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Fünf Pfund für einen Lewis-Turm

Eine kleine Elfenbeinfigur lag Jahrzehnte in einer Schublade in Edinburgh, nachdem ein Händler sie 1964 für fünf Pfund gekauft hatte. Erst Sotheby's erkannte, dass sie zu den Lewis-Schachfiguren gehört, die seit 1831 weltberühmt sind. Vier der einst fünf fehlenden Stücke sind bis heute verschwunden.

2. November 20263 Minuten LesezeitMatt am Montag

Im Verkaufsbuch eines Antiquitätenhändlers aus Edinburgh stand 1964 ein nüchterner Eintrag: „Antique Walrus Tusk Warrior Chessman“. Für die kleine geschnitzte Figur zahlte er fünf Pfund. Als er starb, erbte seine Tochter das Stück. Sie wickelte es sorgfältig in ein Tuch, legte es in eine Schublade und holte es hin und wieder heraus, um es anzusehen. Nach den Angaben, die 2019 bekannt wurden, ging das mindestens 55 Jahre so, und die Familie ahnte nicht, was sie da aufbewahrte.

Ein Fund von den Hebriden

Die Lewis-Schachfiguren wurden am 11. April 1831 zum ersten Mal öffentlich gezeigt, bei einem Treffen der Society of Antiquaries of Scotland in Edinburgh. Gefunden worden waren sie auf der Isle of Lewis in den Äußeren Hebriden, vermutlich in der Bucht von Uig. Die genauen Umstände sind unklar, es gibt sogar die Geschichte, eine grasende Kuh habe sie aus einer Sandbank freigelegt. Je nach Zählung umfasste der Hort 93 oder 94 Objekte, darunter 78 Schachfiguren, 14 Spielsteine für Brettspiele wie Backgammon und eine Gürtelschnalle. Fast alles ist aus Walrosselfenbein geschnitzt.

Entstanden sind die Figuren vermutlich zwischen 1150 und 1200, wahrscheinlich in Trondheim in Norwegen. Wie sie nach Lewis kamen, weiß niemand. Meist gilt die Erklärung, ein Kaufmann habe sie als Ware mitgebracht und versteckt. Die Könige und Königinnen sitzen auf Thronen, die Läufer halten Bischofsstäbe, die Springer reiten auf kleinen Pferden. Die Türme sind stehende Krieger mit Schwert und Schild, genannt Warder. Vier von ihnen beißen vor Kampfeswut in den Schildrand.

Heute liegen 82 Stücke im British Museum in London, das 80 Guineen dafür zahlte. Elf weitere besitzt das National Museum of Scotland in Edinburgh, sie kamen 1888 über Christie's dorthin. Seit 1831 galten ein Springer und vier Warder als verschollen, denn für die vier Schachsätze, aus denen der Hort bestanden haben soll, fehlten sie.

Der Experte glaubt es kaum

Im Jahr 2018 brachte die Familie die Figur zu Sotheby's nach London, zur Begutachtung. Alexander Kader, dort Co-Leiter für europäische Skulptur, erkannte sofort, was er in der Hand hielt.

Oh mein Gott, das ist einer der Lewis Chessmen.Alexander Kader, Sotheby's · übersetzt nach ChessBase

Die Figur ist 8,8 Zentimeter hoch und zeigt einen Warder mit Helm, Schild und Schwert. Sie ist angeschlagen, das linke Auge fehlt. Kader sagte, gerade dieser verwitterte, müde Krieger habe zum Charme beigetragen. Sotheby's prüfte die Herkunft mehrere Wochen lang. Der Vergleich mit den Stücken in den Museen ergab, dass die Figur zum Lewis-Typ gehört und aus derselben Werkstatt stammen dürfte. Feine, kanalartige Spuren auf der Oberfläche passen zu einer langen Lagerung in sandigem Boden, wie sie auch die Hortfunde zeigen. Eine Radiokarbonuntersuchung ergab allerdings einen Zeitraum von 1328 bis 1434, rund 80 Jahre später als die übliche Datierung des Horts. Da es für die Museumsstücke keine Vergleichsmessungen gibt, bleibt die Frage offen. Sotheby's räumte auch ein, dass es ohne bekannten Fundort „gesunde wissenschaftliche Debatte“ über die Zuordnung geben werde.

735.000 Pfund unter dem Hammer

Der Schätzpreis lag bei 600.000 bis einer Million Pfund. Am 2. Juli 2019 wurde die Figur bei Sotheby's in London für 735.000 Pfund zugeschlagen. Das war ein Rekord für ein mittelalterliches Schachstück bei einer Versteigerung. Den bisherigen Bestwert hatte 2016 ein deutscher König aus der Zeit um 1300 bis 1320 gehalten, der 653.000 Pfund erzielt hatte. Der Käufer blieb ungenannt, auch die Familie wollte anonym bleiben. Gezeigt wurde die Figur später unter anderem 2023 in der Neuen Galerie in New York.

Damit fehlen noch ein Springer und drei Warder. Kader rechnet nicht damit, dass sie bald auftauchen. Es könne weitere 150 Jahre dauern, bis das nächste Stück gefunden wird.

Wo die Figuren hingehören, ist seit 2007 umstritten. Damals forderten schottische Politiker, mehr als nur die elf Stücke in Edinburgh nach Schottland zu holen. Das British Museum blieb dabei, dass die Hauptsammlung in London bleibt. Immerhin wurden 2015 sechs seiner Figuren als Langzeitleihgabe an das Museum nan Eilean auf Lewis gegeben.

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