soll stabiler werden, auch durch öffentliche Haushalte, Lehrkräfte sollen Schach vermitteln und nicht nur spielen können, gemeinsame anpassbare Lehrpläne mit klaren Lernzielen sollen entstehen, und die Fähigkeit zur Auswertung soll wachsen. Der vollständige Bericht trägt den Titel „From First Move to National Policy“.
