Taimanov wäre 100 geworden
Er spielte Klavier im Duo mit seiner Frau und gehörte zur sowjetischen Schachspitze. Dann verlor Mark Taimanov 1971 in Vancouver alle sechs Partien gegen Bobby Fischer, und zu Hause wurde aus der Niederlage eine politische Angelegenheit. Ein Porträt zum 100. Geburtstag erzählt beides und zeigt, wie er in Tbilisi 1959 den jungen Spassky mit dem Zentrum überspielte.
Der Zug, auf den es in dieser Partie ankam, war ein schlichter Bauernschritt: 18.e4. Mark Taimanov spielte ihn im Januar 1959 bei der sowjetischen Meisterschaft in Tbilisi gegen den jungen Boris Spassky. Zu Taimanovs 100. Geburtstag hat Georges Bertola die Partie in Europe Echecs als Lehrstück der Zentrumsstrategie noch einmal aufgeschlagen. Sie zeigt, wie sich ein Großmeister sein Spiel vorstellte, bevor ihn eine ganz andere Begegnung für Jahrzehnte zum Mann mit dem 0:6 machte.
Ich konnte die Bedeutung der Zentrumskontrolle für eine Initiative auf dem ganzen Brett hervorheben.Mark Taimanov, über die Partie gegen Spassky · übersetzt nach Europe Echecs
Pianist, Filmkind, Großmeister
Geboren wurde Taimanov am 7. Februar 1926 in Charkiw, aufgewachsen ist er in Leningrad. Mit zehn Jahren spielte er in dem Kinderfilm Beethovens Konzert einen jungen Geiger. Sein eigentliches Instrument war das Klavier: Mit Lyubov Bruk, die er 1945 heiratete, bildete er ein Klavierduo, dessen Aufnahmen später in der Philips-Reihe Die größten Pianisten des 20. Jahrhunderts erschienen. Zum Schach kam er als Elfjähriger über den Leningrader Pionierpalast, wo er in einer Fördergruppe landete, die Michail Botvinnik persönlich leitete.
Die Schachkarriere verlief steil. 1950 wurde Taimanov Internationaler Meister, 1952 Großmeister, und im selben Jahr teilte er sich mit Botvinnik den ersten Platz der sowjetischen Meisterschaft, den Stichkampf gegen den damaligen Weltmeister verlor er. 1956 holte er den Titel, nachdem er mit Yuri Averbakh und Boris Spassky punktgleich geendet und das anschließende Kampfturnier gewonnen hatte. Er spielte 23 sowjetische Meisterschaften, so viele wie sonst nur Efim Geller, und besiegte sechs Weltmeister: Botvinnik, Smyslov, Tal, Petrosian, Spassky und Karpov. Eine Variante der Sizilianischen Verteidigung trägt seinen Namen, und seine Eröffnungsbücher, in Ostberlin beim Sportverlag erschienen, gehörten Anfang der 1970er Jahre zu den begehrtesten sowjetischen Werken im Westen.
Das Zentrum gehört Weiß
In Tbilisi trafen im Januar und Februar 1959 zwanzig der besten Sowjetspieler aufeinander. Tigran Petrosian gewann mit 13½ Punkten, Spassky und Michail Tal folgten mit je 12½, und Taimanov wurde mit 12 Punkten Vierter, gleichauf mit Ratmir Kholmov. Gegen Spassky, der als Juniorenweltmeister bekannt war, gewann er mit Weiß ein Nimzoindisch. Mit 9.a3 sicherte sich Weiß das Läuferpaar. Um genau dieses Feld ging es in der ersten Phase der Partie. Nach 12.Ld3 drohte 13.e4, und Spassky blockierte e4 mit dem Läufer. Taimanov hielt 12...Se4 für die solidere Wahl. Stockfish sieht Weiß nach beiden Zügen nur leicht besser, nach 12...Le4 mit +0,47, nach 12...Se4 mit +0,31. Weiß zog den Läufer mit 13.Lf1 zurück, was nach Taimanovs Kommentar nur nach Rückzug aussieht und in Wahrheit eine Umgruppierung ist, und stellte mit 14.Sd2 und 15.Lb2 die Figuren auf.
Spassky blockierte e4 mit 15...Se4 noch einmal. Nach 16.f3 Sxd2 17.Dxd2 e5 war es dann so weit: 18.e4. Die Engine hat den Zug als erste Wahl, mit +0,94 steht Weiß leicht besser, und 18.a4 wäre mit +0,80 kaum schlechter gewesen. Taimanov sprach von einem positionellen Erfolg und von einem moralischen Sieg. Auf 18...Tfd8 19.Df2 f6 20.a4 Lf7 folgte 21.d5, und das geschlossene Zentrum gab Weiß Raum für beide Flügel. Mit +1,57 steht Weiß nach 21.d5 klar besser. 22.c4 sicherte den Bauern auf d5, einen geschützten Freibauern, der Schwarz bis zum Schluss im Nacken saß.
