US-Meisterschaften: So hält Caruana auf Distanz, Li enteilt
Fünf Remis, eine Entscheidung: Wesley So überstand die Vorbereitung des Titelverteidigers und hat nach neun Runden 6,5 Punkte. Oparin besiegte Shankland und teilt Platz zwei mit Caruana. Bei den Frauen kassierte Rachael Li ein Geschenk von Nazi Paikidze und liegt nun vor Alice Lee und Irina Krush.
20 Minuten saß Wesley So in Saint Louis vor einem einzigen Zug. Fabiano Caruana hatte in der Italienischen Partie mit 6.b4 das Dubov-Gambit auf das Brett gebracht, und So musste sich die Antwort am Brett selbst erarbeiten. Der Titelverteidiger lag vor der neunten Runde einen vollen Punkt hinter dem Führenden und brauchte den Sieg, wenn das Turnier noch einmal offen werden sollte. Auf So wirkte der Zug nach eigener Aussage wie ein kleiner Schock:
Als er b4 gespielt hat, wollte ich buchstäblich aufgeben, weil ich diesen Zug überhaupt nicht erwartet hatte!Wesley So, Großmeister · übersetzt nach Chess.com
Er fand trotzdem alles selbst heraus. Nach 6.b4 Le7 7.e5 Se4 8.b5 Sa5 9.Ld5 Sxc3 10.Sxc3 dxc3 11.O-O spielte er 11...a6. Das war eine Neuerung, und nach Caruanas Einschätzung ein Zug, den ein Mensch kaum findet.
Danach flachte die Partie ab. Die Damen verschwanden im 23. Zug, und nach 38 Zügen stand zum dritten Mal dieselbe Stellung auf dem Brett: Remis durch Zugwiederholung. So ist damit als Einziger im Open ohne Niederlage, hat vier Siege und fünf Remis auf dem Konto und führt mit 6,5 Punkten. Caruana und Oparin folgen mit 5,5, dahinter liegen Xiong, Liang und Woodward mit 5 und Mishra mit 4,5. Für So stehen noch zwei Partien gegen 2700er aus: gegen Hans Niemann, der bei 3,5 Punkten steht, und gegen den Letzten Sam Sevian mit 2,5. Gewinnt er das Turnier, wäre es sein vierter nationaler Titel.
Oparin presst Wasser aus dem Stein
Die einzige Entscheidung im Open fiel am sechsten Brett. Grigoriy Oparin schlug Sam Shankland, der Königsindisch spielte. Im 29. Zug wurden die Damen getauscht, später gewann Weiß die Qualität. Den Sieg gab Oparin zwischenzeitlich wieder aus der Hand und musste ihn in einem Endspiel mit Turm und Bauer gegen Läufer und Bauer holen, das theoretisch remis ist. Nach 78.g4 war die Partie zu Ende: Weiß hat Turm c3 und g-Bauer gegen Läufer und f-Bauer, der weiße König steht auf f5, und Stockfish sieht Weiß mit Matt in 17 Zügen auf Gewinn.
Für Oparin war es die Antwort auf einen ärgerlichen Samstag. Gegen Levon Aronian hatte er in Runde 8 mit einem Springerzug nach h5 einen Gewinn übersehen, was er ziemlich frustrierend fand. Nach dem Ruhetag kam er mit frischer Energie zurück, und das, obwohl er schon in Runde 2 verloren hatte. Auf So fehlt ihm ein Punkt. Oparin selbst hält den Führenden für schwer zu stoppen, dafür müsse schon ein Wunder geschehen.
Die anderen fünf Partien endeten remis, teils nach langem Kampf: Niemann und Sevian trennten sich nach 83 Zügen, Mishra und Aronian nach 43, Robson und Liang nach 47, Woodward und Xiong nach 33. Shankland steht nach seiner vierten Niederlage bei 3,5 Punkten.
Li profitiert vom Fehler im Springerendspiel
Bei den Frauen kam der Fehler der Runde spät. Rachael Li hatte Nazi Paikidze lange unter Druck gesetzt, Paikidze hatte sich in ein Springerendspiel mit einem Bauern weniger gerettet, das als remis zu halten war. Dann zog sie im 79. Zug Sb3??. Stockfish sieht Weiß nach 79...Sa4 nur mit +0,5 leicht besser, nach 79...Sb3 aber mit +3,7 auf Gewinn, denn der b-Bauer läuft nun durch. Nach 88 Zügen war die Partie für Li gewonnen.
