US-Meisterschaft: So schlägt Caruana im Stichkampf
Wesley So ist zum vierten Mal US-Meister. In der ersten Schnellpartie gegen Fabiano Caruana ließ er einen klaren Gewinn liegen, die zweite gewann er, weil Caruana nach einem riskanten Gambit einen Läufer hängen ließ.
Zwei oder drei Stunden Schlaf, mehr hatte Wesley So nach der Schlussrunde nach eigener Aussage nicht bekommen. Am Donnerstag saß er trotzdem wieder in Saint Louis am Brett, gegen Fabiano Caruana, den erst Sos Niederlage gegen Sam Sevian in den Stichkampf gebracht hatte. Als die zweite Partie zu Ende war, stand es 1,5:0,5 für So, und der Titel gehörte ihm zum vierten Mal.
Dass es überhaupt so weit kam, war die unwahrscheinlichste Variante der Schlussrunde. So war als Spitzenreiter gegen den Tabellenletzten Sevian angetreten, ein Remis hätte ihm den Titel gebracht, und er verlor. Caruana gewann zur selben Zeit gegen Awonder Liang, wie er musste, und beide standen bei 7 Punkten. Die Serie von 48 Partien ohne Niederlage bei US-Meisterschaften, die So bis dahin hatte, war gerissen.
Gespielt wurden zwei Schnellpartien mit 15 Minuten und 10 Sekunden Zuschlag je Zug, bei Gleichstand wären weitere Partien gefolgt. Eine Armageddon-Partie war nicht vorgesehen. Auf dem Papier war es ein Münzwurf. Im Schnellschach führt So die Gesamtbilanz gegen Caruana mit 15 Siegen zu 14 bei 23 Remis, im Blitz liegt Caruana mit 17 zu 16 vorn. Im August schlug Caruana ihn im Halbfinale des Grand-Chess-Tour-Finales, den American Cup in Saint Louis gewann dafür So. Beide hatten kurz zuvor die Schacholympiade in Usbekistan gespielt.
Ein Gewinn, der nicht gespielt wurde
In der ersten Partie hatte Caruana Weiß, die Eröffnung war ein Nimzoindisch. So überspielte ihn und kam zu einer Gewinnstellung. Im 34. Zug lag der Gewinn auf dem Brett: Nach 34...Dd4+ 35.Kf1 Ta1 36.Txa1 Dxa1+ wäre Weiß verloren gewesen. So spielte stattdessen 34...Tb8. Anthony Levin von Chess.com nannte das eine Kombination, die unter normalen Umständen nicht schwer zu finden sei, ließ aber Erschöpfung und Nerven gelten.
Danach drehte sich die Partie. Caruana brachte den Freibauern auf c7 durch, und mit 63.Dxf8+ Kxf8 64.Td8+ Ke7 65.c8=D hatte er Dame und Turm gegen Sos Dame. Für So blieb das Dauerschach: 65...Df1+ 66.Kh2 Df4+ 67.Kg1 De3+ 68.Kf1 Df4+. Nach 72 Zügen war die Zugwiederholung erreicht, und die Partie endete remis. Caruana sagte später, er habe in der ersten Partie ziemlich Glück gehabt, davonzukommen.
Am Ende war ich wirklich auf dem letzten Atemzug. Ich habe buchstäblich zehn Bauern für Schwarz gesehen, mein Kopf war überall.Wesley So, Großmeister · übersetzt nach Chess.com
So beschrieb die Qualität der Partien gegen Caruana als sehr schlecht für beide, mit vielen Fehlern. Schon im Turnier habe es ungewöhnlich viele Patzer gegeben, sagte er, selbst hatte er gegen Ray Robson und Jeffery Xiong auf Verlust gestanden und beide Partien noch gewonnen.
Das Gambit und der hängende Läufer
In der zweiten Partie hatte So Weiß und wählte das Vierspringerspiel in der Schottischen Variante, Caruana antwortete mit dem Läuferzug nach b4 und der kurzen Rochade und bot damit einen Bauern an. So gab ihn zurück und rochierte lang, danach stürmten beide mit den Bauern auf entgegengesetzten Flügeln: So am Königsflügel, Caruana am Damenflügel.
Ich dachte mir: Warum nicht? Ich hatte nichts dagegen, auf einen großen Kampf zu gehen.Fabiano Caruana, Großmeister · übersetzt nach Saint Louis Chess Club
Nach dem Spiel räumte Caruana ein, die Variante sei vermutlich zu riskant gewesen, und er wisse nicht, warum er sie gewählt habe. Entschieden wurde die Partie im 21. Zug. Caruana spielte b4 und griff damit die Dame auf c3 an, aber der Läufer auf c6 stand ungedeckt, und So nahm ihn mit 22.Dxc6. Caruana erzählte, er habe geglaubt, die Dame müsse nach a4 ausweichen, und habe nichts durchgerechnet; den Zug nannte er selbst offensichtlich verrückt.
Weiß hatte nun eine Leichtfigur mehr, und So führte die Partie ohne Umweg zu Ende: 29.Dd3 h6 30.gxh6 Df6 31.Lc1 Sxf4 32.Df3 g5 33.hxg6. Dann gab Caruana auf.
Vier Titel, drei davon im Stichkampf
Seit Sos Titel 2021 hat es vier Meisterschaften gegeben, die er nicht gewann. Mit dem vierten Titel steht er in der Geschichte der Meisterschaft gleichauf mit Yasser Seirawan und Alexander Shabalov. Mehr haben nur Bobby Fischer mit acht, Samuel Reshevsky mit sieben, Walter Browne mit sechs und mit je fünf Caruana, Larry Evans, Gata Kamsky, Hikaru Nakamura und Jackson Showalter. Drei von Sos vier Titeln fielen in einem Stichkampf: 2017 gegen Alexander Onischuk, 2021 gegen Caruana und Sevian, nun gegen Caruana. 2020, als das Turnier wegen der Pandemie online auf Lichess gespielt wurde, hatte es keinen gebraucht.
So selbst hält das Turnier von 2017 weiter für das schwerste seiner Titel, weil damals Caruana mit 2817 Elo, Nakamura mit 2793 und Onischuk mit Leistungen auf 2800-Niveau am Start waren. Über Sevian sagte So, der habe ein sehr hartes Turnier gespielt und gegen ihn eine richtig gute Partie gezeigt, er selbst dagegen sehr schlecht.
Für Caruana endet damit eine Serie von vier Titeln in Folge, die 2022 begonnen hatte. Er bleibt bei fünf Titeln insgesamt, sein fünfter in Folge wäre es gewesen. Das Schnellschach laufe bei ihm in diesem Jahr schlecht, sagte er, er habe seine Form noch nicht gefunden. Am Dienstag, 27. Oktober, spielt er beim Clutch Chess Champions Showdown gegen Javokhir Sindarov, Hikaru Nakamura und Praggnanandhaa Rameshbabu.
Der Preisfonds der Open-Wertung beträgt 250.000 US-Dollar, davon sind 55.000 für den Sieger vorgesehen; Chess.com nennt für So 56.000 US-Dollar. Die ersten fünf der Abschlusstabelle sind für den nächsten FIDE World Cup qualifiziert. Das sind neben So und Caruana Jeffery Xiong und Grigoriy Oparin mit je 6,5 Punkten sowie Andy Woodward mit 6.
