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Schach statt Cashewschnaps

Marottichal in Kerala war in den 1980er-Jahren eine Hochburg des illegalen Schnapsbrennens. Heute heißt das Dorf mit rund 6000 Einwohnern "Schachdorf Indiens", und fast jeder Haushalt hat einen guten Spieler. Angestoßen hat den Wandel ein Mann mit einem Teeladen.

30. Oktober 20262 Minuten LesezeitMatt am Samstag

An Bushaltestellen, vor den Läden und unter Bäumen von Marottichal stehen Schachbretter, und um sie herum versammelt sich das halbe Dorf. Wer in der Gegend am Fuß der Westghats im Bezirk Thrissur in Kerala unterwegs ist, sieht Kinder, Jugendliche und Ältere beim Spiel. Das war nicht immer so.

Cashewfrüchte als Geschäftsmodell

In den 1960er- und 1970er-Jahren herrschte in Marottichal hohe Arbeitslosigkeit, und manche begannen, aus Cashewfrüchten Schnaps zu brennen. Zunächst waren es drei Haushalte, die für den eigenen Bedarf brannten. In den 1980er-Jahren war das Dorf ein regionaler Mittelpunkt der illegalen Alkoholherstellung. Verkauft wurde fast jede Nacht, Bauern vernachlässigten Felder und Vieh, und in den Brennhäusern wurde auch Karten gespielt, mit Buchmachern im Hintergrund.

Die Folgen waren handfest. Leberzirrhose wurde häufig, dazu kamen Schulden, häusliche Gewalt, Schlägereien auf der Straße und Armut. Manche Kinder hatten kaum etwas anzuziehen.

Ein Teeladen als Spielstätte

Den Umschwung brachte Charaliyil Unnikrishnan, ein früherer Dorfbewohner, der Ende der 1980er-Jahre zurückkam und im Zentrum einen Teeladen eröffnete. Er beteiligte sich an Kampagnen gegen den Alkohol und spielte öffentlich Schach. Neugierige blieben stehen, und er brachte jedem das Spiel bei, der es lernen wollte. Nach seiner Darstellung tat er sich zudem mit Freunden und mit Frauen und Müttern der Brenner zusammen, die nachts nach Hinweisen auf Brennvorgänge suchten, und ließ Vorräte und Geräte zerstören. Nach den Razzien lud er zum Schach ein.

Wie viele Menschen er unterrichtet hat, wird unterschiedlich angegeben: hunderte in einem Bericht, fast 1000 in einem anderen. Im Dorf scherzen manche, das "C" in seinem Namen stehe für "Chess". Der Teeladen ist bis heute ein Treffpunkt für Partien.

Wir haben wirklich angefangen, unser Leben um dieses schöne Brett herum neu zusammenzusetzen.Baby John, Präsident des Schachvereins von Marottichal · übersetzt nach Al Jazeera

Wie viele spielen wirklich?

Dass in jedem Haushalt mindestens eine Person gut Schach spielt, gilt als Annahme und nicht als Zählung. Seit den frühen 2000er-Jahren trägt das Dorf deshalb den Beinamen "Schachdorf Indiens". Baby John nennt eine genauere Zahl: Mehr als 4500 der rund 6000 Einwohner, also 75 Prozent, seien versierte Spieler. Das ist die Schätzung eines Vereinsvorsitzenden, keine Erhebung.

Belegt ist dagegen ein Rekord. 2016 spielten in Marottichal 1001 Amateure gleichzeitig Schach, was dem Dorf einen Asien-Rekord des Universal Records Forum einbrachte.

Die nächste Generation

Der Schachverein des Dorfes hat nach eigener Darstellung Regionalturniere organisiert und durchgesetzt, dass Schach in der Grundschule zum Lehrplan gehört. Ein aktueller Bericht beschreibt dagegen, dass das Dorf Schach noch in den Unterricht bringen will. Wie weit das tatsächlich umgesetzt ist, lässt sich aus beiden Darstellungen nicht sicher sagen.

Das bekannteste Gesicht der Jüngeren ist Gowrishankar Jayaraj. Anfang 2025 spielte er als 15-Jähriger im Teeladen blind gegen Baby John, der binnen rund 40 Minuten seine vierte Partie zu verlieren drohte. Damals hatte er eine FIDE-Zahl von 2012. Im selben Jahr verlieh ihm die FIDE den Titel Candidate Master, heute ist er 17.

Das Dorf hat auch den Regisseur Kabeer Khurana angezogen, der 2023 begann, Marottichals Weg aus der Sucht in einem 35-minütigen Film namens "The Pawn of Marottichal" zu erzählen.

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