Ruy López warnte vor seiner Eröffnung
Die Spanische Partie trägt den Namen eines Priesters, der Schwarz in seinem Buch von 1561 zu 2...d6 riet, damit der Läuferzug 3.Lb5 gar nicht erst aufs Brett kommt. Mehr als 400 Jahre später wurde eine ihrer Verteidigungen zur Waffe, mit der Vladimir Kramnik Garry Kasparov schlug.
Ruy López de Segura wurde 1559 nach Rom gerufen, weil Papst Pius IV. ihn in kirchlichen Angelegenheiten sprechen wollte. Während seines Aufenthalts spielte er mit Einheimischen Schach und schnitt dabei offenbar gut ab, doch der einzige Bericht über diese Partien stammt von ihm selbst, in einem einzigen Satz. Einer seiner Gegner war ein junger Mann namens Leonardo di Bona, den man Il Puttino nannte. Von den Italienern lernte López außerdem das Wort Gambit.
In Italien fiel ihm auch das Schachbuch von Pedro Damiano in die Hände, das 1512 erschienen war. López hielt wenig davon. Das könnte ihn auf die Idee gebracht haben, selbst ein Buch zu schreiben.
Ein Buch aus Alcalá de Henares
1561 erschien sein „Libro de la invención liberal y arte del juego del axedrez“ in Alcalá de Henares. Es hat vier Teile. Der erste behandelt die Herkunft des Spiels, seinen Nutzen, die Regeln und die Strategie, durchsetzt mit lateinischen Zitaten antiker Autoren. Nach den damals in Spanien geltenden Regeln war ein Patt ein Sieg für den Spieler, der nicht patt gesetzt war, und wer alle gegnerischen Figuren außer dem König schlug, gewann ebenfalls. Auch die Fünfzig-Züge-Regel taucht hier zum ersten Mal auf. Im zweiten Teil stehen die Eröffnungen, darunter das Königsgambit, und das ist das Erbe, für das Peter J. Monté López den Vater der Eröffnungstheorie nennt. Der dritte Teil rechnet feindselig mit Damianos Eröffnungsanalysen ab, der letzte widmet sich Vorgabepartien. Insgesamt enthält das Buch 66 Partien, 24 davon stammen aus Damianos Werk.
Die Warnung vor der eigenen Eröffnung
Nach 1.e4 e5 2.Sf3 hielt Damiano den Zug 2...Sc6 für Schwarz am besten. López sah das anders: Er hielt ihn für schlechter, weil Weiß mit 3.Lb5 antworten kann, und er zog diesen Läuferzug dem Zug 3.Lc4 vor.
Was Schwarz aus Sicht von López stattdessen tun sollte, steht ebenfalls im Buch. Schwarz sollte der Spanischen Partie mit 2...d6 aus dem Weg gehen, dem Zug, der später als Philidor-Verteidigung bekannt wurde. Der Namensgeber der Eröffnung riet also von seiner eigenen Fortsetzung ab.
Erfunden hatte López den Läuferzug nicht. Er steht schon im Göttinger Manuskript, das auf um 1490 datiert wird. Populär wurde die Eröffnung erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem Carl Jaenisch im Dezember 1847 in der Zeitschrift Le Palamède einen ausführlichen Artikel über 1.e4 e5 veröffentlicht hatte. Weil Schwarz in ihr so schwer zum Ausgleich kommt, trägt sie den Spitznamen „Spanish Torture“.
Die Sonne im Gesicht des Gegners
Zu den Ratschlägen des Buches gehört, das Brett so aufzustellen, dass dem Gegner die Sonne ins Gesicht scheint. López war fast zwanzig Jahre lang der stärkste Spieler Spaniens und wurde auch für sein Blindschach geschätzt. Nachdem er vor König Philipp II. gegen Alfonso Cerón gespielt hatte, erhielt er eine Pfründe und eine goldene Kette mit einem Turm als Anhänger.
Um 1574 kamen Leonardo di Bona und danach Paolo Boi auf ihren Reisen durch Europa an den spanischen Hof. Boi und der inzwischen deutlich verbesserte di Bona besiegten López und Cerón in Madrid im Beisein des Königs, López schlug Cerón immerhin. Diese Begegnungen gelten teils als das erste internationale Schachturnier. Eine 2025 erschienene spanische Biografie der Brüder Daniel und Francisco de Asís Gragera Ledesma stellt allerdings manche der überlieferten Berichte infrage, darunter das meist genannte Treffen in El Escorial 1575.
Die Mauer von London
Ein Zeitsprung von mehr als vierhundert Jahren führt nach London, wo Garry Kasparov vom 8. Oktober bis 4. November 2000 seinen Titel gegen Vladimir Kramnik verteidigte. Kasparov war Weltranglistenerster mit 2849 Elo und galt als klarer Favorit, Kramnik stand als Dritter mit 2772 Elo in der Liste. Gegen 1.e4 entschied sich Kramnik für die Berliner Verteidigung, 3...Sf6, damals eine lange vernachlässigte Spielweise.
In den Partien 1, 3, 9 und 13 entstand jedes Mal dieselbe Stellung: Nach 4.O-O Sxe4 5.d4 Sd6 6.Lxc6 dxc6 7.dxe5 Sf5 8.Dxd8+ Kxd8 sind die Damen getauscht. Weiß hat am Königsflügel eine Bauernmehrheit, Schwarz das Läuferpaar. Es ist schwer, die bessere Struktur zu nutzen, ohne den schwarzen Läufern Linien zu öffnen.
Alle vier Partien endeten remis, die kürzeste nach nur 14 Zügen. Kasparov kam nicht durch. Kramnik gewann dazu mit Weiß die Partien 2 und 10, und am Ende stand es 8½:6½ bei zwei Siegen, 13 Remis und keiner Niederlage. Nach Kasparovs eigener Einschätzung lag Kramniks Sieg an der überlegenen Eröffnungsvorbereitung.
Die Berliner Verteidigung war nicht neu. Schon im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde sie gespielt, unter anderem von Emanuel Lasker, geriet danach aber in den Hintergrund. Nach London erlebte sie eine Renaissance. Selbst dynamische Spieler wie Alexei Shirov, Veselin Topalov, Hikaru Nakamura und Kasparov selbst probierten sie aus, und bei den Weltmeisterschaften 2013 und 2014 setzten Magnus Carlsen und Viswanathan Anand sie ein, Carlsen besonders ausgiebig. Unter den Alternativen zu 3...a6 ist die Berliner Verteidigung heute mit Abstand die häufigste, und sie gilt als solide Remiswaffe.