Li hat damit 7 Punkte aus 9 Partien, sechs Siege, zwei Remis und eine Niederlage, und mit der ersten IM-Norm hat sie zwei Runden vor Schluss schon ein Turnierziel erreicht. Die Neueinsteigerin blieb dennoch nüchtern:
Es ist überraschend, und ich bin definitiv stolz, dass ich so weit gekommen bin, aber es sind noch zwei Runden.Rachael Li, Internationale Meisterin der Frauen · übersetzt nach Chess.com
Hinter Li liegen jetzt Irina Krush und Alice Lee mit je 6 Punkten, nachdem Krush die direkte Begegnung gewonnen hatte. Krush, achtfache Meisterin, hatte in Runde 1 die Dame eingestellt und verloren und am Samstag auch gegen Jennifer Yu. Sie nahm es gelassen: Manchmal spiele man schlechter als der Gegner und verliere, sagte sie, und sie mache sich keinen Druck, ein bestimmtes Ergebnis erreichen zu müssen. Mit Weiß bekam sie in der Réti-Eröffnung früh Vorteil und tauschte später beide Türme gegen die schwarze Dame, danach beherrschte ihr Springer auf c6 die Stellung. Nach 60 Zügen war es entschieden. Gewinnt sie das Turnier, wäre es ihr neunter Titel und der erste seit 2020.
Paragua opfert die Dame und gewinnt
Die 13 Jahre alte Megan Paragua, die in New York lebt und zum ersten Mal mitspielt, schlug Anna Zatonskih und liegt mit 5 Punkten allein auf Platz fünf. In Zeitnot hatte sie ein Damenopfer schon einige Züge vorher eingerechnet. Im 38. Zug stand ihre Dame auf f7 im Angriff der weißen Dame; Paragua spielte trotzdem 38...dxe3, ließ die Dame nach 39.Dxf7 stehen und kam nach 39...e2 40.De7 Td1+ 41.Kg2 mit 41...e1=D zu einer neuen Dame. Stockfish sieht Schwarz nach 38...dxe3 mit −7,3 auf Gewinn, nach 38...Kg8 wäre es bei 0,00 ausgeglichen geblieben.
Dass es noch besser hätte laufen können, weiß sie selbst: In früheren Runden ließ sie mehrere Chancen aus, am Ende des Tages sei es nur ein Spiel, sagte sie. Ihr voraussichtlicher Wertungsgewinn liegt bisher bei 42 Punkten.
Jennifer Yu gewann zum zweiten Mal in Folge, diesmal gegen Thalia Cervantes, die zuvor einen halben Punkt hinter der Spitze gelegen hatte. Mit einem spektakulären, wenn auch nicht nötigen Turmzug holte Yu die Dame. Cervantes hat 5,5 Punkte, Yu 4,5. Carissa Yip, die Titelverteidigerin, drehte gegen Anna Sargsyan eine verlorene Stellung, nachdem Sargsyan einen Gegenschlag übersehen hatte, und liegt mit 3 Punkten trotzdem zusammen mit Sargsyan und Paikidze am Tabellenende. Sie nannte es vielleicht sogar ihr schlechtestes Turnier überhaupt. Tatev Abrahamyan schlug Rose Atwell, beide stehen bei 3,5 Punkten. Abrahamyan sagte, sie sei vom Schach ausgebrannt und wolle das Turnier hinter sich bringen; wichtig sei jetzt, genug Wertung zu behalten, um sich für den nächsten American Cup zu qualifizieren.
Die zehnte Runde beginnt am Dienstag, dem 20. Oktober, um 19 Uhr deutscher Zeit. Bei den Frauen trifft Li in den letzten beiden Runden auf Atwell und Zatonskih, beide stehen in der unteren Tabellenhälfte und haben in diesem Turnier schon verloren. Im Open muss So noch gegen Niemann und Sevian bestehen, Caruana und Oparin müssen ihre Partien gewinnen. Der Sieger im Open bekommt 55.000 Dollar, bei den Frauen sind es 35.000.