Den Rest erledigte Weiß ohne Eile. Am Damenflügel besetzten die Türme die a-Linie, am Königsflügel gewann Weiß Raum, und alle Figuren zielten auf den rückständigen Bauern b6. Der letzte Ausweg war 38...b5, von Taimanov als verzweifelter Versuch bezeichnet, dem Schraubstock zu entkommen. Schon vor diesem Zug steht Weiß nach Stockfish mit +1,60 klar besser, selbst nach dem besten schwarzen Zug 38...Lc8, nach 38...b5 mit +4,10 sogar auf Gewinn. Der schwarze c-Bauer lief bis c2, doch 43.Tc4 setzte ihm ein Ende, und auch mit diesem Zug steht Weiß mit +4,58 auf Gewinn.
Nach dem 53. Zug von Weiß gab Spassky auf. Ein weißer Bauer auf c7 stand kurz vor der Umwandlung.
Sechs Partien, sechs Niederlagen
Zwölf Jahre später spielte Taimanov gegen einen Gegner, gegen den kein Zentrum half. 1971 hatte er sich mit Platz fünf beim Interzonenturnier in Palma de Mallorca für die Kandidatenkämpfe qualifiziert und traf im Viertelfinale in Vancouver auf Bobby Fischer. Seinen Freund Michail Tal hätte er gern als Sekundanten dabeigehabt, doch der Sportverband untersagte das, stattdessen begleiteten ihn Evgeni Vasiukov und Balashov. Gespielt wurde auf sechs Gewinnpartien, und Fischer brauchte dafür genau sechs Partien. Taimanov habe in einigen Partien gute Stellungen erreicht, schreibt André Schulz, dann aber eine psychische Blockade aufgebaut. Taimanov selbst nannte Fischer einen unglaublich zähen Verteidiger und die dritte Partie den Wendepunkt des Wettkampfs.
Die Rechnung aus der Heimat
In der Sowjetunion galt ein 0:6 gegen einen Amerikaner nicht als sportliches Pech. Taimanov sagte 2002 in einem Interview, ohne politische Erklärung sei eine so hohe Niederlage für die Führung undenkbar gewesen. Ihm wurde vorgeworfen, mit dem Feind zusammengearbeitet zu haben. Als Anlass diente, dass er bei der Einreise Bücher von Alexander Solzhenitsyn im Gepäck hatte, die in der Sowjetunion verboten waren. Seine Bezüge wurden gestrichen, die Bürgerrechte entzogen, die Titel aberkannt, und ins Ausland reisen durfte er nicht mehr. Die Ehe mit Lyubov Bruk, der er sich in der Vorbereitung auf das Match entfremdet hatte, wurde geschieden, und damit endete auch das Klavierduo. An Turnieren in der Sowjetunion durfte er weiter teilnehmen.
Die Sanktionen dauerten bis 1973. Nachdem sich Taimanov für das Interzonenturnier 1973 qualifiziert hatte, beschloss das Zentralkomitee der KPdSU, ihm zu verzeihen, und 1976 spielte er in Hastings wieder im Ausland. Fischer hatte 1971 auch Bent Larsen mit 6:0 und Tigran Petrosian mit 6½:2½ geschlagen, was zum Sinneswandel beigetragen haben könnte.
Das Buch zur Niederlage
Taimanov hat das Match später aufgearbeitet. Ich war Bobby Fischers Opfer erschien 1993 auf Russisch, 2021 folgte bei Quality Chess die englische Übersetzung. Das Buch sollte belegen, dass das Ergebnis nicht widerspiegelte, was auf dem Brett geschehen war. Nach der Wende reiste Taimanov wieder viel, wurde 1993 und 1994 Seniorenweltmeister, wurde 2004 mit 78 Jahren, in seiner vierten Ehe, Vater von Zwillingen und eröffnete 2014 in Sankt Petersburg eine Schachschule. Am 28. November 2016 starb er dort mit 90 Jahren.
Sein Blick auf das eigene Spiel änderte sich mit den Jahren. Spektakuläre Opferangriffe, die ihm früher gefielen, erschienen ihm später naiv, wichtiger wurde ihm die Tiefe eines stimmigen strategischen Plans und die Folgerichtigkeit, mit der er umgesetzt wird.
